Ausgegraben

Altes Ägypten Metropole der Fluten

Am Fuße des Plateaus von Giseh stand zu Zeiten des Pharao Menkaure eine große Stadt. Etwa alle vier Jahre wurde sie von einer Flutwelle zerstört - aber immer wieder aufgebaut. Wie trotzten die Bewohner den Naturgewalten?

Von

Karl Butzer

Noch gibt es keine Untersuchungen darüber, wie viele der Menschen, die ihr Haus in den vergangenen Wochen wegen des Hochwassers verlassen mussten, wieder in ihr altes Zuhause zurückkehren werden. Wahrscheinlich wird die Antwort lauten: die allermeisten. Als ob die riesigen Wassermassen ein einmaliges Ereignis und der Fluss sonst zahm wie ein Schoßhündchen sei. Es ist ihnen nicht zu verübeln. Menschen siedeln nun einmal wider jeder Vernunft an den Hängen aktiver Vulkane, auf Verwerfungen tektonischer Platten, in Hurrikan-Korridoren oder so dicht am Flussufer oder Meeresstrand wie nur irgend möglich.

Offenbar tun sie das schon sehr lange. Zum Beispiel vor rund 4500 Jahren am Fuße der Pyramiden von Giseh. Hier stand zur Regierungszeit des Pharao Menkaure (etwa 2532 - 2503 v. Chr.) eine große frühgeschichtliche Stadt. Jedenfalls war sie während der Sommermonate groß, zwischen Juni und Oktober. In den Monaten der Nilschwemme, wenn ihre eigenen Felder unter Wasser standen, lebten dort Tausende von Arbeitern und bauten für den Pharao an seiner Pyramide. Dazu kamen noch jene, die dafür sorgten, dass die Arbeiter genügend zu essen und zu trinken hatten und dass ihnen in der Nacht eine Schlafstelle zur Verfügung stand.

Die Ausgräber fanden ganze Batterien von Brotöfen, außerdem Brennöfen für das nötige Geschirr, Handwerksbetriebe, Speiseareale und Schlafstätten. Die Abfallgruben geben Auskunft über die meisterhafte logistische Leistung, die vom Küchenpersonal vollbracht wurde, um alle satt zu bekommen: 2000 Kilogramm Fleisch von Rindern, Schafen und Ziegen kamen hier auf die Teller - pro Tag.

Die Stadt, heute bekannt unter ihrem arabischen Namen Heit el-Ghurab, lag in der Senke eines Wadi, eines ausgetrockneten Wüstenflusslaufes. Solche Wadis sind tückisch. Regnet es stark im Oberlauf des ehemaligen Flusses, zum Beispiel bei einem Gewitter, schießt das Wasser in sein altes Bett. In einer mörderischen Lawine wälzt sich das Wasser im Wadi entlang und reißt alles mit sich, was in seinem Weg liegt.

Der Geograf Karl Butzer von der Universität Texas und sein Team haben die Sedimentschichten von Heit el-Ghurab untersucht. Im "Journal of Archaeological Science" berichten sie über ihre Ergebnisse: Bis zu 300 Liter Regen pro Quadratmeter können gefallen sein und die beobachteten Zerstörungen im Wadi angerichtet haben. Das ist durchaus die normale Regenmenge für einen kleinen Hurrikan in Florida. Für die nordägyptische Wüste allerdings ist diese Menge extrem ungewöhnlich. Das Muster dieser Niederschläge passt allerdings nicht in den Zyklus des Monsunregens in Äthiopien, der die jährliche Nilschwemme verursacht. "Auch heutzutage gibt es zwar schon mal sehr heftige Regengüsse im Dezember oder Januar - so heftig, dass die Straßen Kairos unter Wasser stehen", erläutert Butzer in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. "Aber so etwas passiert nur ein paar Mal im Jahrhundert." Damals war es anders: "Wahrscheinlich gab es äußerst starke und südlich verlagerte Tiefdruckgebiete im Mittelmeerraum, und die Fluten trugen Wüstensedimente kilometerweit über die angrenzende Niltalebene."

"Scherbensuppe" kündet von der Verwüstung

Die Wassermassen, die sich durch das Wadi wälzten, weichten die Lehmziegel der Häuser auf und rissen sie mit sich fort. Sie unterspülten die Fundamente und ließen die Öfen einstürzen. In der Region der Brennöfen für das Geschirr liegen dicke Schichten mit Tonscherben. Die Archäologen nennen sie "Scherbensuppe" - den Brei aus Schlamm und Tausenden von zertrümmerten Trinkgefäßen und Brotformen. Nachdem das Wasser abgelaufen war, stand kein Lehmziegel mehr auf dem anderen, die Stadt war komplett verwüstet. "Mauerstücke wurden aufgewühlt und in den Schlammassen begraben oder sogar meterweit verschleppt", beschreibt Butzer das Ausmaß der Zerstörung.

Die Flut kam nicht einmal. Nicht zweimal. Aus der Schichtenabfolge von Zerstörung und mehrfachen Wiederaufbau in Heit el-Ghurab konnte Butzer ablesen, wie häufig die Stadt dem Erdboden gleich gemacht wurde: In den 40 bis 45 Jahren zwischen dem Ende der Regierungszeit des Pharao Chephren und dem Beginn der Regierungszeit des Pharao Userkaf verwüsteten die Fluten zehnmal die Stadt - im Schnitt etwa alle vier Jahre einmal.

Pharao Menkaure versuchte, dem Wasser etwas entgegenzusetzen. Er ließ den rund 180 Meter langen Krähenwall bauen, der die Fluten aufhalten sollte. Sieben Meter hoch war die Mauer, die Steinblöcke jeweils eine halbe Tonne schwer. Vergeblich. Warum aber tat der Pharao nicht das Naheliegende und siedelte die Stadt einfach um? Warum mussten die Arbeiter ausgerechnet in diesem ausgetrockneten Flussbett wohnen? "Warum Menkaure seine großzügige Anlage hier baute, bleibt rätselhaft", gibt Butzer zu. "Aber das höher gelegene Plateau mit seiner dramatischen, bühnenhaften Lage war schon weitgehend mit Pyramiden, Tempeln und Gräbern zugebaut. Vielleicht hat man die Überschwemmungsgefahr unterschätzt, trotz früherer Wildwasser. Vielleicht aber glaubte der Pharao, dass er als himmlischer Herrscher die Natur bändigen konnte."

Menkaure war noch nicht lange tot, da riss erneut eine Flut die Stadt mit sich fort. Die Veränderungen der gesamten Umgebung waren enorm. Am Ende der vierten Dynastie hatte das Wadi sich schließlich von ursprünglichen 15 Metern Breite auf 75 Meter erweitert. Und die Veränderungen betrafen nicht nur das Wadi - der Lauf des Nils hatte sich vertieft, wahrscheinlich um die anomalen Wüstengewässer zu führen. Am Ende hat doch der Verstand gesiegt, die Stadt wurde aufgegeben. Menkaures Bauwerk, die Mykerinos-Pyramide, war bereits die kleinste der drei Pyramiden von Giseh. Und sie sollte die letzte sein. Sein Nachfolger Schepseskaf ließ sein Grabmal in Sakkara-Süd errichten.

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
3 Leserkommentare
bingo-h@web.de 26.06.2013
joachim_m. 27.06.2013
akramzentrum 09.09.2013

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.