Amazonas-Gebiet: Vergessene Baumeister des Dschungels

Von Angelika Franz

Der rücksichtslose Kahlschlag am Amazonas hat mysteriöse Spuren aus der Vergangenheit freigelegt: Wissenschaftler haben auf Luftaufnahmen Hunderte Gräben entdeckt. Die geometrischen Formen auf der Erdoberfläche zeugen von einer komplexen Zivilisation, die bisher unbekannt war.

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Rätselhafte Erdmuster: Luftbilder zeigen Überreste einer Amazonas-Kultur
Manchmal verschwinden Dinge für eine Zeit lang von der Erdoberfläche. Zum Beispiel das Lieblingsspielzeug des Hundes, das nach einem halben Jahr hinter dem Sofa wieder auftaucht. Oder die Lesebrille, die aus unerklärlichen Gründen nach wochenlanger Abwesenheit plötzlich in der Schrankschublade liegt. Ebenso unerwartet haben jetzt Wissenschaftler im Amazonas-Becken etwas gefunden, was dort niemand vermutet hätte: die Ruinen einer komplexen Zivilisation. Ein ganzes Volk, dass in dem dichten Urwald der Region des oberen Purús-Flusses lebte - und Hunderte von riesigen geometrischen Figuren in die Landschaft schrieb.

Wahrscheinlich verschwand dieses Volk unbemerkt, bevor es in die Annalen der Eroberer eingehen konnte, die im Kielwasser von Christoph Columbus in die neue Welt segelten. Denn etwas war schneller als die Conquistadores: die Viren und Bakterien des alten Europa, die als blinde Passagiere auf den spanischen und portugiesischen Schiffen mit in die neue Welt eingewandert waren. Schnell und tödlich breiteten sie sich unter diesem unbekannten Volk aus und rafften es dahin, noch bevor die behäbigen Eroberer es je zur Notiz nehmen konnten.

Der undurchdringliche Amazonas-Urwald aber holte sich bald jene Schneisen zurück, die das Volk ihm als Straßen abgetrotzt hatte. Jahrhundertelang hütete er so das Geheimnis dessen Existenz. Erst die rücksichtslose Rodung zu Gunsten von Viehhaltung, die im Amazonas-Becken Urwald unwiederbringlich vernichtet, entblößte die Monumente der sogenannten "Geoglyphen-Kultur".

Einige Hochkulturen sind berühmt für ihre Geoglyphen

Geoglyphen sind große geometrische Figuren, die nur aus der Luft in ihrer vollen Gestalt sichtbar werden. Das Wort setzt sich zusammen aus den griechischen Begriffen "geo-" für "Erd-" und "-glyphen" für "-zeichen". Berühmtestes Beispiel für diese Erdzeichen sind die Nazca-Linien, jene teils kilometerlangen Motive, die in die peruanische Wüste gescharrt sind.

Als in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten wuchsen, mit dem Dienst Google Earth auch entlegene Gebiete aus der Luft studieren zu können, kam eine spanisch-brasilianische Wissenschaftlergruppe auf die Spur der Geoglyphen-Bauer. "Und es hört gar nicht mehr auf", sagt Denise Schaan von der brasilianischen Federal University of Pará in Belém, "jede Woche entdecken wir neue Strukturen."

Über 200 dieser Erdzeichen haben Schaan und ihre Kollegen bereits gefunden. Einige sind rechteckig, andere bestehen aus konzentrischen Kreisen, Sechs- oder Achtecken. Der Durchmesser der Figuren beträgt zwischen 90 und 300 Meter. Meistens bestehen sie aus einem etwa elf Meter breiten Graben. Zwar sind die Gräben heute verlandet, dennoch sind sie einen bis drei Meter tief, der Aushub ist auf einer Seite meist einen halben bis einen Meter zu einem Wall aufgeschüttet.

