Politische Ideologien Was heißt eigentlich "konservativ"?

Zwei Männer haben in den vergangenen Wochen mit Thesen zu Konservatismus für Aufsehen gesorgt: ein ehemaliger Google-Entwickler - und der CSU-Politiker Alexander Dobrindt. Aber was meinen die beiden mit dem Begriff?

Alexander Dobrindt (CSU)
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Alexander Dobrindt (CSU)

Eine Kolumne von


"Denn das ist Konservatismus: Das Nachdenken über die Erfahrung und die theoretische Ausformulierung des Empfindens, Macht zu haben, sie bedroht zu sehen und zu versuchen, sie zurückzugewinnen."
Aus einem Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Corey Robin

Die Klageschrift, die James Damore und ein weiterer ehemaliger Google-Mitarbeiter bei einem kalifornischen Gericht eingereicht haben, enthält viele befremdliche bis lustige Sätze. Mir persönlich gefällt dieser besonders gut: "Googles offene Feindseligkeit gegenüber konservativem Gedankengut geht Hand in Hand mit unfairer Diskriminierung auf der Grundlage von Rasse und Geschlecht, was das Gesetz verbietet". Gemeint ist Damores eigene "Rasse" - er ist weiß - und sein eigenes Geschlecht.

69 Prozent aller Google-Mitarbeiter sind männlich und 56 Prozent weiß, 75 Prozent der Führung sind männlich. Männer verdienen bei Google im Durchschnitt so viel mehr als Frauen, dass das schon Gerichte beschäftigt. In Damores Klageschrift ist trotzdem zu lesen, in dem Unternehmen würden "männliche und weiße Angestellte weniger bevorzugt behandelt".

Im Kern geht es in der Klage darum, dass "Konservative" bei Google gezielt benachteiligt würden. Was aber ist mit "konservativ" gemeint? Einmal wird - als Beispiel für "konservative Positionen" - ein Mitarbeiter zitiert, der erklärt hatte, auf "unsere degenerierte Gesellschaft" solle man am besten reagieren, indem man seinen Kindern "schon möglichst früh traditionelle Geschlechterrollen und das Patriarchat" nahebringe. Anderswo stören sich die Kläger an dem Bemühen, auch nichtweiße, nichtmännliche Mitarbeiter zu gewinnen.

Wünschen sich deutsche Schützen amerikanisches Waffenrecht?

Ist das konservativ? Die Überlegenheit des Mannes und die der Weißen nun bitteschön endlich zu akzeptieren?

In den USA ist das Bild besonders verwirrend: Es gibt den Konservatismus der Tea Party, der auf wütender Ablehnung des Wohlfahrtsstaates und staatlicher Eingriffe allgemein gründet. Es gibt den Konservatismus der Evangelikalen, der sich primär aus der Ablehnung aller Lebensformen jenseits der klassischen Hetero-Familie und der Gegnerschaft zu Abtreibungsregeln speist.

Es gibt wirtschaftsfreundlichen Konservatismus, dem es meist um Steuersenkungen für Unternehmen geht, und den sogenannten compassionate conservatism mit sozialem Gewissen - auch wenn davon nicht so viel zu sehen ist.

Und in Michael Wolffs umstrittenem Trump-Buch "Fire and Fury" ist einiges darüber nachzulesen, wie der rassistisch-nationalistisch-isolationistische Konservatismus eines Steve Bannon mit den Vorstellungen anderer Republikaner kollidiert. Mit anderen Worten: Nicht einmal die Konservativen selbst sind sich einig, was "konservativ" bedeutet.

Auf ein paar Thesen können sich US-Konservative im Zweifel einigen, aber gerade mit denen sähe man in Deutschland kaum Land: Nicht einmal hartgesottene Schützenvereinsmitglieder würden sich hierzulande amerikanisches Waffenrecht wünschen, und selbst der rechte Rand der CSU träumt nicht von der Abschaffung der Krankenversicherung für alle.

