Alterungsprozesse Jungbrunnen für Mäuse entdeckt

Länger leben: Bei Labormäusen ist es Forschern gelungen, den Abbau überalterter Zellen zu beschleunigen. Mehrere Organe funktionierten so besser - und die Tiere erkrankten seltener an Tumoren.

Labormäuse der Mayo-Klinik: Länger jung geblieben
Mayo Clinic

Labormäuse der Mayo-Klinik: Länger jung geblieben

Von Roland Mühlbauer


Wie der Körper altert, hängt von vielen Prozessen ab. Ein Faktor sind vermutlich sogenannte seneszente Zellen. Dabei handelt es sich um überalterte Zellen, die sich nicht mehr teilen. Mit steigendem Lebensalter häufen sie sich im Körper. US-Forscher der Mayo-Klinik im US-Bundesstaat Minnesota haben nun entdeckt, dass diese Zellen bei Mäusen die Lebenserwartung wesentlich reduzieren.

"Die Seneszenz der Zellen ist ein Mechanismus des Körpers, der wie eine Notbremse funktioniert und beschädigte Zellen davon abhält, sich weiterhin zu teilen", erklärt Jan van Deursen, Experte für Biochemie und Molekularbiologie in der Mayo-Klinik. Die Zellen halten sozusagen eine Art Winterschlaf, der auch schon von Braunschweiger Forschern beschrieben wurde. "Dieser Mechanismus ist wichtig, um der Entstehung von Krebszellen vorzubeugen", sagt Deursen. Ob die schlafenden Zellen allerdings noch wichtige Funktionen im Körper wahrnehmen, ist unklar.

Im Alter häufen sich überalterte Zellen an

Bei jungen Lebewesen fegt das Immunsystem diese ausgebremsten Zellen nach gewisser Zeit weg. Allerdings wird das Immunsystem mit der Zeit ineffektiver und baut nicht mehr alle Zellen ab. Die weiterhin vorhandenen überalterten Zellen geben dann Stoffe ab, welche wiederum benachbarte Zellen schädigen und chronische Entzündungen verursachen können. Dieser Prozess führt unter anderem zu Alterserkrankungen und Gebrechlichkeit.

Die seneszenten Zellen schneller zu beseitigen, ist den Forschern von der Mayo-Klinik jetzt gelungen, wie sie in "Nature" berichten. Das funktioniert durch den Einsatz der Substanz AP20187, die einen Prozess anstößt, durch den die Zellen absterben. Nach erfolgreichen Pilotstudien injizierten die Wissenschaftler genmanipulierten Mäusen zweimal pro Woche die Substanz, sobald die Mäuse ein Jahr alt wurden - das entspricht in etwa der Lebensmitte von Mäusen. Einer Kontrollgruppe verabreichten sie den Stoff nicht. Beide Gruppen bestanden jeweils aus über 50 Mäusen.

Bei der behandelten Gruppe verzögerte sich die Entstehung von Tumoren. Darüber hinaus verringerte sich der altersbedingte Verschleiß mehrerer Organe. Die Lebensspanne der Mäuse nahm im Vergleich zur Kontrollgruppe zwischen 17 und 35 Prozent zu. Sie wirkten gesünder, bewegten sich mehr und hatten weniger Entzündungen im Fett-, Muskel- und Nierengewebe. Auch die Sehstörung Grauer Star durch Trübung der Linse trat seltener auf. Allerdings erreichte die Substanz andere wichtige Organe nicht, zum Beispiel Leber und Dickdarm. Deshalb versprechen sich die Wissenschaftler von verbesserten Darreichungsformen noch größere Effekte.

Lediglich bei der Heilung von Hautwunden, die durch Seneszenz-Mechanismen unterstützt wird, verzögerte die Substanz die Heilung. Die Heilungszeit normalisierte sich aber, wenn die Wissenschaftler während der Wundheilung die Injektionen einstellten.

Mehr Zeit in Gesundheit

"Sich anhäufende seneszente Zellen sind überwiegend ungünstig. Weil sie Organen und Geweben schaden, verkürzen sie nicht nur das Leben insgesamt, sondern auch die Zeit, die bei Gesundheit verbracht wird", sagt van Deursen. "Und weil sich die Zellen anscheinend ohne Nebenwirkungen entfernen lassen, könnten derartige Therapieansätze sinnvoll sein bei der Behandlung von altersbedingten Einschränkungen und Erkrankungen."

Inwiefern die Erkenntnisse auch bei nicht genveränderten Mäusen oder gar bei Menschen anwendbar sind, muss noch erforscht werden. Direkt auf den Menschen übertragen lassen sich Ergebnisse aus Mausstudien nicht. Autor und Molekularbiologe Darren Baker von der Mayo-Klinik zeigt sich allerdings optimistisch, dass die Ergebnisse in der Zukunft nützlich sein könnten. "Bereits eine Beseitigung von 60 bis 70 Prozent der seneszenten Zellen kann eine erhebliche therapeutische Wirkung erzielen", so Baker.



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