Schiffsmonument Ales stenar: Die Steineklauer von Ystad

Von Angelika Franz

Es war der neueste Schrei in Sachen Totenbau: Im siebten Jahrhundert stahlen die Menschen in Südschweden Steine für riesige Schiffsmonumente zusammen, Archäologen kamen ihnen nun auf die Spur. Die bekannteste Gedenkstätte steht nahe Kåseberga - sie ist vor allem bei Touristen beliebt.

Ales stenar: Tatort eisenzeitlicher Steineklauer Fotos

"Lassen Sie es mich mal so sagen: Es sieht verdammt gut aus!" Der Archäologe Björn Wallebom von der Universität Lund äußert sich enthusiastisch zu seinem jüngsten Fund. Dabei war das, was die Ausgräber im Boden nahe dem Ort Kåseberga in der Gemeinde Ystad gefunden hatten, eher spärlich. Lediglich Abdrücke haben sie entdeckt. Abdrücke von riesigen Steinen - die hier vor 5500 Jahren als Grabmal für einen Stammesanführer oder vielleicht auch nur einen wohlhabenden Bauern errichtet wurden.

Doch es ist gerade das Besondere an diesen Steinen, dass sie nicht mehr da sind. Denn das heißt: Jemand hat sie weggenommen. Und Ausgräber Bengt Söderberg, ebenfalls von der Universität Lund, denkt, dass die Erbauer des imposanten Steinschiffs Ales stenar sie entwendet haben. Ist das Rätsel um die Entstehung des Monuments aus der späten Eisenzeit nun gelöst?

Insgesamt besteht Ales stenar aus 59 imposanten Riesensteinen, aufgestellt in der Form eines Schiffes. Die Brocken sind bis zu 1,8 Tonnen schwer und etwa drei Meter groß. 40 Meter südwestlich des Grabes in Kåseberga erhebt sich das Schiff auf einem etwa 37 Meter hohen Hügel - direkt vor der steilen Abbruchkante zur Ostsee. Durch seine Nähe zum Fähranleger in Trelleborg liegt der Ort auf der Route unzähliger Schwedentouristen. Besonders unter den Deutschen erfreut sich das Monument großer Beliebtheit, in Reiseführern wird der Ort gern als "schwedisches Stonehenge" angepriesen.

Bekannter Tatort mittelalterlicher Steineklauer

Schon lange haben Forscher den Verdacht, dass die meisten der Megalithen zunächst Teile ganz anderer Monumente waren, denn die Mischung ist bunt. Bug- und Heckstein sowie zwei weitere Brocken sind aus weißem Sand. Das nächste Vorkommen liegt rund 40 Kilometer entfernt an der Ostseeküste zwischen Gilslövhammar und Simrishamn - von dort aus könnten die Steine mit dem Schiff die Küste entlang transportiert worden sein. Aber auch diverse Sorten Granit schleppten die Erbauer herbei, Gneis, Porphyr und Amphibolit in scheinbar wahlloser Anordnung. Da liegt die Vermutung nahe: alles nur geklaut.

Für diese These spricht auch noch ein weiteres Indiz. In einigen der Megalithen fanden die Archäologen merkwürdige schalenförmige Löcher. Solche runden Vertiefungen sind typisch für Steinmonumente der Bronzezeit - viele Gräber waren mit ihnen verziert. Doch bei den Megalithen von Ales stenar lagen diese schalenförmigen Löcher an den merkwürdigsten Stellen. Einige saßen knapp über dem Boden, andere gar ganz unter der Erdoberfläche, wo niemand sie hätte sehen können. Wenn die Vertiefungen aber an diesen Stellen keinen Zweck erfüllen, bleibt eine andere Erklärung: Sie waren schon da, als die Steine für das Schiff gesetzt wurden. Die Löcher gehörten zur Dekoration der ursprünglichen Monumente, von denen die Erbauer sie fortschleppten - bronzezeitliche Megalithgräber.

In der Steinzeit galt es zu klotzen

Das erklärt dann auch gleich, warum im weiten Umkreis von Ales stenar merkwürdig wenige bis gar keine Megalithgräber gefunden wurden - obwohl sie anderenorts in der skandinavischen Bronzezeit an jeder Ecke standen. Mit dem leeren Standplatz des einstigen Megalithkreises in unmittelbarer Nähe von Ales stenar haben die Archäologen jetzt zum ersten Mal einen möglichen Tatort der eisenzeitlichen Steineklauer lokalisieren können.