Macht haben, Macht bedroht sehen

An dieser Stelle kommt der zweite Mann ins Spiel, der sich zuletzt als großer Theoretiker des Konservativen hervorgetan hat: Alexander Dobrindt. In seinem vielbesprochenen Artikel für die "Welt" beschwor der CSU-Landesgruppenchef eine vermeintlich dringend notwendige "konservative Revolution", was nach jemandem klingt, der schon verloren hat. Denn wer Macht besitzt, braucht keine Revolution.

Nun regiert Dobrindts Partei in Bayern seit etwa sechzig Jahren durchgehend und war im Bund 17 der vergangenen 25 Jahre an der Regierung beteiligt. Trotzdem fordert er einen "Aufbruch" in eine "neue, konservative Bürgerlichkeit". Es bleibt seltsam unklar, worin die bestehen soll.

Geht es allein ums Bewahren?

Das ist das eigentliche Problem der Konservativen : Es fällt ihnen sehr schwer, den Wesenskern ihrer Weltanschauung klar zu formulieren. Vielleicht, weil sich Rassismus, Sexismus und Nationalismus nur die abgebrühtesten Rechtspopulisten zu formulieren trauen. Vielleicht auch, weil es einfach keinen gibt.

"Konservativ" waren in der Geschichte mal diejenigen, die die Abschaffung des Absolutismus für einen Irrweg hielten, später dann auch mal die, die den Nazis zur Macht verhalfen, und noch später die Kritiker ungewöhnlicher Frisuren und kurzer Röcke.

Konservative haben im Lauf von zwei Jahrhunderten eine Routine darin entwickeln müssen, alte Positionen aufzugeben und sich neue zuzulegen. Es muss immer wieder etwas Neues gefunden werden, für dessen "Bewahrung" man streitet.

Liebe deinen Nächsten!

Was genau das Bewahrenswerte ist, definiert auch Dobrindt nicht richtig. Selbst ein CSU-Politiker kann längst nicht mehr offen gegen Schwule wettern oder fordern, dass Frauen sich auf Kinder und Küche beschränken sollen, von rassistischen Äußerungen ganz zu schweigen. Gut, den Islam kann man kritisieren, aber auch nicht zu sehr. Dabei sind gerade Islamisten sehr konservativ.

Dobrindt selbst möchte "Rechtsextreme, die gegen Ausländer hetzen" gerne ins Gefängnis stecken, "Nationalisten" findet er nicht gut, "Heimat und Vaterland" dagegen schon. Einen "schleichenden Freiheitsverlust" diagnostiziert er, bekämpft werden soll der Verlust dadurch, dass der Sozialstaat "Sicherheit schafft, aber gleichzeitig Anreize zu Leistung setzt". Ein Satz, der direkt aus der Agenda 2010 des SPD-Politikers Gerhard Schröder stammen könnte.

Gut findet Dobrindt "die Familie" und "christliche Werte". Immerhin: Die CSU hat, was das Thema "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" angeht, eine echte Innovation anzubieten - die Kombination von Nächstenliebe mit der Obergrenze.

Lösen lässt sich das Identitätsproblem der Konservativen, wenn sie nicht einfach die Positionen rechtsnationaler Populisten von Bannon bis AfD übernehmen wollen, wohl nur auf eine Weise: Mit einem bisschen Differenzierung. Rechts und links, konservativ und progressiv, die alten, dichotomen Kategorien politischer Ausrichtung also, sind in einer multipolaren, aufgeklärten, globalisierten Welt nicht mehr trennscharf.

Ein kleiner Trost vielleicht: Dieses Problem teilen die Konservativen mit denen von der ehemals anderen Seite: den Linken.

