Wirkung von Alkohol: Schlucken und schlagen

Von Anne Beck und Andreas Heinz

Alkohol enthemmt und macht aggressiv - doch längst nicht jeden. Warum werden manche Betrunkene gewalttätig, während sich andere im Rausch verunsichert zurückziehen? Zwei Forscher erklären, wie das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe die Reaktion auf Alkohol beeinflusst.

U-Bahn-Schläger Torben P. (April 2011, Berlin): Tat aufgrund starken Alkoholkonsums? Zur Großansicht
dapd/ Polizei

U-Bahn-Schläger Torben P. (April 2011, Berlin): Tat aufgrund starken Alkoholkonsums?

Berlin, U-Bahnhof Friedrichstraße: In der Nacht zum Ostersamstag 2011 schlägt der 18-jährige Gymnasiast Thorben P. einen Mann mit einer Flasche nieder. Dann tritt er mehrfach mit dem Fuß gegen den Kopf des reglos am Boden liegenden Handwerkers. Das Opfer erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma, einen Nasenbeinbruch und Prellungen - eine Tat, die auf das Konto übermäßigen Alkoholkonsums geht. So zumindest entschied das Landgericht Berlin und ging von einer verminderten Schuldfähigkeit des Schlägers aus.

Die hinzugezogene Gutachterin gab an, es sei "nicht vollkommen auszuschließen, dass die Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten zur Tatzeit durch Alkohol erheblich vermindert gewesen sein könnte". Zwar lag keine Blutprobe des Schülers vor, doch das Überwachungsvideo schien zu beweisen, dass der Angreifer durch den Alkohol in seinem Verhalten "deutlich enthemmt war". Letztlich wurde der Schüler wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

Alkohol macht von allen bewusstseinsverändernden Substanzen am ehesten aggressiv, so eine Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Epidemiologische Studien belegen, dass extreme Trunkenheit bei etwa der Hälfte aller Gewaltverbrechen und sexuellen Übergriffe eine entscheidende Rolle spielt. Auch eine amerikanische Metaanalyse belegt diesen Zusammenhang: Menschen, die mindestens einmal im Jahr einen Vollrausch haben, sind etwa doppelt so häufig in öffentliche oder häusliche Gewaltdelikte verstrickt wie Personen mit maßvollem Trinkverhalten.

Ein erfolgreicher Entzug kann das Verhalten normalisieren

Umgekehrt scheint ein erfolgreicher Entzug das Verhalten wieder zu normalisieren. Alkoholkranke Männer, die es schafften, ein Jahr lang trocken zu bleiben, waren ihren Partnerinnen gegenüber weniger gewalttätig. Das stellten Psychologen der Harvard Medical School in Boston fest.

Allerdings wird nur eine kleine Zahl von Menschen unter Alkoholeinfluss gewalttätig. Der Schlüssel dazu liegt im Gehirn. So ergaben eine ganze Reihe placebokontrollierter Studien, dass der Rausch die Funktionen des präfrontalen Kortex beeinträchtigt, einer Hirnregion, die beim Planen und Kontrollieren von Handlungen aktiv wird. Wer betrunken ist, kann ähnliche Verhaltensdefizite zeigen wie Personen, deren Stirnhirn etwa durch einen Unfall verletzt wurde: So leidet die Fähigkeit, die eigenen Handlungen zu steuern, die Aufmerksamkeit ist gestört, Informationen werden langsamer und fehlerhaft verarbeitet. Außerdem sind Alkoholisierte nur noch eingeschränkt in der Lage, ihr Verhalten an eine gegebene Situation anzupassen. Sie reagieren daher möglicherweise aggressiv oder gewalttätig, wenn sie sich von ihrem Gegenüber bedroht oder provoziert fühlen.

