Alternde Gesellschaft "60-Jährige werden zu den Jüngeren zählen"

Wann ist man eigentlich alt? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Jenaer Soziologe Stephan Lessenich. Er glaubt, dass sich 60-jährige schon bald zu den Jüngeren zählen werden und das künftig auch 80-Jährige unter Druck stehen, etwas für die Gesellschaft zu leisten.


Frage: Herr Professor Lessenich, im Jahre 2050 wird voraussichtlich ein Drittel der Deutschen älter als 60 sein. Sind die dann wirklich schon alt?

Stephan Lessenich: Wohl eher nicht. Zur Mitte des Jahrhunderts wird die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer bei 80, die der Frauen bei 85 Jahren liegen. Jeder Zehnte wird über 80 sein. Das gesetzliche Rentenalter - ein wichtiger Marker des Statuswechsels zum "Alten" - wird dann womöglich wie zu Zeiten Bismarcks bei 70 Jahren liegen. Im Jahr 2050 werden die 60-Jährigen also zu den Jüngeren gehören - statistisch, in der öffentlichen Wahrnehmung und vor allen Dingen im Selbstbild. "60 Jahre und kein bisschen weise" - wahrscheinlich wird man die Pointe dieses Liedes von 1975 dann überhaupt nicht mehr verstehen.

Frage: Wie kann man herausfinden, ab wann jemand als alt gilt?

Lessenich: Wir fragen die Leute selbst, wann für sie das Alter beginnt oder begonnen hat: junge Menschen nach ihren Erwartungen, ältere nach ihren Erfahrungen. Für die einen mag es der Tod eines gleichaltrigen Jugendfreundes sein, für die anderen das erste Enkelkind, die Menopause, der Schlaganfall, die Anschaffung der ersten Gehhilfe, die Bitte des Pfarrers um Hilfe beim Gemeindebasar, die sie erstmals denken lässt, jetzt aber doch alt zu sein.

Frage: Was sind die typischen Vorstellungen der Jüngeren?

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Lessenich: Das hängt stark mit dem Bildungs- und Sozialhintergrund des Einzelnen zusammen. In der Regel werden sich Lebensweisen und Denkmuster mit dem Übergang ins Alter nicht radikal verändern. Wer ein Leben lang schwere körperliche Arbeit geleistet hat, wird sich das Alter nicht als die Zeit imaginieren, in der er endlich zum begeisterten Opernbesucher werden kann - ebenso wenig wie der Philosophieprofessor nicht davon träumen dürfte, im Alter endlich gnadenlos vor der Glotze abhängen zu dürfen.

Frage: Wie wird sich die Rolle der Alten in der Gesellschaft entwickeln?

Lessenich: Für Alte, die tatsächlich gebrechlich und hilfsbedürftig sind, dürfte die Situation nicht einfacher werden. In dem Maße, wie das "active ageing" eingefordert wird - vom bürgerschaftlichen Engagement über sportliche Aktivitäten, gesundheitliche Vorsorge und lebenslanges Lernen bis hin zum Zusatzverdienst zur schmalen Rente -, geraten diejenigen, die sich nicht mehr aktiv zeigen können, unter zunehmenden inneren und äußeren Druck.

Sie vergleichen sich mit dem joggenden Nachbarn oder der ehrenamtlich tätigen Freundin, fragen sich, ob sie nicht auch noch mehr für sich und für andere tun könnten - und werden das vielleicht auch von der Freundin, dem Sohn oder dem Hausarzt gefragt. Untätigkeit, Ruhestand und Muße müssen dann ganz neu begründet und gerechtfertigt werden.

Frage: Was ist Ihre Vorstellung vom eigenen Ruhestand?

Lessenich: Ich träume gerade von meinem Forschungssemester im Winter - mein vorgezogener Ruhestand gewissermaßen. Nach neun Semestern Stress fühlt man sich auch als Babyboomer schon ganz schön alt. Aber vielleicht ist das auch ein Luxusproblem. In jedem Fall habe ich fest vor, schon vor dem Rentenalter im Lebenstempo einen Gang zurückzuschalten; manchmal ist man ja auch mit unter 60 schon weise.

Das Interview führte Udo Flohr.


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