Humboldts Blick auf Ureinwohner Edle Wilde?

Alexander von Humboldt ist für seine Lateinamerika-Reisen berühmt. Anfangs idealisierte der Naturforscher die Ureinwohner des Kontinents. Dann entdeckte er den Kannibalismus am Orinoco.

Alexander von Humboldt
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Alexander von Humboldt

Von Maren Meinhardt


Es ist einer der Momente, für die Humboldt sich auf den Weg gemacht hat, auf den er hin gefiebert hat: der Augenblick, in dem er zum ersten Mal den Ureinwohnern Lateinamerikas begegnet. Humboldt hat sich vorbereitet. Er hat viel gelesen, den französischen Aufklärer Rousseau zum Beispiel, der die "edlen Wilden" feiert und den angeblich unverfälschten Naturzustand, in dem diese Menschen leben. Aber er kennt auch Schriften von Autoren, die den neuen Kontinent nie betreten haben, Natur und Menschen dort aber dennoch für minderwertig halten.

Doch das alles war Theorie. Jetzt kommt die Bewährungsprobe in der Praxis: Die ersten Einheimischen sind in Sicht! Ob Humboldts Herz stärker klopft, ob er aufgeregt ist? In jedem Fall beobachtet er genau, was passiert. In zwei Pirogen rudern sie aus einer Bucht in Richtung der "Pizarro".

Der Kapitän der Fregatte hatte mit einem Kanonenschuss seine Ankunft signalisiert; versehentlich hatte er das Schiff in eine seichte Durchfahrt zwischen zwei Inseln manövriert. Die Inselbewohner sind alarmiert, sie eilen herbei. Jedes ihrer Boote ist aus einem einzigen Baumstamm gefertigt, bemannt mit 18 "kupferbraunen, halbnackten Indianern". "Ihr Körperbau zeugte von großer Muskelkraft . Von weitem, wie sie unbeweglich dasaßen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie für Bronzestatuen halten", notiert Humboldt seinen ersten Eindruck.

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Kurz ist unklar, wie sich die Situation entwickeln wird: Vielleicht stutzen die fremden Männer, weil sie die "Pizarro" für ein englisches Kriegsschiff halten. Sie wahren Distanz, beraten sich. Doch die seefahrerische Inkompetenz des Kapitäns ist nicht zu übersehen - von diesem Schiff geht eindeutig keine Gefahr aus.

Die Pirogen legen längsseits an und offerieren den Passagieren Lebensmittel zum Kauf: frische Kokosnüsse, Kürbisse, Fische, "deren Farben wir nicht genug bewundern konnten". Darüber hinaus bieten sie an, einen der Ihren an Bord zu schicken, um die "Pizarro" in den Hafen von Cumaná zu lotsen. Der Mann ist vom Stamm der Guayquerí, heißt Carlos del Pino und spricht vorzüglich Spanisch. Bis spät in die Nacht sitzt Humboldt in angeregter Unterhaltung mit ihm auf dem Verdeck der "Pizarro".

Indianer, die noch völlig unberührt von der Zivilisation leben, gibt es zumindest in der Nähe der Küste nicht mehr. Entweder leben die Indigenen in Missionen, oder sie leben zwar frei und unabhängig, aber dennoch unter der spanischen Kolonialherrschaft, treiben Handel mit den Europäern zu Preisen, die von diesen festgelegt werden. Den Kontakt mit Europäern sind sie gewohnt, gefährlich ist der Kontakt mit den Stämmen hier nicht mehr.

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Aufregend ist es trotzdem. Die Lebensweise der ursprünglichen Einwohner fesselt Humboldt: Sie ist so anders als das, was er aus seiner preußischen Heimat gewöhnt ist, auf ihn wirkt sie lebendig, spannend, kaum zu vergleichen mit dem eintönigen Leben in Deutschland. Er fühlt sich nicht überlegen, eher im Gegenteil. Er will von den Einheimischen lernen, mehr über ihr Leben erfahren. Sehr gern nimmt er die Einladung del Pinos an, dessen Haus zu besichtigen. Über die nächsten Wochen wird der Mann zu einem Freund, begleitet ihn als Dolmetscher auf seinen Expeditionen in den Urwald.

