Amazonas Reste von 81 alten Siedlungen entdeckt

Bei Siedlungsanlagen in Amerika denkt man an Azteken, Mayas und Inkas. Doch auch andere Gegenden waren dicht besiedelt. Am südlichen Amazonasrand lebten laut neuesten Erkenntnissen bis zu eine Million Menschen.

University of Exeter

Der südliche Rand des Amazonasbeckens war vor der Ankunft der Spanier zusammenhängend besiedelt - und zwar viel dichter als bisher angenommen. Ein britisch-brasilianisches Forscherteam berichtet im Fachblatt "Nature Communications", dass auf rund 435.000 Quadratkilometern Fläche etwa 500.000 bis eine Million Menschen lebten.

"Es gibt einen gängigen Irrglauben, dass das Amazonasgebiet eine unberührte Landschaft ist, die nur von verstreuten nomadischen Gemeinschaften bewohnt war", sagt Erstautor Jonas Gregorio de Souza von der University of Exeter. "Das ist nicht der Fall."

Seit etlichen Jahren finden Forscher im Amazonasbecken Hinweise auf Siedlungen aus präkolumbianischer Zeit - etwa Reste von Erdwällen, Fischteichen, Grabenanlagen oder Verkehrswegen. Das ganze Ausmaß der damaligen Besiedlung ist schwer zu bestimmen, weil große Flächen von dichtem Dschungel bedeckt sind.

Dokumentiert hatten Forscher schon eine intensive Nutzung im westbrasilianischen Bundesstaat Acre und weiter östlich am Oberlauf des Xingu im Staat Mato Grosso. Dabei zeigten sie auch, dass die Ureinwohner der westlichen Amazonasregion den Wald für Palmenpflanzen rodeten. Unklar war bislang, ob zwischen den Arealen eine Verbindung bestand. Genau das zeigt nun das Team um Jonas Gregorio de Souza von der University of Exeter anhand von Funden am Oberlauf des Flusses Tapajós - einem großen Zustrom des Amazonas.

Dort entdeckten die Forscher anhand von Luftbildern und Ausgrabungen 81 bisher unbekannte befestigte Siedlungen. Sie waren meist von ein bis drei Meter tiefen, runden, vier- oder sechseckigen Gräben umgeben. Diese Geoglyphen - also Erdlinien - hatten demnach einen Durchmesser von 11 bis 390 Metern. Sie enthielten aufgeschichtete Erdhügel und Wege und lagen nicht an Flussläufen, sondern meist auf kleinen Plateaus, von denen aus man die Landschaft überblicken konnte.

Große Anlagen alle 85 Kilometer

An den Orten fanden die Forscher zudem Keramik sowie dunkle Erde, die auf eine lange landwirtschaftliche Nutzung hinweist. Viele größere Anlagen haben eine sechseckige Struktur - was die Forscher als Hinweis auf gezielte Planung und einheitlichen Bau werten. Die besonders große Anlage "Mt-07-Boa Vista" hat einen Durchmesser von 390 Metern. In ihrem Inneren sind elf Erdhügel um einen zentralen Platz errichtet - die Forscher vermuten eine zeremonielle Nutzung.

Interessant ist auch die räumliche Struktur der Siedlungen: Die großen Anlagen scheinen recht planmäßig in bestimmten Abständen von durchschnittlich 85 Kilometern angelegt worden zu sein. Die kleinsten Siedlungen, die ein knappes Drittel der Anlagen stellen, sind demnach Satelliten davon.

"Die Entdeckung zeigt, dass es in einem Gebiet von 1800 Kilometern Ausdehnung von Ost nach West keine Unterbrechungen in der Verteilung von Erdarbeiten gab", schreibt das Team. Ihren Höhepunkt erreichte die Aktivität in der Region demnach zwischen den Jahren 1250 und 1500 - also kurz vor Ankunft der Spanier.

Die Forscher kalkulieren, dass damals am südlichen Rand des Amazonasbeckens mindestens 435.000 Quadratkilometer bewohnt waren - das entspricht etwa der Fläche von Deutschland und Österreich zusammen. Dort lebten demnach damals in 1000 bis 1500 Dörfern zwischen 500.000 und eine Million Menschen. Frühe europäische Chronisten nannten für einzelne Gebiete wesentlich niedrigere Zahlen - vermutlich, weil der größte Teil der Bevölkerung bereits an von den Europäern eingeschleppten Krankheiten gestorben war.

Insgesamt, so die Autoren, dürfte die Bevölkerung im gesamten Amazonasgebiet wesentlich größer gewesen sein als bisher angenommen: Denn der südliche Rand des Beckens macht nur etwa sieben Prozent des Amazonasgebiets aus.

Walter Willems, dpa/chs



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