Alternative Medizin: Akupunktur im Hirn messbar

An Akupunktur glauben längst nicht mehr nur Esoteriker. Bislang aber war unklar, ob der Behandlungserfolg der Nadelstiche hauptsächlich auf Placebo-Effekten beruht. Britische Forscher haben nun eine reale Wirkung im Gehirn gemessen.

Akupunktur: Gehirn reagiert auf echte Nadelstiche anders
DPA

Akupunktur: Gehirn reagiert auf echte Nadelstiche anders

Für ihre Studie benutzten die Wissenschaftler zwei verschiedene Typen von Akupunktur-Nadeln. Effekte, die sich allein aufgrund von Patientenerwartungen einstellen, lassen sich mit sogenannten Trick-Nadeln erzielen - und auch im Gehirn messen. Doch die Verwendung echter Nadeln aktiviere darüber hinaus weitere Hirnareale, berichtet ein Forscherteam der University of Southampton in der Fachzeitschrift "Neuroimage" (Bd. 25, S. 1161-1167). "Dies ist die erste Studie, die mit Hilfe bildgebender Verfahren eine Wirkung der Akupunktur jenseits des Placebo-Effekts nachweist", betont George Lewith, der als Experte für Komplementärmedizin die Studie leitete.

Obwohl in China seit Jahrtausenden gegen Krankheit, Schmerz und Sucht eingesetzt, ist die Wirkungsweise der Akupunktur noch nicht geklärt. Klinische Versuche haben bislang zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. "In manchen Untersuchungen wirkt sie, in anderen nicht. Die Sache ist ziemlich kompliziert", sagte Akupunkturforscher Ted Kaptchuki von der Harvard University in Boston gegenüber dem Online-Dienst des Fachblatts "Nature".

Manche Untersuchungen erweckten den Eindruck, für die offensichtlichen Erfolge sei hauptsächlich der Placebo-Effekt verantwortlich. So wurden in einigen Studien Nadeln irgendwo in die Haut eingeführt, unabhängig davon, ob es sich um Akupunktur-Punkte handelte oder nicht. Die Wirkungen seien dabei nahezu identisch gewesen, hieß es. Doch das beweist nach Meinung von Lewith und seinen Kollegen lediglich, dass Nadelstiche eine effektive Behandlungsform darstellen.

Um den Placebo-Effekt zu überprüfen, benutzte das britische Team teleskopische Nadeln, die - ähnlich einem Bühnen-Dolch - nicht in die Haut eindringen. Gleichwohl hat der Proband das Gefühl, gestochen zu werden. 14 Schmerzpatienten, die an der Studie teilnahmen, wurden ohne ihr Wissen in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt eine echte Akupunkturbehandlung, eine Gruppe wurde mit den Placebonadeln behandelt und die dritte Gruppe erhielt ebenfalls eine Placebobehandlung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass von dieser Therapie kein Effekt zu erwarten sei - um einen positiven Placebo-Effekt von vornherein auszuschließen.

Im Folgenden maßen die Wissenschaftler mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie die Hirnaktivität der Probanden. Das Ergebnis: Sowohl die Placebo- als auch die Akupunktur-Behandlung aktivierten Gehirnbereiche, die auf körpereigene Schmerzmittel reagieren. Dass die Akupunktur an ausgewählten Stellen des Handgelenks, Unterarms und Beins die Ausschüttung der sogenannten Neurotransmitter auslösen kann, hatte zuvor bereits John Longhurst von der University of California nachgewiesen.

Im Versuch der Briten steigerte die Akupunktur mit echten Nadeln zudem die Aktivität eines zum cerebralen Kortex gehörenden Areals, das Experten "Insel" nennen. Mit den stumpfen Nadeln trat der Effekt nicht auf. Was diese Aktivität bedeutet, ist ungeklärt, sagt Versuchsleiter Lewith, aber es deute auf eine reale Wirkung hin. "Unsere Untersuchung zeigt, dass die Effekte der Akupunktur zum Teil von Erwartungshaltungen, aber wahrscheinlich auch von realen Wirkungen beeinflusst werden", so das Fazit des Wissenschaftlers.

Akupunktur-Forscher Kaptchuk glaubt, die Studie könne anderen Forschern helfen, künftig bessere klinische Versuche zur Akupunktur zu entwerfen: "Die Studie klärt die möglichen Mechanismen, auf deren Basis Akupunktur wirkt", so der Harvard-Forscher. Zudem könnten die Ergebnisse helfen, bessere Placebo-Mittel zu entwickeln.

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