Spuren im Blut Neuer Test soll Ausbruch von Alzheimer voraussagen 

Zehn Moleküle im Blut geben den Hinweis: US-Forscher haben ein Diagnoseinstrument entwickelt, das eine frühere Diagnose von Alzheimer ermöglichen könnte. Experten warnen aber vor zu viel Euphorie.

  Ein erster Schritt: Bluttest sagt Ausbruch von Alzheimer voraus - zu 90 Prozent
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Ein erster Schritt: Bluttest sagt Ausbruch von Alzheimer voraus - zu 90 Prozent


Alzheimer verrät sich schon Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit im Blut: Mediziner um den Neurologen Mark Mapstone haben zehn Lipide im Blut identifiziert, die mit mindestens zwei bis drei Jahren Vorlauf auf den Ausbruch von Alzheimer hinweisen könnten. Die Vorhersagesicherheit dieser Biomarker liege bei 90 Prozent, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature Medicine". Sie hoffen, Alzheimer künftig zehn bis 20 Jahre vor den ersten Symptomen diagnostizieren zu können.

Fünf Jahre lang beobachteten die Wissenschaftler 525 Menschen, alle mindestens 70 Jahre. Später verglichen sie die Daten von 53 Patienten mit Alzheimer oder leichten kognitiven Beeinträchtigungen mit den Daten von 53 Patienten, die kognitiv gesund geblieben waren. Dabei stießen sie auf die zehn Biomarker, die stets im Blut nachweisbar waren. Mit ihnen ließ sich somit die fortschreitende Demenz vorhersagen.

Will man wissen, was man nicht bekämpfen kann?

Bei der Alzheimer-Erkrankung lagern sich fehlgeformte Eiweißstrukturen im Gehirn an: Amyloid-Moleküle bilden Plaques, Tau-Proteine verfilzen zu Bündeln und lassen den Transport der Zelle zusammenbrechen. Die Signalübertragung im Gehirn kann mit Medikamenten verbessert werden - langfristig lässt sich der Zelltod jedoch bislang nicht aufhalten. Noch gibt es kein Medikament, das Alzheimer heilt. Patienten, die mit dem neuen Bluttest die Diagnose Alzheimer erhielten, wüssten also vom langsamen Verfall in ihrem Gehirn, und sie stünden ihm machtlos gegenüber.

Die Studie rührt an einer der größten Ängste der Menschen: Im Alter die geistigen Fähigkeiten einzubüßen. In Deutschland leben zurzeit rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz-Erkrankung. 1,2 Millionen Menschen davon leiden an Alzheimer, fast 300.000 neue Fälle werden in jedem Jahr diagnostiziert.

Weltweit sind 44 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, die Organisation Alzheimer Disease International (ADI) erwartet, dass es im Jahr 2050 um die 135 Millionen sein werden. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO leiden allein 35 Millionen Menschen weltweit an Alzheimer. Der Umgang mit der rasant steigenden Zahl von Demenzkranken in einer alternden Gesellschaft ist eine der zentralen Herausforderungen für das Gesundheits- und Pflegewesen.

"Ein guter Schritt in die richtige Richtung"

"Die vorliegende Arbeit ist sicher eine der besten Biomarker-Studien", sagt der Biochemiker und Neurowissenschaftler Christian Haass von der Universität München. Vor zu viel Euphorie warnt er jedoch: "Man sollte bei allem Optimismus bedenken, dass die Krankheit Jahrzehnte vor den ersten Symptomen angelegt wird." Ob die Biomarker dann schon im Blut auftreten, verrate die Studie nicht. "Sicherlich ein guter Schritt in die richtige Richtung", attestiert er seinen Kollegen. "Aber Vorsicht ist noch geboten."

Alexander Drzezga von der Uniklinik Köln bezeichnet die Studie als vielversprechend - mit einem gewissen Aber: "Bei genauer Betrachtung der Daten ergeben sich doch einige Einschränkungen." So hätten die Autoren der Studie zwar mit einer großen Studiengruppe von 525 Personen angefangen, für den Nachweis der Vorhersage-Fähigkeit des Bluttests seien im letzten Schritt aber nur noch 18 Personen übrig geblieben. Auch seien verschiedene Schweregrade der geistigen Beeinträchtigung in einer Gruppe zusammengefasst, 53 Personen seien gar nicht kategorisiert worden.

Zudem sei anhand des Studienmodells nicht mit Sicherheit zu klären, ob der getestete Biomarker tatsächlich spezifisch die Alzheimer-Krankheit vorhersagen könne, oder ob er generell neurodegenerative oder neuropathologischen Vorgänge anzeige. "Sofern sich der Wert aber in weiteren Studien belegen lässt, könnte es sich hier um einen guten Gatekeeper-Biomarker handeln". Bewährt sich das Verfahren, hält Drzezga es für möglich, dass es als erster Test verwendet werden könnte, um über die Notwendigkeit von teureren oder invasiveren Methoden zu entscheiden.

Bisher setzen Mediziner vor allem auf eine Diagnose per aufwendigen und teuren Magnetresonanzbildern, die in den meisten Fällen aber erst dann durchgeführt werden können, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist.

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