Alternsforschung: Jungbrunnen-Mechanismus im Fadenwurm entdeckt

Von Stefan Schmitt

Fasten hieß bislang die Devise für Versuchstiere, die ein möglichst hohes Alter erreichen sollten. Jetzt haben US-Forscher ein Gen entdeckt, das Fadenwürmern ein 20 bis 30 Prozent längeres Leben schenkt - und die Frage aufwirft: Essen und Altern, verträgt sich das?

100 Jahre und älter werden, zum Jungbrunnen finden, gar die 969-jährige Lebensspanne des biblischen Greises Methusalem erreichen - dergleichen Versprechen waren bislang stets mit einer ganz und gar unappetitlichen Einschränkung verbunden. Und zwar mit Hunger, Beschränkung, eiserner Disziplin.

Seit sieben Jahrzehnten suchen Naturwissenschaftler nach Wegen, das Leben zu verlängern. Dabei stellte sich im Experiment mit Hunden, Mäusen, Fruchtfliegen und Erdwürmern immer wieder heraus: Hungert ein Tier, wird es älter. Den meisten Menschen jedoch scheint der Tausch von Kalorien gegen Lebensjahre wenig erstrebenswert.

Ein Experiment von Andrew Dillin und seinen Kollegen vom Salk Institute im kalifornischen La Jolla könnte vielleicht einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigen: Beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans haben sie einen Mechanismus entdeckt, der die Fantasie anregt. Bei erwachsenen Würmern hatte das Team um Dillin ein bestimmtes Gen gehemmt. Die Versuchstiere lebten danach auch mit Kalorienbeschränkung nicht mehr länger als ihre Artgenossen. Ergebnis eins lautete also: Ohne das Gen PHA-4 klappt der Tausch Kalorien gegen Lebensjahre nicht mehr.

Längeres Wurmleben auch ohne Diät

In einem zweiten Experiment erforschten die Molekularbiologen den gegenteiligen Effekt: Verfügten Fadenwürmer über besonders aktive PHA-4-Gene, so stieg ihre Lebenserwartung selbst bei normaler Nahrungsaufnahme. Diese Manipulation war als Maßnahme zur Altersverlängerung ebenso effektiv wie strenge Diät - es lassen sich jeweils rund 20 bis 30 Prozent mehr Lebenszeit erreichen.

Das dritte Experiment - ein aktiveres PHA-4-Gen in Verbindung mit Kalorienbeschränkung - brachte schließlich die langlebigsten Fadenwürmer hervor. Die Tiere dieses Versuchs seien zudem "dynamischer" gewesen, sagte Hugo Aguilaniu aus dem Forscherteam. Sie seien bis ins hohe Alter gesund geblieben, man könne also durchaus von steigender Lebensqualität insgesamt sprechen. Wie sinnvoll diese Formulierung im Kontext eines einen Millimeter langen, blinden Wurms ist, der sich von Bakterien ernährt und überdies ein Hermaphrodit ist, sei dahingestellt.

Denn nicht der Wurm interessiert den Menschen. C. elegans ist einer der beliebtesten Modellorganismen der Genetiker. Bei ihm hat man bereits eine dreistellige Zahl von Genen aufgespürt, die die Lebensspanne irgendwie beeinflussen können. Christian Behl von der Universität Mainz spricht von einer "beträchtlichen Zahl". "Bislang war das immer so, dass man bestimmte Gene an- oder ausgeschaltet hat, um die Langlebigkeit zu beeinflussen", sagte Behl zu SPIEGEL ONLINE. Er leitet selbst ein Projekt zur molekularen Altersforschung. Nun sei erstmals ein Faktor gefunden worden, mit dem gezielt die Proteinproduktion eines Gens gesteuert werde - und somit "das Überleben moduliert werden kann".

"Altersgene" sind gut für Schlagzeilen

Immer wieder sorgen einzelne Funde für Schlagzeilen, und das schon seit Jahren: "Altersgen gefunden" meldete die Berliner "Tageszeitung" im April 1996. Weiter ging's: "Entdeckt: Das Gen, das uns altern lässt" ("Bild", 1998), "Alters-Gen entdeckt: Werden wir alle 450?" ("Bild am Sonntag", 2000) und "US-Forscher identifizieren eindeutig das 'Altersgen'" ("Hamburger Morgenpost", 2001). Mal ging es um Menschen, mal um den Erdwurm, Mal um Fruchtfliegen - für Schlagzeilen sind sie gut, doch als Erklärung taugen einzelne Gen-Assoziationen nicht, wie Experten wissen.

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Methusalem-Wurm: C. elegans lebt länger