Alte Antikörper Spanische Grippe macht immun gegen Schweinegrippe

Warum befällt das Schweinegrippe vorwiegend jüngere Menschen? Forscher glauben nun die Antwort darauf gefunden zu haben: Im Blut alter Menschen, die vor 1920 geboren wurden, fanden sie Antikörper gegen die Spanische Grippe. Offenbar schützt sie das vor dem neuen Pandemievirus.


Altes Virus schützt vor neuem: Ein US-Forscherteam um Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin berichtet im Fachmagazin "Nature", dass das Schweinegrippe-Virus H1N1 offenbar einem Erregerstamm der Spanischen Grippe ähnelt, an der im Jahr 1918 weltweit rund 50 Millionen Menschen starben.

Schüler in Thailand: Schweinegrippe-Virus gefährlicher als saisonale Grippe
AFP

Schüler in Thailand: Schweinegrippe-Virus gefährlicher als saisonale Grippe

Die Forscher untersuchten Blutproben von Menschen verschiedener Altersklassen. Im Blut von Leuten, die vor 1920 geboren wurden, fanden sie Antikörper, die die Schweinegrippe-Viren neutralisierten. Die Forscher vermuten, dass die Antikörper von einer Infektion in der Kindheit mit dem Erreger der Spanischen Grippe stammen. Der Befund könnte erklären, warum das Schweinegrippe-Virus vorwiegend jüngere Leute befällt und bei ihnen schwerere Erkrankungen hervorruft als bei älteren Menschen.

Im Mai hatte eine Studie des US-amerikanischen Centers for Disease Control ergeben, dass rund ein Drittel älterer Leute über 65 Jahren eine gewisse Immunität gegenüber der Schweinegrippe besitzen. Kawaoka und seine Kollegen konnten diesen Befund so allerdings nicht bestätigen: Sie fanden wirksame Antikörper nur in der Altersklasse der vor 1920 Geborenen - woraus die Forscher schließen, dass Grippeviren, die in den Jahrzehnten nach 1920 kursierten, dem Schweinegrippe-Virus nicht ähnlich genug waren und keine Immunität in den Personen bewirkt.

Kawaoka und seine Kollegen verglichen zudem bei Mäusen, Frettchen, Makakenäffchen und Schweinen, wie sich das Schweinegrippe-Virus im Vergleich zu den Erregern der normalen saisonalen Influenza auswirkte.

Das Ergebnis: Außer bei den Schweinen richtete das H1N1-Virus bei allen Tieren schwerere Lungenschäden an als die saisonalen Grippeviren.

"Ich bin sehr besorgt, weil das Schweinegrippe-Virus sich ganz klar von den Erregern saisonaler Grippe unterscheidet", sagte Kawaoka. "Es ist wesentlich schädlicher." Das Virus vermehre sich deutlich besser in der Lunge, sagte der Wissenschaftler. Andere Studien hätten zudem gezeigt, dass es auch den Verdauungstrakt befällt.

Trotz der Ähnlichkeit der Viren und der Befunde aus den Tierversuchen sei der Schweinegrippe-Erreger laut Kawaoka nicht so gefährlich wie die Spanische Grippe und reagiere außerdem gut auf antivirale Medikamente wie Tamiflu. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO berichtet, dass die meisten Infektionen mit Schweinegrippe mild verlaufen. Schätzungen zufolge haben sich mehr als eine Million Menschen mit Schweinegrippe angesteckt, laut WHO sind 429 Menschen an der Krankheit gestorben.

Laut WHO ist der Schweinegrippe-Erreger nicht mehr zu stoppen. Die Uno-Organisation wies die Pharmahersteller daher an, unter Hochdruck an einem Impfstoff gegen das H1N1-Virus zu arbeiten. Angestellte im Gesundheitsbereich sollten als erste geimpft werden, aber jedes Land müsse die Impf-Priorisierung selbst entscheiden, empfiehlt jedoch folgende Reihenfolge:

  • Schwangere Frauen und Menschen mit chronischen Krankheiten oder Fettleibigkeit
  • Neugeborene über 6 Monaten mit mindestens einer schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung
  • Gesunde Erwachsene zwischen 15 und 49 Jahren
  • Gesunde Kinder
  • Gesunde Erwachsene zwischen 50 und 64 Jahren
  • Gesunde Erwachsene über 65 Jahren

Die USA wollen offiziellen Angaben zufolge zusätzlich 884 Millionen US-Dollar für den Kauf von Inhaltsstoffen für ein Impfmittel ausgeben. Mitte Oktober sollen in den USA Massenimpfungen beginnen.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

lub/Reuters/AFP



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