Altersforschung Neues vom Greisen-Gen

Ein für den Insulin-Stoffwechsel wichtiges Gen könnte die Langlebigkeit beim Menschen beeinflussen. Zu diesem Schluss kommen Kieler Forscher, die sich mit Hilfe von mehr als 100-Jährigen Probanden auf die Suche nach Erbfaktoren für ein hohes Alter gemacht haben.


Kiel - Alters-Gen, Methusalem-Gen, Greisen-Gen: Überall auf der Welt sind Forscher auf der Suche nach jenen Abschnitten im menschlichen Erbgut, die ein langes Leben verheißen. Auch in Kiel meinen Wissenschaftler jetzt, dem Geheimnis des Alterns einen Schritt näher gekommen zu sein: Eine Variation in dem Gen FOXO3A trete auffällig oft bei Menschen über 100 Jahren auf und beeinflusse die Lebenserwartung vermutlich weltweit positiv, berichten die Forscher um Friederike Flachsbart von der Klinik für Klinische Molekularbiologie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

107-Jähriger Hesse (Erwin Binner, im Januar 2006): "Wir können davon ausgehen, dass dieses Gen für das Erreichen eines hohen Alters wahrscheinlich weltweit eine Rolle spielt"
DPA

107-Jähriger Hesse (Erwin Binner, im Januar 2006): "Wir können davon ausgehen, dass dieses Gen für das Erreichen eines hohen Alters wahrscheinlich weltweit eine Rolle spielt"

US-Wissenschaftler hatten im September 2008 über eine Anreicherung der Genvariante bei sehr alten US-amerikanischen Männern japanischer Herkunft berichtet. Es fehlten jedoch Untersuchungen bei anderen Bevölkerungsgruppen. Die Wissenschaftler aus Kiel haben daraufhin DNA-Proben von 388 hundertjährigen Deutschen mit 731 jüngeren Menschen verglichen, wie sie online vorab im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" bekanntgibt. Zusätzlich untersuchten sie das Erbgut von 535 Alten (Durchschnittsalter 103 Jahre) auf die Genvariante.

Mit den beiden Stichproben sei der Zusammenhang zwischen FOXO3A und Langlebigkeit nunmehr bestätigt und auch für Frauen festgestellt worden, schreiben die Forscher. Dieser Befund sei von besonderer Bedeutung, weil Japaner und Europäer genetisch relativ unterschiedlich sind, erläuterte die Leiterin der Kieler Forschungsgruppe "Gesundes Altern", Almut Nebel. "Jetzt können wir davon ausgehen, dass dieses Gen für das Erreichen eines hohen Alters wahrscheinlich weltweit eine Rolle spielt."

FOXO3A ist zuständig für die Herstellung eines Proteins, das die Wirkung von Insulin beeinflusst. Das Hormon ist hauptsächlich für den Abbau von Zucker in der Zelle verantwortlich, es wirkt jedoch auch positiv auf den Fett- und Aminosäure-Stoffwechsel. Da durch Störungen dieser Prozesse Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Arteriosklerose, Herzinfarkte und Schlaganfälle auftreten können, wird FOXO3A ein schützender Einfluss zugesprochen, der für die Langlebigkeit verantwortlich sein könnte.

Das Gen ist schon seit den neunziger Jahren in der genetischen Altersforschung von großem Interesse, nachdem es in Wurm und Fliege als altersrelevant beschrieben worden war. "Am schwierigsten ist es, für solch eine Studie hochbejahrte Teilnehmer zu gewinnen, insbesondere Hundertjährige" erklärte Erstautorin Flachsbart. "Interessanterweise sind die genetischen Effekte bei hundertjährigen Menschen deutlicher zu sehen als bei 90-jährigen." Mit Unterstützung der schleswig-holsteinischen Biodatenbank Popgen, die zurzeit mehr als 660 Erbgutproben von Hundertjährigen enthält, kann das Institut auf eine der weltweit größten DNA-Sammlungen sehr alter Probanden zugreifen.

Die Suche nach Erbfaktoren für hohes Alter treibt viele Forscher um: Für sie ist insbesondere der Fadenwurm C.elegans interessant, der sich besonders gut als Modellorganismus eignet und als Vorstufe von Untersuchungen am Menschen dient.

hei/dpa



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