Allergien: Integration fördert Heuschnupfen

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Kinder aus traditionellen türkischen Großfamilien erkranken seltener an Allergien als ihre Klassenkameraden. Mit der Annäherung an einen deutschen Lebensstil steigt das Allergie-Risiko aber. Forscher nutzen diese Erkenntnis: zur Entwicklung eines Impfstoffs.

Dichter Verkehr schiebt sich über die Kurpfalzbrücke, und der Westwind trägt merkwürdige Düfte vom Chemiewerk am anderen Rheinufer herüber: Die Mannheimer Neckarstadt ist wahrlich kein Luftkurort. Dennoch ist ein Teil der hier lebenden Kinder - statistisch gesehen - erstaunlich gesund. "Über 60 Prozent meiner Patienten sind türkischer Herkunft und unter ihnen ist das Auftreten von Allergien auffallend gering", sagt der Kinderpneumologe Falko Panzer. Seine Praxis liegt mitten in einem Viertel, welches aufgrund der vielen Migranten unter seinen Bewohnern von Politikern gerne als Problembezirk bezeichnet wird. Allergologen sehen das ganz anders.

Türkischstämmige Kinder: Ihr statistisches Allergierisiko steigt mit der Integration
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Türkischstämmige Kinder: Ihr statistisches Allergierisiko steigt mit der Integration

Die geringe Anfälligkeit türkischstämmiger Kinder gegenüber Heuschnupfen, allergischen Exzemen und Asthma beschäftigt die Wissenschaft in zunehmendem Maße. Beobachtet wurde das Phänomen erstmalig in den neunziger Jahren. In München registrierte die Medizin-Professorin Erika von Mutius eine um knapp 50 Prozent geringere Asthma-Häufigkeit unter türkischen Kindern im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen. Diese Ergebnisse waren fast identisch mit jenen schwedischer Wissenschaftler, die ebenfalls türkischstämmigen Nachwuchs und einheimische Kinder studiert hatten.

Bei der Suche nach einer Erklärung trat zunächst ein vulgär-darwinistisch anmutender Ansatz in den Vordergrund, der sogenannte Gesunde-Arbeiter-Effekt. Nach dieser umstrittenen Idee würde die Allergieresistenz türkischer Kinder auf der robusten Gesundheit ihrer Eltern basieren, weil nur die Stärkeren aus ihrer Heimat als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, um sich hier mittels Schwerarbeit verdient zu machen. Diese These klingt nicht nur fragwürdig, sondern kann inzwischen auch als widerlegt gelten.

Entscheidender Faktor Anpassung

Das Ergebnis einer Studie aus der Arbeitsgruppe des Allergologen Ulrich Wahn von der Berliner Charité zeigt eindeutig in eine andere Richtung. Der Wissenschaftler untersuchte Kinder aus Berlin-Wedding und machte eine verblüffende Entdeckung: Türkischstämmige, die zuhause mit ihren Eltern Deutsch reden, sind genauso allergieanfällig wie Jungen und Mädchen deutschstämmiger Eltern. In ausschließlich Türkisch sprechenden Familien fällt dagegen das Krankheitsrisiko viel geringer aus.

Für Ulrich Wahn ist dies ein klarer Hinweis darauf, dass die Allergiehäufigkeit direkt mit dem Lebensstil zusammenhängt. "Die Sprache ist der beste Assimilationsfaktor, den wir zurzeit kennen", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Mit anderen Worten: Wer als Migrant Deutsch zu seiner Alltagssprache macht, übernimmt auch die Gewohnheiten der Bundesbürger. Eine logische Konsequenz mit weitreichenden Folgen. "Die Häufigkeit vieler Erkrankungen nimmt zu, je länger man im Gastland lebt", so Wahn.

Als mögliche Ursachen für eine kulturell bedingte Allergieresistenz haben die Ernährungsgewohnheiten und die Infektionshäufigkeit das besondere Interesse der Forscher geweckt. Die oft gelobte "Mittelmeerdiät" könnte Einfluss haben. Traditionsbewusste türkische Mütter würden aufwendiger kochen als deutsche, erklären die Experten. Sie brächten mehr Obst, Gemüse und Fisch auf den Tisch. Gleichwohl tauchen hier auch Widersprüche auf. Laut einer vom baden-württembergischen Landesgesundheitsamt durchgeführten Befragung verzehren türkischstämmige Kinder in Vergleich zu ihren badischen und schwäbischen Klassenkameraden deutlich mehr Fastfood zusätzlich zu ihrem klassischen Speiseplan.

