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Alte Schriften: Röntgenstrahlen sollen mysteriöse Qumran-Rollen entziffern

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Die Qumran-Schriftrollen befeuern seit Jahrzehnten Verschwörungstheorien und Forscherdebatten. Jetzt wollen Wissenschaftler die geheimnisvollen Schriften vom Toten Meer lesbar machen - mit extrem starker Röntgenstrahlung.

Als Schüler haben wir es uns alle gewünscht - spätestens als Effi Briest vor uns auf dem Schreibtisch lag: ein Gerät, mit dem man Bücher lesen kann, ohne sie aufschlagen zu müssen. Die gute Nachricht: Ein solches ist jetzt erfunden. Die schlechte: Es passt in keinen Schulranzen, denn das Diamond Synchrotron ist so groß wie fünf Fußballfelder.

Die ringförmige Anlage in südlichen Oxfordshire erzeugt seit Februar diesen Jahres außergewöhnlich starken Röntgen-, Infrarot- und Ultraviolett-Strahlung, mit deren Hilfe Wissenschaftler tief in die Strukturen von Materie blicken. Biologen können mit den unterschiedlichen Lichtsorten Zellen untersuchen und Physiker das Weltall. Oder eben Geschichtswissenschaftler alte Pergamentrollen, Bücher und Inschriften.

Mit Röntgenstrahlung haben Forscher bereits verwitterte Botschaften aus Steinplatten sichtbar gemacht und das Palimpsest des Archimedes durchleuchtet.

Das Problem ist die Tinte

Britische Forscher haben jetzt alte Dokumente im Röntgentunnel des Diamond Synchrotron im englischen Didcot starker Strahlung ausgesetzt. "Das Eisen, das in der alten Tinte enthalten ist, absorbiert die Strahlen", erklärt Tim Wess, Leiter der School of Optometrics and Vision Sciences der University of Cardiff, "so wie es bei einer medizinischen Röntgenaufnahme die Knochen tun." Nur zeigt die Aufnahme aus dem Synchrotron zunächst ein kaum identifizierbares Knäuel. Deshalb hat Wess mit seinem Team eine Software entwickelt, mit der er die Abbildung quasi aufrollen kann - und die Schrift wieder lesbar wird, ohne dass das fragile Dokument angetastet werden muss.

Die Tinte ist bei vielen alten Dokumenten das Problem. Seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert hat man für wichtige Schriftstücke Eisengallustinte verwendet - ein Gemisch aus Eisenvitriol, Galläpfeln, Wasser und Gummi arabicum. Als Schreibunterlage diente Pergament, die gegerbte und geglättete Haut von Kühen, Ziegen oder Schafen. Im Laufe der Jahre aber zerfällt das darin enthaltene Kollagen zu Gelatine, das Dokument löst sich auf.

Dieser Prozess wird durch die Inhaltstoffe der Eisengallustinte noch beschleunigt. Und nicht nur auf Pergament, auch auf Papier wirkt die Tinte über die Zeit zerstörend. Ihre Sulfat-Ionen reagieren mit der Luft, es entsteht Schwefelsäure. Das Ergebnis ist die Zersetzung der Papierfasern, der sogenannte Tintenfraß. Bekanntestes Beispiel sind die Handschriften von Johann Sebastian Bach, die stark befallen sind.

Bislang haben sich Wess und sein Team an Pergamenten des 18. Jahrhunderts versucht. Von den Gerichtsakten aus den National Archives of Scotland konnten die Wissenschaftler immerhin 80 Prozent lesbar machen, ohne die Dokumente öffnen zu müssen. Als nächstes sollen eine Reihe brandgeschädigter Rollen aus den UK National Archives in den Strahlentunnel des Diamond Synchrotron. Neben den Inhalten der Schriftstücke untersuchen die Wissenschaftler auch deren Zersetzung. Mit dem Synchrotron können sie tief in die Kollagen-Strukturen der Dokumente schauen. Sie hoffen, so den Zerfallsprozess besser verstehen und künftig Konservatoren beraten zu können.

Ziel: Die Schriftrollen von Qumran

Wess möchte es aber nicht dabei belassen, alte Rechtsstreitigkeiten neu aufzurollen. Er möchte seinen Beitrag zur Geschichtsschreibung leisten. Großes Ziel sind die Schriftrollen von Qumran. Sie beschäftigen Wissenschaftler und Mystiker seit ihrer Entdeckung am Toten Meer im Jahr 1946. Die Rollen enthalten biblische, zum Teil unbekannte Texte aus der Zeit zwischen dem dritten Jahrhundert vor Christus und der Zerstörung des Tempels von Jerusalem im Jahr 70. Die Veröffentlichungen der Schriften zieht sich allerdings bis heute hin - was unter anderem Verschwörungstheorien Auftrieb gibt.

Die Qumran-Schriftrollen umfassen einen Teil der bekannten Teile des Alten Testaments, aber auch sogenannte Apokryphen - religiöse Schriften, die im Zusammenhang mit dem frühen Christentum entstanden sind, aber nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Verschwörungstheoretiker behaupten gern, dass die katholische Kirche die Inhalte der Qumran-Rollen, die sie für Irrlehren halte, unterdrücken wolle.

"Wir können den Wert der Rollen noch nicht abschätzen"

Im Jahr 1991 veröffentlichten Michael Baigent und Richard Leigh ihr Buch "Verschlusssache Jesus", in dem sie öffentlich den Vatikan beschuldigten, bewusst die Erkenntnisse aus den Schriftrollen zu verheimlichen. Und noch immer kochen die Spekulationen hoch.

Erst im April vergangenen Jahres hatte noch einmal die komplette Veröffentlichung des "Judasevangeliums" für Wirbel gesorgt. Die Schrift war zu Teilen bereits aus den Funden von Qumran bekannt, und ist nun auch in seiner ganzen Länge von einem Papyrus-Fund aus Mittelägypten entziffert und übersetzt. Das Evangelium sollte beweisen, dass Judas kein Verräter war, sondern als einziger Jünger die wahre Bestimmung Jesu erkannt und diese selbstlos verwirklicht habe. Unabhängige Experten hielten den Inhalt des Schriftstücks allerdings für wenig sensationell.

Auch eine TV-Dokumentation von "Terminator"-Regisseur James Cameron über das Judasevangelium fand keine Gnade unter Fachleuten. So gehen die Diskussionen über die frühbiblischen Texte weiter, und entsprechend viel gebe es über die Qumran-Rollen noch herauszufinden, meint Wess. "Wir wollen die Geschichte der Menschen von Qumran verstehen und warum sie sich an diesem Ort niederließen", sagte der Forscher der britischen Zeitung "The Guardian". "Wir können den wirklichen Wert der Rollen noch gar nicht abschätzen, weil wir in viele nicht hineinschauen können. Es wird höchste Zeit, dass wir damit anfangen."

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Röntgenstrahlen: Neue Lesemethode für alte Schriften


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