Minderwertig oder schwächlich ist hier niemand; solche Theorien haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun, konstatiert Humboldt schon gleich nach seiner Ankunft. Begeistert, fast verherrlichend schreibt Humboldt an seinen Bruder Wilhelm: "Ein ausgewachsener Karibe gleicht einem aus Erz gegossenen Herkules." Und auch sonst sieht er überwiegend Gutes bei den Fremden: Er rühmt die Sauberkeit und Ordnung, die er bei den Chayma-Indianern beobachtet. Und er verteidigt die Ureinwohner, wenn er findet, dass man ihnen unrecht getan habe.

Der französische Forschungsreisende Charles Marie de la Condamine hat den amerikanischen Sprachen eine Armut im Ausdruck unterstellt. Das Gegenteil sei der Fall, schreibt Humboldt an seinen Bruder: Die karibische Sprache habe abstrakte Begriffe, auch Zahlwörter, sei ausdrucksstark und zugleich subtil. Quechua, die Sprache der Inkas, "ist so reich an feinen und mannigfachen Wendungen, dass die jungen Herren, um den Damen Süssigkeiten vorzusagen, gemeiniglich Inka zu sprechen anfangen, wenn sie den ganzen Schatz des Kastilischen erschöpft haben".

Wer war Alexander von Humboldt?
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    Alexander von Humboldt (14. September 1769 bis 6. Mai 1859) war ein deutscher Naturforscher und Universalgelehrter. Er unternahm mehrjährige Forschungsreisen. Berühmt wurde er vor allem durch seine Aufzeichnungen aus Lateinamerika, wo er in mehreren Reisen das Amazonasgebiet erkundete, durch das heutige Peru oder Mexiko reiste. In Ecuador bestieg er zusammen mit seinem französischen Begleiter Aimé Bonpland den über 6000 Meter hohen Vulkan Chimborazo. Humboldt unternahm Forschungen in etlichen Fachgebieten, darunter der Zoologie, Botanik, Geologie, Physik und Chemie.

Doch Begeisterung allein genügt ihm nicht, und auch nicht das Wissen, das er über die Ureinwohner und ihre Bräuche und Sprachen ansammelt. Humboldt will nicht nur Beobachter sein, am liebsten würde er wissen, wie es sich anfühlt, in der Haut des anderen zu stecken. Eines Tages, am Orinoco, ist er nah dran: Er ist fasziniert von den Gesichtsbemalungen der Stammesangehörigen, kommt mit einigen von ihnen ins Gespräch. Ob man ihm vielleicht auch das Gesicht bemalen könne? Die Leute erfüllen die Bitte, nur leider: Der Farbstoff hat ätzende Eigenschaften und lässt sich nicht abwaschen. Als Humboldt Wochen später wieder in der vergleichsweise zivilisierten Stadt Angostura (heute: Ciudad Bolívar) ankommt, trägt er immer noch schwach sichtbare Tupfer und Striche im Gesicht.

Es stört ihn nicht. Warum auch? Humboldt sieht in den Einheimischen einen durch die Zivilisation unverdorbenen Menschenschlag, er idealisiert sie geradezu. Umso größer jedoch ist seine Enttäuschung, wenn Idealbild und Wirklichkeit nicht zueinanderpassen. Am Strand der Orinoco-Insel Pararuma zum Beispiel lagern einige Stämme, die sich zur jährlichen Schildkröteneierernte versammelt haben. Wie sie so dasitzen, kann Humboldt beim besten Willen nichts Edles an ihnen finden. Seine Beschreibung liest sich geradezu schockierend: Dass "diese Eingeborenen, wie sie da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern auf das Getränk glotzen, das sie bereiten", das passt nicht allzu gut in seine Theorie eines edlen Urzustands.

