Strahlenkrankheit So heimtückisch tötet Polonium-210

Es ist die perfekte Tatwaffe: Das Polonium-210, das Alexander Litwinenko umgebracht hat, wird erst zur Todesfalle, wenn es in den Körper gelangt. Doch was macht das Gift dort?

Symbol für Radioaktivität: Kleinste Mengen Polonium-210 genügen, um zu töten
REUTERS

Symbol für Radioaktivität: Kleinste Mengen Polonium-210 genügen, um zu töten


Es war ein Attentat wie in einem Thriller: Auf rätselhafte Weise war 2006 der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko erkrankt und siechte qualvoll dahin. Die Haare fielen ihm aus, er wurde immer schwächer, es kam zu Blutungen. Am 23. November starb er schließlich in einem Londonder Krankenhaus - an einer "hohen Dosis" Polonium-210. Bis heute ist der Mord an dem ehemaligen Geheimdienstler nicht restlos aufgeklärt. Ein britischer Untersuchungsbericht kommt jetzt zu dem Schluss, dass der Mord im Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB erfolgt war.

Doch was macht das Gift im menschlichen Körper?

Polonium-210 ist eines von 25 Isotopen des chemischen Elements Polonium. In geringsten Mengen kommt es in der Natur vor: Sowohl im menschlichen Körper ist es zu finden als auch in der Luft, Erde oder in Tabak. Das Isotop ist instabil und zerfällt - mit anderen Worten: Polonium-210 ist radioaktiv.

Alphastrahlung wird leicht abgeschirmt

Bei der Strahlung, die Polonium abgibt, handelt es sich um die Alphastrahlung. Diese besteht aus Heliumkernen und ist normalerweise ungefährlich, wenn sie von außen auf den Körper trifft. Die menschliche Haut genügt als Barriere, um die Alphastrahlung abzuschirmen. Auch für jenen, der das Polonium-210 etwa in einem Glasfläschchen transportiert, besteht deshalb keine Gefahr. Bei der Explosion einer Kernwaffe wird dagegen Gammastrahlung freigesetzt, die in den Körper eindringt.

Anders ist es, wenn Polonium-210 in den Körper gelangt - entweder über das Essen, über Getränke oder durch Einatmen. Dann entfaltet die Strahlung ihre zerstörerische Wirkung. Je nach Dosis langsam binnen Wochen oder schnell binnen Tagen.

Zwar wird ein großer Teil des aufgenommenen Poloniums direkt wieder ausgeschieden. Doch über den Blutstrom erreicht der Rest verschiedene Gewebe und Organe. Dort hat die Alphastrahlung eine so große Energie, dass sie Zellstrukturen geradezu zertrümmert. Zudem schädigt sie die DNA. Ist das Erbgut zu schwer beschädigt, stirbt die Zelle ab. Vor allem bei jenen Zellen, die sich schnell teilen, macht sich das als Erstes bemerkbar - etwa bei Knochenmarks- oder Darmzellen.

Ein Prozess kommt in Gang, der als gefährliche Strahlenkrankheit bekannt ist. Meist fängt es mit Schwindel und Kopfschmerzen an. Später kommen Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Müdigkeit hinzu.

Haarausfall und Blutungen aus Mund oder Nase

Im weiteren Verlauf der Strahlenkrankheit treten unkontrollierte Blutungen etwa aus Nase, Mund oder Rektum auf, es kommt zu Haarausfall und Blutarmut. Im schlimmsten Fall kollabiert der Körper: Koma, Kreislaufversagen und ähnliche dramatische Auswirkungen können den Tod bringen. Bei weniger hohen Dosen sind Leber- und Blasenkrebs, Leukämie und ähnlich schwere Erkrankungen die Folge.

Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) reicht weniger als 0,1 Mikrogramm (Millionstel Gramm) Polonium-210 für einen tödlichen Giftanschlag aus - eine Menge, die etwa einem Staubkorn entspricht. Gleichwohl: Nur wenige Länder können es mit Hilfe eines Nuklearreaktors herstellen - deshalb gingen Experten davon aus, dass das Polonium für den tödlichen Anschlag auf Litwinenko aus einem militärischen oder wissenschaftlichen Labor stammen muss. Schätzungen zufolge werden weltweit gerade einmal hundert Gramm pro Jahr produziert. Beim Zerfall werden große Energiemengen freigesetzt - deshalb wurde es früher unter anderem als Wärmeenergiequelle an Bord von Satelliten genutzt.

Am einfachsten lässt sich Polonium-210 im Körper über Urinproben nachweisen. Etwas aufwendiger ist der Nachweis über Stuhlproben. Doch die biologische Halbwertszeit von Polonium-210 beträgt nur 50 Tage. Nach 50 Tagen ist die Hälfte der aufgenommenen Menge im Körper zerfallen.

cib/joe

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
fixik 21.01.2016
1.
Dieser Fall interessiert doch eh keinen mehr mit einem gesunden Menschenverstand. Ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter wurde von ehemaligen Kollegen getötet. Und jetzt? Wir wissen, wie es bei Geheimdiensten abläuft, wir wissen auch, dass auch unsere Geheimdienste genauso arbeiten. Darum möchten wir von denen auch nicht überwacht werden, darum sind wir unsicher, ob wir überhaupt solche Dienste brauchen. Darum müssen diese Dienste gründlich beobachtet werden. Hier macht die Presse große Show daraus, weil man hier Propaganda gegen Russland machen kann, obwohl die selber wissen, dass es hier bei uns genauso abläuft. Wer wusste nicht, wie Geheimdienste mit Verrätern umgeht? Hätte NSA Snowdon noch vor der Landung in China abgefangen, wir würden nie was von dem erfahren. Dann hätten höchstens die Angehörige von Snowdon ein Brief bekommen, dass ihr Snowdon bei einem Autounfall verstorben ist.
nocheinbuerger 21.01.2016
2.
"Beim Zerfall werden große Energiemengen freigesetzt - deshalb wird es unter anderem als Wärmeenergiequelle an Bord von Satelliten genutzt." Genau deswegen ist es äußerst unwahrscheinlich, daß Litwinenko mit Polonium vergiftet worden sein soll, zumal noch lt. Berichten der britischen Presse mit 1 (!) Gramm Polonium.
wdiwdi 21.01.2016
3. Wo kommt die 25 her?
"Polonium-210 ist eines von 25 Isotopen des chemischen Elements Polonium". Es sind alle Isotope von Po-220 bis Po-188 experimentell bekannt, also 33. Zählt man die metastabilen Varianten dazu, sind es über 50. Isotope mit Halbwertszeiten, die groß genug sind, um messbare Mengen anzureichern, gibt es allerdings nur 3 (Po-208 bis 210). Die Herkunft der 25 bleibt mysteriös.
Markus Landgraf 21.01.2016
4. Leider falsch
" deshalb wird es unter anderem als Wärmeenergiequelle an Bord von Satelliten genutzt" Stimmt nicht. Satelliten nutzen Plutonium, nicht Polonium. Und zwar wird 239Pu benutzt weil es die richtige Zerfallsrate hat. Alternativ kann man auch 241Am verwenden. 210Po ist aber für den Einsatz im Weltraum ziemlich nutzlos.
muellerthomas 21.01.2016
5.
Zitat von nocheinbuerger"Beim Zerfall werden große Energiemengen freigesetzt - deshalb wird es unter anderem als Wärmeenergiequelle an Bord von Satelliten genutzt." Genau deswegen ist es äußerst unwahrscheinlich, daß Litwinenko mit Polonium vergiftet worden sein soll, zumal noch lt. Berichten der britischen Presse mit 1 (!) Gramm Polonium.
Gut dass es hier im Forum Experten für Strahlenmedizin gibt und somit die sonst nicht angezweifelte Diagnose schnell widerlegt werden kann.
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