Alter Schädel neu datiert Forscher entzaubern Steinzeitmann

Ein berühmter Schädelknochen aus der Steinzeit ist Tausende Jahre jünger als bisher vermutet. Sein Besitzer war also keiner der ältesten Neuankömmlinge aus Afrika in Europa - und das Neue Museum in Berlin muss seine Ausstellung umbauen.

Neues Museum Berlin (2009): Ausstellung muss umgebaut werden
dapd

Neues Museum Berlin (2009): Ausstellung muss umgebaut werden

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Man muss ihn sich als rüstigen Rentner vorstellen. Stämmig, agil und bis zuletzt wohl auch einigermaßen gesund streifte der etwa 50-Jährige durch die eiszeitlichen Wälder. Immer auf der Suche nach einer Mahlzeit. Haselnüsse schmeckten dem alten Mann, Fische auch - und was ihm in seiner südfranzösischen Heimat sonst noch so in die Hände kam. Ausgestattet war der Wandersmann mit Feuersteinwerkzeugen, der Kopf geschmückt mit einer eindrucksvollen Muschelkette.

"Er war sicher eine beeindruckende Erscheinung", sagt der Archäologe Thomas Terberger von der Universität Greifswald im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Rede ist von einem Urmenschen, dessen Überreste vor gut 100 Jahren nahe der Ortschaft Montferrand-du-Périgord gefunden wurden. Bisher galt das sogenannte Hockergrab von Combe Capelle als eines der ältesten Zeugnisse moderner Menschen in Europa.

Etwa 30.000 Jahre alt sollte der Schädel nach Ansicht seines Finders Otto Hauser, sein. Darauf deuteten für den Schweizer Altsteinzeitforscher die Bodenschichten an der Fundstelle hin. Das heißt, der Jäger und Sammler aus dem Périgord wäre beinahe noch mit Neandertalern durch die Gegend gestreift - und hätte als Vertreter der Cro-Magnon-Menschen zu den frühen Neuankömmlingen der modernen Menschenart im kalten Europa gehört.

Eine neue Datierung entzaubert jetzt die Steinzeitknochen.

"Wir müssen den Fund aus dem Kanon der frühesten anatomisch modernen Menschen in Europa streichen", sagt Forscher Terberger. Denn der Mann von Combe Capelle lebte vermutlich nur vor etwa 9500 Jahren. Das haben Wissenschaftler am Leibnitz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung in Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Institute herausgefunden.

Das "Journal of Human Evolution" will die Ergebnisse der Ergebnisse der Radiokarbondatierung in einer seiner kommenden Ausgaben veröffentlichen. Damit verliert das französische Felsengrab seine herausragende Rolle für die jüngere Altsteinzeit. Es barg eben nicht jenen Quasi-Neuankömmling aus Afrika, für den viele den Waldmenschen lange Zeit hielten. Und andere Gräber aus dieser Zeit sind nicht bekannt.

Knochen in Tierleim gekocht

Dass die Wissenschaftler an dem Schädel überhaupt verwertbares Material für die Datierung finden konnten, ist bemerkenswert: Die Knochen des Urzeitmannes waren nach ihrem Fund im Jahr 1909 in Tierknochenleim gekocht worden. Dieser Konservierungsversuch machte genaue Messungen zum Alter des Schädels lange Zeit unmöglich - bis sich die Staatlichen Museen Berlin zu einem schmerzhaften Schritt entschlossen: Der Alte von Combe Capelle musste im Namen der Wissenschaft einen Zahn hergeben.

"Wir haben lange gezögert", sagt Matthias Wemhof, Chef des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Natürlich überlegt man sich gut, ob man einen Zahn opfert." Ein erster Versuch, das Rätsel des Steinzeitschädels mit Hilfe von Knochenmaterial aus dem Unterkiefer zu lösen, war vor einigen Jahren fehlgeschlagen. Dennoch rang sich das Museum zur Entscheidung durch, einen Zahn aus dem Unterkiefers pulverisieren zu lassen.

"Zähne sind besonders widerstandsfähig. Sie bieten damit noch am ehesten die Chance, um an brauchbares Material zu kommen", erklärt Terberger. Der Plan ging auf - wenngleich das Ergebnis den Mann aus dem Wald gleich um Jahrtausende jünger werden ließ. Denn die Untersuchung des Kollagens aus dem Zahn zeigte: Der vermeintliche Uralt-Europäer lebte in Wahrheit um etwa 7575 vor Christus. Damit war er in der Mittel- und nicht in der Altsteinzeit zu Hause.

Im Berliner Museum übt man sich nun in Zweckoptimismus. "Der Schädel ist auch in seiner jetzigen Datierung in rares Stück", sagt Matthias Wemhoff. Schließlich gebe es auch aus dieser Periode kaum bekannte Gräber. Bei der Überarbeitung der Ausstellung im Neuen Museum werde man die Knochen deswegen keinesfalls im Depot verschwinden lassen, aber sehr wohl innerhalb der Ausstellung verschieben.

Im Depot hatte der Schädel ohnehin lange gelegen - und zwar unabsichtlich. Die Überreste des Mannes von Combe Chapelle waren nämlich beim Brand des Berliner Gropiusbaus im Krieg schwer beschädigt worden. Was vom Feuer versehrt wurde, wanderte mit anderem Brandschutt in Inventarkisten. Und verstaubte jahrzehntelang. Erst Ende 2001 fand eine Museumsmitarbeiterin einen Teil der Fragmente wieder. Weitere Entdeckungen folgten im Jahr darauf, sodass der Schädel seit 2003 wieder gezeigt werden konnte.

