Wissenschaft

Alltagssprache

Hier verlassen Sie den Bulettensektor

Ihr Vokabular verrät, woher Sie stammen. Unsere interaktive Karte zeigt, wo die Grenzen liegen - zwischen Pfann- und Eierkuchen, Bolzen und Kicken, Frikadelle und Fleischpflanzerl.

Von , Timo Grossenbacher und

SPIEGEL ONLINE

Dienstag, 30.08.2016   11:43 Uhr

Die Herkunft verrät sich im Alltag, beim Gespräch über das Mittagessen oder bei einer Verabredung. Sagen Sie Viertel nach sieben oder Viertel acht? Wie eindeutig sich daraus die sprachliche Heimat ableiten lässt, hat der interaktive Sprachatlas eindrucksvoll gezeigt - mithilfe von 24 Begriffen aus dem deutschsprachigen Raum. Mehr als 670.000 Menschen haben dem Atlas nicht nur verraten, wie sie bestimmte Dinge nennen, sondern auch, woher sie genau stammen.

Mit diesen Daten lassen sich damit die Grenzen zwischen regionalen Varianten in bisher unerreichter Präzision bestimmen. Die folgenden interaktiven Karten zeigen diese Gebiete für alle 24 Begriffe, hervorgehoben ist jeweils die am stärksten verbreitete Form. Wählen Sie einen Begriff in der Legende aus, um nur diesen in der Karte darzustellen. Zum nächsten Begriff führen die Pfeile an den oberen Ecken. Achtung: Auf Mobilgeräten kann es unter Umständen zu längeren Ladezeiten kommen. Am Schluss des Artikels finden Sie alle Karten auch in nicht-interaktiver Form mit kürzerer Ladezeit.

Was als interaktive Anwendung begann, ist zu einem Datenschatz für Sprachwissenschaftler geworden. "Mit den Daten können wir die Vielfalt der deutschen Alltagssprache erstmals praktisch flächendeckend analysieren, bis in kleine Ortschaften hinein", sagt Adrian Leemann von der Universität Cambridge. Denn der Datensatz umfasst Varianten aus rund 18.000 Orten im deutschsprachigen Raum.

Frühere Erhebungen wie der Atlas zur deutschen Alltagssprache waren deutlich grobmaschiger. Auf ihm basiert der Sprachatlas, der von Tagesanzeiger.ch und Newsnet entwickelt und nun gemeinsam mit dem SRF und SPIEGEL ONLINE ausgewertet wurde.

Wie nennen Sie das Fußballspielen in der Freizeit? Schon bei der Antwort darauf heben sich Regionen deutlich ab, etwa Teile des Ruhrgebiets, wo mehrheitlich "gepöhlt" wird. Auch Landesgrenzen sind klar zu erkennen: Während man in Süddeutschland eher "bolzt" oder "kickt", ist in den angrenzenden Schweizer Regionen das "Tschutten" am weitesten verbreitet. Ähnlich klar zeigen sich die Grenzen zwischen Ländern und Varianten auch beim Frühstück am Arbeitsplatz, der österreichischen "Jause" oder bayerischen "Brotzeit".

Wie dominant eine Bezeichnung in einer Region ist, zeigt die Deckkraft der Einfärbung an. Besonders eindeutig ist zum Beispiel die Bezeichnung der Zeitangabe 10:15 Uhr. Im Westen Deutschlands sagt beinahe keiner der Befragten "Viertel elf", im Osten Deutschlands und Österreichs dagegen fast jeder. Viel differenzierter ist dagegen die Benennung von warmen, bequemen Hausschuhen. In vielen Regionen sind mehrere Varianten verbreitet - etwa "Schlappen" und "Latschen", "Pantoffeln" und "Puschen".

Für die meisten dieser Karten gibt es auch historische Erhebungen, somit werden Vergleiche über mehrere Jahrzehnte möglich. Die Sprachforscher wollen nun auf Basis der Daten untersuchen, wie sich die Alltagssprache verändert hat, welche Varianten dominanter wurden und welche in den vergangenen Jahren ausgestorben sind.

Auch für die Aussprache interessieren sich die Wissenschaftler um Adrian Leemann. Sie haben eine App entwickelt, die Usern bestimmte Sätze zum Vorlesen gibt - und so regionale Varianten der Aussprache sammelt. Wo wird beim Sprechen gesungen, wo besonders schnell gesprochen? "Je mehr Menschen mitmachen, desto spannender werden die Analysen", sagt Adrian Leemann. (App "Deutschklang", kostenlos für iOS und Android)

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