Verblüffender Fund Wurzelbehandlung in der Altsteinzeit

Der Zahnarztbohrer ist keine neuzeitliche Erfindung - schon vor 13.000 Jahren säuberten Zahnheilkundige Karies-Löcher mit winzigen Bohrern aus Flint oder Knochen. Als Füllung gab es einen Klumpen Bitumen.

Modifizierte Pulpenhöhle bei zwei Schneidezähnen
Gregorio Oxilia

Modifizierte Pulpenhöhle bei zwei Schneidezähnen


Mit dem Brot kamen die Zahnschmerzen. Die Jäger und Sammler, mussten sich bei ihrer Kost aus Fleisch, Früchten, Wurzeln und Nüssen noch keine großen Gedanken um Zahnhygiene machen. Als ihre Nachfahren dann aber sesshaft wurden, Getreide anbauten und dieses zu Mehl machten, war es aus mit den gesunden Gebissen. Die klebrige Stärke haftete an den Zähnen und schuf einen Nährboden für Karies.

Zusätzlich kamen mit dem Mehl kleine Steinchen ins Brot, an denen die Menschen sich regelrecht die Zähne ausbissen. In der Jungsteinzeit, so die bisherige Erkenntnis, wurden die Menschen nicht nur zu Bauern, sondern es entstand auch der Beruf des Zahnarztes.

Innere des Zahns "modifiziert"

Nun haben Forscher um den Anthropologen Stefano Benazzi von der Universität Bologna Hinweise darauf gefunden, dass die Zahnheilkunde womöglich doch schon älter ist. An zwei oberen seitlichen Schneidezähnen führte bereits vor weniger als 13.000 Jahren jemand eine Zahnbehandlung durch. Also im späten Jungpaläolithikum, dem Ende der Altsteinzeit.

Der Zahnarzt praktizierte damals in den Bergen von Riparo Fredian, rund 75 Kilometer nordwestlich von Florenz. Dort jedenfalls wurden bereits vor etwa 20 Jahren unter einem schützenden Felsüberhang Zähne von sechs Individuen gefunden.

Als die Forscher sich diese nun noch einmal näher ansahen, fielen ihnen die Schneidezähne von Individuum Fredian 5 besonders ins Auge. Die schützende Zahnkrone fehlte. Und in beiden Zähnen waren die Pulpenhöhlen, in denen der Nerv liegt, viel größer als normal. "Bei beiden Schneidezähnen wurde zu Lebzeiten die Pulpenhöhle modifiziert", schreiben sie in ihrem Aufsatz im "American Journal of Physical Anthropology" .

Auffällige Kratzspuren

Dafür schabte jemand mit einem hauchdünnen Stein oder einem Knochen die Innenseiten aus, um kariöse Stellen zu entfernen - dem Prototyp des heute immer noch gefürchteten Zahnarztbohrers.

Die Prozedur muss unglaublich schmerzhaft gewesen sein, zumal es noch lange dauern sollte, bis sinnvolle Formen der Anästhesie erfunden wurden. Zufällig jedenfalls können die Kratzspuren im Zahninneren nicht entstanden sein, dafür sind die Rillen zu regelmäßig.

Auch ungesunde Kaugewohnheiten, die regelmäßige Nutzung der Zähne als Werkzeug oder eine gewollte Modifikation aus modischen oder kulturellen Gründen konnten die Forscher als Ursache ausschließen.

Ausgeschabte Zähne
Gregorio Oxilia

Ausgeschabte Zähne

Es blieb nicht bei der Bohrung, der Zahnheiler leistete ganze Arbeit und verpasste den Zähnen auch noch eine Füllung. Im Inneren der Höhlen entdeckten die Forscher Reste einer dunklen Substanz: Bitumen mit Einschlüssen von Pflanzenteilen und Haaren, wie sie bei näherer Untersuchung feststellten.

Zahnbehandlungen gut dokumentiert

"Das Bitumen könnte als Antiseptikum eingesetzt worden sein", spekulieren die Forscher in ihrem Aufsatz, "oder es sollte eine antibakterielle Barriere zwischen dem Körper und der Umgebung bilden". Die dunkle, wasserabweisende Masse diente jedenfalls schon in der Steinzeit als eine Art Superkleber für Werkzeuge und als Dichtungsmaterial. Aufgebohrte Zähne dagegen wurden, zumindest etwas später in der Jungsteinzeit, eher mit Bienenwachs versiegelt.

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Was es dagegen mit den Pflanzenfasern und Haaren auf sich hat, bleibt vorerst ein Rätsel. Es ist nicht einmal klar, ob sie Bestandteil der Füllung waren oder im Laufe der Zeit als Speisereste in das Loch gerieten.

Allerdings wussten die Menschen in der Altsteinzeit durchaus, mit welchen Pflanzen sich welche Beschwerden lindern ließen. "Es gibt eine gute Dokumentation ethnografischer Fälle für die Behandlung von Zahnschmerzen, Karies, Wurzelentzündung und anderer Beschwerden", schreiben die Forscher.

Der Patient lebte vor 13.000 bis 12.740 Jahren. Allerdings gibt es noch ein älteres Beispiel für eine Zahnbehandlung in Norditalien. In der Provinz Belluno in Venetien fanden Archäologen schon vor knapp zehn Jahren einen 14.160 bis 13.820 Jahre alten kariösen Backenzahn, der ebenfalls aufgebohrt worden war.

Frühe Heilkunst

Die Arbeit ist allerdings weniger präzise und eine Füllung ist auch nicht erhalten. "Der Ort der Karies im hinteren Mundbereich hätte es aber auch schwieriger gemacht, den Zahn vollständig zu säubern", nehmen die Autoren der Studie den älteren Zahnbehandler in Schutz.

So schmerzhaft die Prozedur auch gewesen sein mag, der Patient scheint danach beschwerdefrei weitergelebt zu haben. Davon sprechen jedenfalls die Abnutzungserscheinungen an der oberen Kante des Bohrlochs. Wahrscheinlich konnte er nicht nur essen, sondern auch seine Zähne weiterhin als Werkzeuge gebrauchen.

"Die Kratzer und Abrundungen an den Kanten des Bohrlochs lassen darauf schließen, dass Fredian 5 die Freilegung der Zahnwurzel überlebte und danach bis zu seinem Tod fortfahren konnte, seine Zähne für alltägliche Aktivitäten zu nutzen", schreiben die Forscher. Wie er allerdings den Schmerz der Wurzelbehandlung ertrug, ist nicht bekannt. "Leider habe ich auf diese Frage keine Antwort", bedauert Benazzi.



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