In der Eisenzeit war es in Skandinavien modern zu klotzen. Die Menschen bauten Grabmonumente nicht als Haufen mit nur drei oder vier Steinen wie noch in der Bronzezeit, sondern stellten riesige schiffsförmige Steinsetzungen in die Landschaft. "Sie brauchten dazu Ochsen, Sklaven, Seile, Schlitten, Schaufeln aus Holz und einfache Metallwerkzeuge", erklärt der schwedische Archäologe Martin Rundkvist.

Ein Fund aus dem Jahr 1989 könnte zeigen, wie sie dabei vorgingen: Das Schiff setzt sich aus zwei Parabeln zusammen. Genau am Fokus der südöstlichen Parabel fanden die Ausgräber in 75 Zentimetern Tiefe ein kleines Stück Holzkohle und einen Steinsplitter. Schlugen die Menschen an dieser Stelle einst einen Holzpflock ein, um den Brennpunkt zu markieren und den Verlauf der Parabel von hier aus zu messen?

Ausgräberin Märta Strömberg, die zu Beginn dieses Jahres verstarb, ließ die Holzkohle C14 datieren. Das Ergebnis: Irgendwann zwischen 545 und 755 n. Chr. schlugen die Baumeister hier ihren Pflock in die Erde. Ein weiterer Fund bestätigt dieses Datum. Die Ausgräber fanden ein Stückchen Birken-Holzkohle unter einem der Megalithen. Es muss also dort hingelangt sein, bevor der schwere Stein darüber errichtet wurde - es stammt aus der Zeit von 540 bis 650 n. Chr.

Wer aber waren die Leute, die hier ihre Toten begruben? Städte gab es noch nicht, die meisten lebten von der Landwirtschaft. "Sie waren in der Regel Analphabeten - und trotzdem kosmopolitisch, kriegerisch versierte Händler und Seefahrer", zählt Rundkvist auf. "Es ist die Welt von Beowulf."

Ales stenar beliebt bei New-Age-Anhängern

Nur eines waren die Erbauer von Ales stenar mit Sicherheit nicht: die führenden Astronomen ihrer Zeit, wie der Homöopath, Schriftsteller und selbsternannte Archäoastronom Bob G. Lind seit Jahren behauptet. Wer Ales stenar besucht, kommt an Lind nicht vorbei. Er hält Vorträge und verkauft seine Schriften sowie Fotografien von Sonnenauf- und -untergängen vor Ort an die Touristen.

Lind behauptet, das Schiff sei viel älter und stamme bereits aus der Zeit zwischen 700 und 400 v. Chr. Erbaut hätten es die Hyperboräer, ein mythisches Volk, das mehreren griechischen Geografen und Geschichtsschreibern zufolge weit im Norden lebte. Seine Theorie verkauft sich gut - besonders das Fernsehen liebt den Möchtegern-Wissenschaftler, der es versteht, sich dramatisch vor den Steinen in Szene zu setzen. So wurde Ales stenar zum Pilgerziel für New-Age-Anhänger, sagt Rundkvist. "New-Age-Mystiker mögen nun einmal aufrecht stehende Steine. Das ist durchaus eine internationale Bewegung."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn es denn dem Tourismus dient
Butenkieler 07.11.2012
dann ist es doch egal wer da wo was zusammengeklaut hat. Hauptsache: es ist da und kann bestaunt werden. Dann werden auch einige Kronen für die Umgebung abfallen!
2. Journalistisches Tiefstniveau
naseweis007 07.11.2012
"New-Age-Mystiker mögen nun einmal aufrecht stehende Steine. Das ist durchaus eine internationale Bewegung." lässt Frau Franz Herrn Rundkvist sagen. SPON-Journalisten und Leser natürlich auch. Ich frage mich allerdings, was wir von einem derartig schlampig redigierten Artikel halten sollen, wo nach dem Zwischentitel "In der Steinzeit galt es zu klotzen" unmittelbar das Dementi folgt: "In der Eisenzeit war es in Skandinavien modern zu klotzen." Ist ja auch egal, Frau Franz, wie? Übrigens: beide Aussagen sind für sich und miteinander purer Unsinn...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Archäologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Rätselhafte Kultstätte: Stonehenge wird immer größer