Einige Regionen des präfrontalen Kortex sind mit Strukturen des limbischen Systems wie der Amygdala verknüpft und wirken regulierend auf die Verarbeitung von Gefühlen. Eine eingeschränkte Funktion des Stirnhirns kann daher leicht dieses für die Emotionsverarbeitung wichtige Areal "überkochen" lassen, wie Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren belegen.

Der Psychiater Emil Coccaro von der University of Chicago blickte ins Gehirn seiner Probanden, während diese mit Bildern von wütenden Gesichtern konfrontiert wurden. Der Forscher stellte fest, dass bei Probanden, die zu aggressivem Auftreten neigen, im Vergleich zu unauffälligen Kontrollpersonen die Amygdala verstärkt aktiv war. Ihr Stirnlappen sprach dagegen kaum auf die Fotos an. Tatsächlich war die Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalem Kortex verändert. Die Folge waren überbordende Emotionen, die sich nur schwer kontrollieren ließen.

Ist die Funktion der Amygdala bei gewaltbereiten Menschen erhöht, sprechen Fachleute von einer reaktiven oder heißen Aggression. Ähnliches findet wahrscheinlich statt, wenn ein Betrunkener außer Kontrolle sein Gegenüber attackiert. Im Gegensatz dazu kennt man auch die Variante der instrumentellen oder kalten Aggression, die mit einer Unterfunktion der Amygdala einhergeht. Sie scheint bei Menschen mit sogenannten antisozialen Persönlichkeitsstörungen eine Rolle zu spielen, die anderen völlig emotionslos Leid zufügen.

Allerdings: Dass Alkohol den präfrontalen Kortex beeinträchtigt, vermag die erhöhte Gewaltbereitschaft noch nicht zu erklären. Denn längst nicht jeder Mensch wird aggressiv, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat. Sehr wahrscheinlich spielt das Feintuning durch Botenstoffe im Denkorgan eine entscheidende Rolle.