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Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 142 Beiträge
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Kokolemles 14.01.2018
1. Konservativ heisst verbohrt rückständig
Gegen alles Neue was das Leben verbessrt sein. Z.B. die Eheöffnung für Schwule und Lesben. Jahrhundertelang haben diese bedauernswerten Menschen leiden müssen, ihre sexuelle Lebensweise immer verstecken müssen. Dadurch sint sie um eines ihrer Lebensfreuden gebracht worden und haben Physichen Schaden genommen. Schlimmstenfaölls hat sie dieseer Umstand in den Selbstmord getrieben. Deshalb und wegen nvieler anderen Sachen ist Konservatismus für mich genau wie der Nationalsozialismus ein Verbrechen. Man stellt sich das mal vor. Da masst sich ein Politiker an seine Vorstellung von der Gesellschaft und Lebensweise anderen die das nicht wollen einfach durch Gesetze aufzingen zu wollen. es wird Zeit das die Bevölkerung sich von solchen Subjekten befreiht und diese zum Teufel jagt.
kritischer-spiegelleser 14.01.2018
2. Ich sehe konservativ als Gegenpunkt zu global
Dieser Globalismus, der alles für alle aufmacht, der von der Wirtschaft erfunden wurde und dann von den Eliten als Dogma übernommen wurde ist eine Richtung, die Konservativen die Heimat nehmen will und nationale und staatliche Interessen unterdrückt. Bemerkenswert ist nur, dass Konservative den Staat aufgebaut haben, den Globalisten, die nichts oder wenig beigetragen haben, verschenken wollen!
Tante_Frieda 14.01.2018
3. Allzusehr
In der Tat:Allzusehr kann Herr Dobrindt es mit seiner konservativen Revolution nicht meinen.Meinte er es ernst,müsste er dafür sorgen,dass Herr Spahn,der eben erst seinen Mann (!) geheiratet hat,aus der Union entfernt würde.Sein Ministerpräsident Seehofer müsste - als verheirateter Familienvater mit einem unehelichen Kind - wegen ideologischer Abweichung sofort den Hut nehmen und schließlich müsste Angela Merkel,wenn sie dem konservativen Weltbild eines Herrn Dobrindt entsprechen sollte,zurück als braves Muttchen an Heim und Herd.Man sieht:Alles nur Schaumschlägerei,was dieser Herr dem geneigten Publikum anbietet.Er bleibt sich eben treu...
sixtymirror 14.01.2018
4. Konservativ?
Wer einen Anzug trägt ist vielleicht konservativ, wer einen Anzug mit Weste trägt ist wahrscheinlich konservativ, und wer einen Anzug mit zweireihig geknöpfter Weste trägt ist wahrscheinlich erzkonservativ (oder ein Modegockel). Daraus kann man dann kulturelle Einstellungen ableiten: Wer konservativ ist, hört keine E-Musik, die jünger als 120 Jahre ist. Wer erzkonservativ ist mag keine Malerei, die neuer als 80 Jahre ist. Warum? Der erzkonservative ist amusisch und kann kulturelle Aspekte nicht selbständig beurteilen. Auch im politischen hapert es mit dem eigenständigen Denken - darum braucht der erzkonservative eine Leitfigur. Er hat Angst vor der Unübersichtlichkeit, dem Neuen, denn es könnte zum Verirren führen - dem Verlust von Basis und Ziel.
pr8kerl 14.01.2018
5. Bitte verschont uns mit Dobrindt
Konvervativ sein heißt für Dobrindt: Nichts tun. Als Verkehrsminister hat er wunderbar bewiesen dass er nichts tun kann. Nichts tun gegen das sich abzeichnende Diesel-Drama, nichts tun gegen die sich abzeichnenden Klagen der Niederlande und Österreichs gegen Deutschlands Maut. Jetzt sieht er wieder nicht, dass die GroKo scheitern könnte, weil die CSU der SPD in den Verhandlungen keinen wichtigen Erfolg für ihre Basis gönnen wollte. Nichts tun bedeutet für diesen konservativen Herrn womöglich demnächt Wahlkampf führen. Wenn er auch da nichts tun wird die CSU in Bayern deutlich unter 40 Prozent fallen, wie Umfragen zeigen.
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