Großfamilie, Bauernhof: Training für das Immunsystem

In Bezug auf die Infektionshäufigkeit zeigt sich ein klareres Bild. Kinder aus türkischen Großfamilien kommen öfter mit Bakterien und Viren in Kontakt. Falko Panzer beobachtet dies täglich in seiner Praxis. "Die Kleinkinder kriegen die Rotznasen von den Größeren weitergereicht", sagt der Mannheimer Arzt. Bei diesen Kindern wird das Immunsystem von klein auf gefordert - und so gefördert. Hier zeigen sich unter anderem Parallelen zu früheren Studien von Erika Mutius. Sie beobachtete eine auffallend geringe Allergiehäufigkeit auch bei Kindern, die auf Bauernhöfen in engem Kontakt mit Tieren zusammenlebten.

Der regelmäßige Kontakt mit Keimen, vor allem im frühen Kindesalter, stimuliert die Bildung von bestimmten weißen Blutkörperchen – Lymphozyten – des Typs Th1. Sie sind für die Initiierung von Immunreaktionen mittels keimvernichtender Fress- und Killerzellen verantwortlich. Im Gegensatz dazu steuern Th2-Zellen Immunreaktionen, die auf der Tätigkeit von im Blut gelösten Antikörpern basieren. Bei diesem Prozess wird unter anderem Immunglobulin E freigesetzt. Letzteres spielt die zentrale Rolle bei der Sensibilisierung gegen allergene Substanzen. Th1- und Th2-Reaktionen sind antagonistisch – sie hemmen sich gegenseitig. Im Immunsystem von Allergikern und Asthmatikern dominieren die Th2-Mechanismen. Die genaue Entstehung dieser Krankheiten ist jedoch noch ungeklärt.

Die Suche nach den Ursachen für Allergieresistenzen ist für Mediziner daher nicht nur Grundlagenforschung, sondern hat auch ein gänzlich praxisorientiertes Ziel: "Wir wollen eine Anti-Allergie-Impfung entwickeln", sagt Ulrich Wahn. Seine Berliner Kollegin Kerstin Gerhold ist der Verwirklichung dieser Vision einen guten Schritt näher gekommen. Die Wissenschaftlerin testete die Wirkung von Lipopolysacchariden auf das Immunsystem von keimfrei lebenden Mäusen.

Experimente mit einer Allergie-Impfung

Lipopolysacchariden – kurz LPS – sind Bestandteil bakterieller Zellwände. Sie dienen dem Immunsystem als Erkennungssubstanz für das Auslösen einer Abwehrreaktion. Gerhold ließ schwangere Mäuseweibchen regelmäßig zerstaubte LPS einatmen und setzte diese Behandlung bei den neugeborenen Jungen fort. Der Nagernachwuchs zeigte sich anschließend deutlich weniger anfällig für allergische Reaktionen als unbehandelte Artgenossen. Physiologische Untersuchungen zeigten: Ihr Immunsystem war überwiegend auf Th1-Reaktionen konditioniert.

Die detaillierten Ergebnisse von Gerholds Studien werden demnächst im "Journal of Allergy and Clinical Immunology" veröffentlicht. Für die Zukunft sieht sie große therapeutische Möglichkeiten. Die Forscherin berichtet: "Unsere Arbeitsgruppe führt bereits Tests mit einer Art Schluckimpfung bei ein bis sieben Monate alten Säuglingen mit einer positiven Familiengeschichte für Allergien durch." Dann könnten auch Kinder, die nicht zu den erfreulichen Ausnahmen in der Allergie-Statistik gehören, von dem Wissen um das frühkindliche Immuntraining profitieren.

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Forum - Heuschnupfen - Probleme mit den Pollen?
insgesamt 130 Beiträge
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1.
dieschlaue, 12.06.2006
Das fehlt mir zu meinen vielen Allergien gerade noch ! :(
2. Hatschiiiii....
Ralf T., 12.06.2006
Ja... schnief... sie gibt uns.... schnief... den Rest... Haaatschiiii....
3.
IoP 12.06.2006
---Zitat von sysop--- Neue Arten, neue Allergien - rächt sich die Natur am Menschen? Gibt uns der Klimawandel den Rest? ---Zitatende--- Was ist eine Allergie? Kennen wir nicht.
4.
torgum, 12.06.2006
WIDERLICH :) Als ob ich nicht schon genug schnupfen würde!
5.
DJ Doena 12.06.2006
Ich hab zum Glück als Kind genug Dreck gefressen und bei uns wurde nicht jede Oberfläche bakteriell desinfiziert. Deshalb konnten sich meine Abwehrkräfte auf die richtigen Bösen stürzen und mussten keine Pseudo-Bösen erfinden.
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