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1. Es wird Zeit...
youhavebeenquined 27.05.2012
Zitat von sysopAlkohol enthemmt und macht aggressiv - doch längst nicht jeden. Warum werden manche Betrunkene gewalttätig, während sich andere im Rausch verunsichert zurückziehen? Zwei Forscher erklären, wie das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe die Reaktion auf Alkohol beeinflusst. Alkohol kann enthemmen und aggressiv machen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,835028,00.html)
... dass Straftaten, die unter Alkoholkonsum begangen werden ebenso geahndet werden, als wären sie ohne Alkoholeinfluss geschehen. Wenn wir davon ausgehen wollen, dass Menschen überhaupt verantwortungsvoll handeln können, sollte das auch für das auch für den Konsum gelten...
2. Hauptsache ist doch,
Querkopf_9 27.05.2012
Zitat von sysopAlkohol enthemmt und macht aggressiv - doch längst nicht jeden. Warum werden manche Betrunkene gewalttätig, während sich andere im Rausch verunsichert zurückziehen? Zwei Forscher erklären, wie das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe die Reaktion auf Alkohol beeinflusst. Alkohol kann enthemmen und aggressiv machen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,835028,00.html)
Das Alkohol weiter verharmlost wird und "wir" friedliebenden Kiffern kriminalisiert werden! Ähm, warum ist das wohl so? Ist doch komisch wenn man sich mal die Statistiken anschaut. Wie viele Straftaten geschehen durch Alkohol sei Mord, Vergewaltigung oder einfach weil man Lust hat jemanden zu verletzen oder wie viele Alkohlkanke gibt es mittlerweile...2 Millionen oder sind es schon 5?.....Versteht das einer?
3. dreiseitige Kurznachricht...
whocaresbutyou 27.05.2012
Zitat von sysopAlkohol enthemmt und macht aggressiv - doch längst nicht jeden. Warum werden manche Betrunkene gewalttätig, während sich andere im Rausch verunsichert zurückziehen? Zwei Forscher erklären, wie das Zusammenspiel der Hirnbotenstoffe die Reaktion auf Alkohol beeinflusst. Alkohol kann enthemmen und aggressiv machen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,835028,00.html)
drei Studien, vier Meinungen... Alkohol enthemmt... ist ja mal ganz was neues. Aggressive Menschen werden betrunken aggressiver... Ruhige Menschen werden ruhiger... Dumme Menschen verhalten sich noch dümmer... Geile Menschen werden noch geiler... WIE Menschen sind hat wohl normalerweise eher wenig mit Alkohol zu tun. Der senkt lediglich die Hemmschwelle es auszuleben und die Fähigkeit, die Konsequenzen zu überblicken... ... ergaben meine Studien... ;o)
4.
Zephira 27.05.2012
Zitat von youhavebeenquined... dass Straftaten, die unter Alkoholkonsum begangen werden ebenso geahndet werden, als wären sie ohne Alkoholeinfluss geschehen. Wenn wir davon ausgehen wollen, dass Menschen überhaupt verantwortungsvoll handeln können, sollte das auch für das auch für den Konsum gelten...
Mündigkeit ist keine Eigenschaft des deutschen Menschenbildes. Eigenverantwortung wird klein geschrieben, stattdessen werden alle möglichen Ausreden gesucht, um externe Faktoren verantwortlich zu machen. Es ist also wesentlich tiefer anzusetzen: Menschen müssten von der Gesellschaft als Entscheidungen treffende Wesen wahrgenommen werden anstatt als bloße Spielbälle ihrer Umwelteinflüsse. Rechnen Sie besser nicht damit, dass Sie diesen Tag noch erleben.
5. Es ist ganz einfach:
Kradfahrer 27.05.2012
Wer sich so sehr alkoholisiert hat, hat die Ursache für seinen Kontrollverlust selbst gelegt und eine Gewalttat im Rausch zumindest billigend inkauf genommen. Die logische Konsequenz ist aus meiner Sicht eine Strafverschärfung für alkoholisierte Täter. Neu ist das alles übrigens nicht. Die Wirkungen von Alkohol sind lange bekannt und schon in der Edda steht geschrieben, wie man sich zu verhalten hat, damit eben nichts passiert, wenn man Alkohol konsumiert. Ein Rechtssystem, dass das missachtet, etwas, das vor rund 1200 Jahren niedergeschrieben wurde - das Wissen wird also vermutlich wesentlich älter sein -, so ein Rechtssystem kann nicht ganz klar im Kopf sein, denn es provoziert geradezu Gewaltexesse mit der dummen Ausrede Rauschtat.
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Die Autoren
Andreas Heinz ist Professor für Psychiatrie und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Anne Beck forscht als promovierte Psychologin im Team von Andreas Heinz.

Alkohol und Gewalt
Kurz erklärt
Wichtige Begriffe in der Übersicht.
Gamma-Aminobuttersäure (GABA)
Gamma-Aminobuttersäure (GABA) ist ein Hirnbotenstoff, der die Aktivität von Nervenzellen hemmt. Manche Psychopharmaka sowie Alkohol binden an seinen Rezeptor und entfalten dadurch eine beruhigende Wirkung.
Dopamin
Der Neurotransmitter Dopamin hat Einfluss auf fast alle psychischen Funktionen wie Bewegungssteuerung, Motivation, Emotion, Lernen und Gedächtnis. Er scheint zudem in hohen Konzentrationen aggressiv und ängstlich machen zu können.
Serotonin
Ein Mangel an Serotonin macht aggressiv, kann aber auch Depressionen fördern. Chronischer Alkoholkonsum lässt den Serotoninpegel im Gehirn sinken.
Polymorphismus
Als Polymorphismus bezeichnen Forscher Variationen in der Sequenz eines Gens.

Kurzer Wegweiser durch das Gehirn
Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
Gehirnteile: Vorderhirn, Mittelhirn, Rautenhirn
Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
Großhirn: Spezialität des menschlichen Gehirns
Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
Großhirnrinde: Sitz der "grauen Zellen"
Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.