Zwischen den Scharrwerken verlaufen breite, gerade Straßen. Im Süden der Region waren die Kreise die bevorzugte Form, die nördlichen Nachbarn bauten vermehrt in Rechtecken. Insgesamt überzieht dieses Geoglyphen-Netz ein Gebiet mit über 250 Kilometern Durchmesser. "Aber es ist gut möglich, dass wir noch nicht einmal ein Zehntel aller Geoglyphen gefunden haben", sagt Schaan.

200 Jahre vor Christoph Columbus

Erste Untersuchungen bringen ein wenig Licht in das Mysterium der Geoglyphen-Kultur. An der Helsinki Universität haben Chemiker eine Holzkohlenprobe aus einer Geoglyphe bei Fazenda Colorado am Rio Branco untersucht. Demnach war der Ort um etwa 1283 bewohnt - gut 200 Jahre vor Columbus. Andere Geoglyphen könnten aber durchaus auch schon 1000 Jahre vorher gebaut worden sein. Das Datum, so Schaab und ihre Kollegen in einem Artikel der britischen Zeitschrift Antiquity, passe gut zu der Entwicklung anderer komplexer Kulturen Südamerikas in dem Zeitraum.

Aber mit wem waren die Geoglyphen-Bauer verwandt? Nur rund zweihundert Kilometer weiter westlich in den Anden entwickelten sich vom zwölften Jahrhundert an die Inka zu einer Hochkultur. Doch die Archäologen fanden in den Geoglyphen keine einzige Scherbe Inka-Keramik oder andere Anzeichen für einen möglichen Kontakt zwischen den beiden Völkern. Auch zu den anderen großen Geoglyphen-Bauern, den Nazca, gibt es keine stilistischen Parallelen.

"Im Moment würde ich sagen, dass die größte Ähnlichkeit der gefundenen Keramik zu den Moxos in Boliven besteht", sagt der Co-Autor Alceu Ranzi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir sind hier ja auch ganz nahe an der Grenze zu Bolivien." Die Moxos sind eine Amazonas-Kultur, die unter dem Einfluss der Inkas stand. Noch heute leben etwa 30.000 von ihnen in Nord-Bolivien. Die meisten sind mittlerweile glühende Katholiken - obwohl ihre Vorfahren den Spaniern einst erbitterten Widerstand leisteten.

Wer auch immer die Geoglyphen-Bauern waren, es müssen viele von ihnen gewesen sein. In ihrem Aufsatz rechnen die Wissenschaftler vor, dass für den Bau einer einzigen Geoglyphe von 200 Meter Durchmesser 8000 Kubikmeter Erde bewegt werden mussten. Geht man davon aus, dass ein Mensch am Tag einen Kubikmeter Erde schafft, wäre das Bauwerk mit 8000 Mann am Abend eines Arbeitstages fertig. Bauen nur 80 Leute an der Geoglyphe, bräuchten sie entsprechend 100 Tage. Doch diese 80 Mann haben nach der anstrengenden Schufterei Hunger und Durst - also müssten noch weitere Leute ihnen Nahrung beschaffen und zubereiten, um sie bei Laune zu halten.

Gräben als Verteidigungsanlage?

Wahrscheinlich, so die Annahme der Wissenschaftler, sei eine Zahl von rund 300 beteiligten Menschen pro Geoglyphe. Diese müssten auch dort gewohnt haben, denn in und rund um die Erdwälle fanden Archäologen die Reste von Hütten mit Keramik darin und Alltagsgegenständen wie Mahlsteinen. Allein schon bei den bis heute entdeckten Geoglyphen würde das bedeuten, dass 60.000 Menschen in jener Region lebten, die bisher als völlig unbewohnbar galt.

Warum aber bauten sie ihre Gräben und Erdwälle in geometrischen Formen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Eine Möglichkeit wäre, dass es sich schlicht um Verteidigungsanlagen handelte. Verteidigungsgräben und -wälle sind durchaus auch aus anderen Teilen des Amazonas-Gebietes bekannt. Allerdings ist es sinnvoller für Verteidiger, wenn der Graben vor dem Wall zu liegen käme - und nicht, wie bei den Geoglyphen am Purús-Fluss, dahinter.