Aber er hat doch Skrupel, allein den Indigenen die Schuld dafür zuzuschreiben: Das Problem, schließt er, entstehe, wenn Ureinwohner von ihrem Naturzustand entfremdet werden, meist durch Einfluss der Missionare. Und es gibt noch mehr, was sich nur schwer mit Humboldts verklärtem Bild vereinbaren lässt - den Kannibalismus zum Beispiel, dem er am Orinoco begegnet.

Aber selbst jetzt noch akzeptiert Humboldt, dass die Wirklichkeit je nach kulturellem Blickwinkel anders aussieht. Es habe keinen Sinn, Kannibalen Vorhaltungen zu machen, schreibt er: Das wäre ungefähr so, "als ob ein Brahmane vom Ganges, der in Europa reiste, uns darüber anließe, dass wir das Fleisch der Tiere essen".

Eine Begegnung auf Augenhöhe?

Es wirkt verblüffend modern, wie der junge Berliner sich in dem fremden Land verhält: Er begegnet den indigenen Einwohnern voller Respekt auf Augenhöhe, zeigt eine erstaunliche Fähigkeit, sich in ihre Lage zu versetzen, er beobachtet, ohne zu urteilen.

Doch mindestens einmal benimmt er sich den Indigenen gegenüber wie der typische Eroberer aus der Alten Welt, rücksichtslos, nur auf die eigenen Interessen bedacht. Auf der Rückreise vom Orinoco besucht er mit Bonpland die Höhle von Ataruipe, eine Begräbnisstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures. Das Gewölbe birgt Hunderte Skelette, alle sorgfältig verstaut in geflochtenen Körben. Manche sind so klein, dass sie für neugeborene Kinder gedacht sein müssen.

Humboldt öffnet mehrere dieser Behältnisse. Die Knochen kommen ihm nicht allzu alt vor, höchstens hundert Jahre, schätzt er. Er misst einige der Schädel. In diesem Moment werden die indigenen Führer unruhig. Es ist offensichtlich, dass er gegen ihren Willen handelt - sogar, wie er selbst schreibt, zu ihrem "großen Ärgernis".

Trotzdem geht er noch weiter: Er packt menschliche Überreste ein - "mehrere Schädel", so berichtet er, sowie "das Skelett eines Kindes von sechs bis sieben Jahren und die Skelette zweier Erwachsener".

Obwohl sie die Knochen in Tücher wickeln und so gut verstecken, wie sie nur können, scheinen alle Indigenen, denen sie begegnen, sofort zu wissen, was in den Bündeln ist. Sie lassen Humboldt und Bonpland zwar ziehen, aber erklären ruhig, dass es ihre Verwandten seien, die sie da wegtragen. Und neue Maultiere mag ihnen auch niemand verkaufen.

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Stellt Humboldt in diesem Augenblick die wissenschaftliche Erkenntnis vor den Respekt gegenüber der Kultur seiner Gastgeber? Ihm ist durchaus bewusst, dass er eine Grenze überschritten hat: "Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe", notiert er später über diese Situation.

Gegen Ende seiner Reise, nach Begegnungen mit vielen verschiedenen Stämmen, trifft er im Vizekönigreich Peru auf die Kultur der Jívaro. Sie sind Kopfjäger, gefürchtet, weil sie die Häupter ihrer Feinde zu Schrumpfköpfen machen. Humboldt jedoch gewinnt einen durchaus positiven Eindruck: den von einem sympathischen und selbstbewussten Volk, das, anders als die meisten anderen Stämme, nie unterworfen worden ist.

Humboldt fällt auf, dass die Jívaro, anders als die meisten anderen Kulturen, denen er begegnet ist, ein erstaunliches Talent haben, Sprachen zu imitieren (er probiert Deutsch, Französisch und Englisch an ihnen aus). Aber nun realisiert er, dass auch er eine Art Forschungsobjekt für die Einheimischen geworden ist.