In Zukunft wird er nun also wohl einen anderen Platz im Neuen Museum bekommen. Einen neuen Zahn, eine Nachbildung, hat er schon.

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gutefisch 09.02.2011
1. Das war's
Zitat von sysopEin berühmter Schädelknochen*aus der Steinzeit*ist Tausende Jahre jünger als bisher vermutet.*Sein Besitzer*war also keiner der ältesten Neuankömmlinge aus Afrika in Europa - und das*Neue Museum in Berlin muss seine Ausstellung umbauen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,744424,00.html
Mir reichst jetzt! Finger weg von meinem Opa!!!
aceofspade 09.02.2011
2. Ein Zahn wurde entnommen zur Altersbestimmung
Zitat von sysopEin berühmter Schädelknochen*aus der Steinzeit*ist Tausende Jahre jünger als bisher vermutet.*Sein Besitzer*war also keiner der ältesten Neuankömmlinge aus Afrika in Europa - und das*Neue Museum in Berlin muss seine Ausstellung umbauen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,744424,00.html
Hatte der Mann dafuer nicht schriftlich seine Zustimmung zu Organentnahme hinterlegen muessen, oder gilt das nur fuer Weichteile?
namachschon, 10.02.2011
3. Interessant, Interessant...
Zitat von sysopEin berühmter Schädelknochen*aus der Steinzeit*ist Tausende Jahre jünger als bisher vermutet.*Sein Besitzer*war also keiner der ältesten Neuankömmlinge aus Afrika in Europa - und das*Neue Museum in Berlin muss seine Ausstellung umbauen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,744424,00.html
Hallo, Tja, ich habe schon immer meine Zweifel gehabt, wenn Männer mit Nerdbrillen und in weißen Kitteln mit Jahrtausenden nur so um sich warfen. Widersprechen wagte niemad, da diese die "Hohepriester" der neuen Religion "Wissenschaft" sind und ihre Thesen unwidersprochen in den Medien ausbreiten können. Deshalb amüsiert es mich, wie die "Fachleute" hier vorgeführt werden. Eine gesunde Skepsis ist also angebracht. Sicher gibt es auch in Zukunft noch einige Zahlen, die nach unten korrigiert werden. Grüße...
Hubert Rudnick, 10.02.2011
4. Stochern im Nebel
Zitat von sysopEin berühmter Schädelknochen*aus der Steinzeit*ist Tausende Jahre jünger als bisher vermutet.*Sein Besitzer*war also keiner der ältesten Neuankömmlinge aus Afrika in Europa - und das*Neue Museum in Berlin muss seine Ausstellung umbauen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,744424,00.html
Viel mehr als ein stochern im Nebel ist das aber nicht. Man kann uns ja jeder Bären aufbinden und nur weil wir in diesen Dingen nicht das Wissen haben, so schauen eben die Wissenschaftler in einer Glaskugel und erklären uns daraus die gesamte Weltgeschichte und ihre Entwicklung.
Oliver Rauhut, 10.02.2011
5. Wissenschaft
Zitat von namachschonHallo, Tja, ich habe schon immer meine Zweifel gehabt, wenn Männer mit Nerdbrillen und in weißen Kitteln mit Jahrtausenden nur so um sich warfen. Widersprechen wagte niemad, da diese die "Hohepriester" der neuen Religion "Wissenschaft" sind und ihre Thesen unwidersprochen in den Medien ausbreiten können. Deshalb amüsiert es mich, wie die "Fachleute" hier vorgeführt werden. Eine gesunde Skepsis ist also angebracht. Sicher gibt es auch in Zukunft noch einige Zahlen, die nach unten korrigiert werden. Grüße...
Haben Sie den Artikel nicht richtig gelesen? Der Fund ist über hundert Jahre alt und wurde damals mit den damals zugänglichen Methoden datiert. Heute stehen uns andere Methoden zur Verfügung, und da werden einige solcher alten Daten eben korrigiert. Von den heutigen "Männern mit Nerdbrillen und in weißen Kitteln"! Und morgen werden neue "Männer mit Nerdbrillen und in weißen Kitteln" diese Ergebnisse vielleicht wieder in Frage stellen und erneut überprüfen, wer weiss. Hier wird niemand "vorgeführt", sonder es passiert das, was das täglich Brot der Wissenschaft ist - Daten werden überprüft und neu bewertet. Ganz im Gegensatz zu einer Religion (als die Sie die Wissenschaft bezeichnen) stellt sich die Wissenschaft nämlich ständig selbst in Frage und revidiert sich, wenn es neue Datenlagen gibt. Womit ihre, häufig gehörte These von den "Hohepriestern, denen man nicht widersprechen darf" wohl eher zeigt, dass sie die Vorgehensweise der Wissenschaft nicht verstanden haben! Jawoll, ganz sicher! Und es wird auch Datierungen geben, die nach oben korrigiert werden müssen. Und andere, die erneut überprüft und bestätigt werden. Das ist das, was Wissenschaft macht: Sich selbst beständig in Frage stellen! Und, wenn es nötig ist, liebgewordene Ideen über Bord werfen und in neue Richtungen denken! Ganz das Gegenteil dessen, was Sie da vorwerfen, gelle? MfG, Oliver
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