Oder diente der Graben, so ein anderer Vorschlag, im Verteidigungsfall als eine Art Speisekammer für Frischfleisch, in der zum Beispiel Wasserschildkröten gehalten wurden? Gegen die Funktion als Verteidigungsanlage spricht allerdings auch die strikte Einhaltung der Geometrie. Ein Verteidigungswall würde die natürlichen Vorteile der Landschaft ausnutzen, die Geoglyphen jedoch sind akkurat wie mit dem Lineal gezogen. "Wenn man sich verteidigen will, baut man einfach einen Wall oder gräbt einen Graben", sagt Schaan, "aber man stellt keine genauen Berechnungen an, um die Anlage kreisrund oder exakt quadratisch zu bauen." Viele der Geoglyphen sind auffällig nach Norden ausgerichtet.

Zu untersuchen, ob die Scharrwerke vielleicht eine astronomische Bedeutung haben, steht als nächstes aus der Agenda der Wissenschaftler.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. Terra Preta
Galaxia 12.01.2010
Zitat von sysopDer rücksichtslose Kahlschlag am Amazonas hat mysteriöse Spuren aus der Vergangenheit freigelegt: Wissenschaftler haben auf Luftaufnahmen Hunderte Gräben entdeckt. Die geometrischen Formen auf der Erdoberfläche zeugen von einer komplexen Zivilisation, die bisher unbekannt war. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,670366,00.html
Guter Film über die Kulturen im Amazonas. Archaeology, Cultural Anthropology, “The Secret of El Dorado” http://video.google.com/videoplay?docid=8993313723654914866&ei=4UxMS_jhKpq62wKpsNzXBQ&q=el+dorado+terra+preta&hl=en&view=3#
2. Da schau her
mavoe 12.01.2010
Zitat von sysopDer rücksichtslose Kahlschlag am Amazonas hat mysteriöse Spuren aus der Vergangenheit freigelegt: Wissenschaftler haben auf Luftaufnahmen Hunderte Gräben entdeckt. Die geometrischen Formen auf der Erdoberfläche zeugen von einer komplexen Zivilisation, die bisher unbekannt war. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,670366,00.html
Was in Südamerika bis quasi heute uns völlig unbekannt war. Noch verblüffender fand ich, als ich kürzlich einen Bericht über Perú sah. Da gab es vor fast 5000 Jahren auch eine Hochkultur wie etwa bei "uns" Ägypten und Mesopotamien. Dies wusste ich vorher nicht. lol http://de.wikipedia.org/wiki/Caral-Supe
3. Alter Hut: Sind halt die Terra-Preta-Leute
Weiser Bähr 12.01.2010
Da gibt es doch alle Augenblicke Fernsehberichte über diese Kultur, über die damals Fray Gaspar de Carvajal berichtet hat. Die haben doch auch das Terra Preta hinterlassen, oder?
4. ...
smokeonit 12.01.2010
wo bleiben jetzt die "Google ist böse" Leute?
5. Meter
problematix 12.01.2010
Zitat von GalaxiaGuter Film über die Kulturen im Amazonas. Archaeology, Cultural Anthropology, “The Secret of El Dorado” http://video.google.com/videoplay?docid=8993313723654914866&ei=4UxMS_jhKpq62wKpsNzXBQ&q=el+dorado+terra+preta&hl=en&view=3#
Wenn viele Menschen dort gewohnt haben, die Zäune um die Gräben sind, so kann es doch sein, dass die Schildkrötenzucht so ganz gut sicher vor Strauchdieben ist, es muss ja nicht gleich eine Armee sein. Natürlich konnte sich nicht jeder sich so einen Schönen Graben leisten. Es geht doch häufig um Dimensionen von 30-90 Metern, das ist jetzt nicht so viel...
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Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
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