Die meisten anderen Stämme waren wenig interessiert an einem Austausch, antworteten oft lustlos auf Humboldts Fragen und gaben eher solche Antworten, die sie für gewünscht hielten. Sie kooperierten, aber eher aus Kalkül, so wie sie es eben im Umgang mit den herrschenden Europäern gewohnt waren. Doch die Jívaro begegnen Humboldt voller Respekt und mit viel Interesse. Sie sind begierig - es ist geradezu eine Obsession, findet Humboldt -, ihm ihre eigene Sprache beizubringen. Das Essen der Gäste lehnen sie allerdings freundlich, doch mit deutlichem Ekel ab.

Zu Beginn seiner Reise hatte Humboldt noch aufgeregt nach Hause geschrieben, dass die Indigenen "die interessantesten Gegenstände" für den Naturforscher darstellten. Rasch aber wird ihm klar, dass er es in diesem Fall eben gerade nicht mit Gegenständen zu tun hat. Die Beziehung ist wechselseitig: Der Indigene schaut zurück.



insgesamt 4 Beiträge
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Worldwatch 22.05.2018
1. Bis heute heisst es ...
... ?Gegenstand der Forschung?, obgleich nicht zwingend dingliche Forschung betrieben wird. A.v.Humboldt war vielfach seiner Zeit voraus bis modern. Er sah Menschen, wo man damals wilde Tiere und Ausbeutungsobjekte in ihnen sah. Leider sind viele, ja allzuviele Zeitgenossen daheim wie in der Welt so modern wie Humboldt damals schon war.
ruhepuls 22.05.2018
2. Edle Wilde?
Der "edle Wilde" ist eine Ausgeburt unserer Sehnsüchte nach einer heilen Welt und sagt viel über unsere Zivilisationsmüdigkeit, aber nichts über das wirkliche Leben der "Wilden". Alle Naturvölker hatten und haben ihre "schönen" und weniger schönen Seiten, genau wie wir auch. Für die Natur waren sie natürlich allesamt verträglicher als der moderne Mensch mit seinen vielen künstlichen, ressourcenfressenden Bedürfnissen. Nur würden wir heute weder mit der ursprünglichen Natur, noch mit ursprünglichen Menschen lange zurecht kommen - dafür ging es da doch etwas zu rau zu. Schon eine einfache, traditionelle Büffeljagd würde viele "Indianerfans" an den Rand ihrer Toleranz bringen. Und, was Naturmenschen unter "in Harmonie mit der Natur" verstanden, unterscheidet sich drastisch von dem, was wir mit Harmonie meinen.
paulz+ 22.05.2018
3.
Ich frage mich, ob eine höher entwickelte, aber auf ihre Weise genauso abgefuckte Zivilisation auch uns als edle Wilde sehen würde, die im Einklang mit der Natur und ihren Instinkten leben. Wenn sie so viele Trilliarden Bewohner hätte, dass sie jeden Tag einen erdähnlichen Planeten komplett verbrauchen müsste, müssten wir ihr ja wie die reinsten Ökos erscheinen. Da das abendländische Bleichgesicht aber zu den unedelsten Wilden der Weltgeschichte zählt – jenen, die ihr Grausamkeits-Potential maximal ausgeschöpft haben – stimmt es durchaus, dass, mit ihm als Maßstab, selbst Kannibalen edel waren. (Jede Interpretation dieses Beitrags, welche gegen die Forumsregeln verstößt, ist falsch.)
Survival International 23.05.2018
4. Vergessen Sie Rousseau
Es gibt ausreichend Belege dafür, dass indigene Völker die besten Umweltschützer sind. Ohne Frage besser als viele unserer aufgeblähten Naturschutzorganisationen mit ihrem kolonialem Weltbild.
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