Flugpionierin Amelia Earhart Lasst Knochen sprechen

Seit 78 Jahren streiten Experten über Knochen, die man auf einem Pazifikatoll fand: Gehören sie der Flugpionierin Amelia Earhart? Ja, sagt ein US-Forensiker, der neue Indizien zusammengetragen hat.

Amelia Earhart vor letztem Rekordflug am 20. Mai 1937
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Amelia Earhart vor letztem Rekordflug am 20. Mai 1937

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Das Rätselraten über das Schicksal der amerikanischen Flugpionierin und Frauenrechtlerin Amelia Earhart geht in die nächste Runde. Der emeritierte Anthropologe Richard Jantz veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Forensic Anthropology" eine Studie, die die 1940 auf dem Pazifikatoll Nikumaroro gefundenen Knochen der verschollenen Pilotin zuordnet.

Amelia Earhart ist eine Legende: Als erste Frau überhaupt überquerte sie 1932 den Atlantik im Alleinflug. Sie flog auch als erster Mensch von Hawaii über den Pazifik nach Kalifornien.

Die Debatte, ob das 1949 entdeckte unvollständige Skelett von Earhart stammen könnte, wird seit dem Tag des Fundes geführt. Die Finder hatten sieben der Knochen vermessen und das Skelett dann zur weiteren Analyse auf die 2000 Kilometer entfernten Fidschi-Inseln geschickt. Dort aber gingen sie verloren - der Fund ist bis heute so verschollen wie Earhart.

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Was blieb, waren die Messungen, und die ordnete man in den kommenden Jahrzehnten im steten Wechsel Earhart oder irgendeinem unbekannten Mann zu. Der Grund dafür: die Längen der Knochen. Zu lang für eine Frau seien die, befanden mehrere Expertisen. Keineswegs, befand eine andere Studie schon 1998. Earhart sei eine große, langgliedrige Person gewesen, die Knochenlängen entsprächen da den Erwartungen. Der Autor dieser 20 Jahre alten Studie, die damals die Debatte auch nicht beenden konnte: Richard Jantz.

Für den Anthropologen ist das Schicksal Earharts offenbar ein Thema, das ihn auch nach Ende seiner Berufslaufbahn nicht loslässt. Mit einer neuen Analyse der alten Messdaten versucht Jantz nun, seine Einschätzung von 1998 einmal mehr zu belegen.

Sein Trick: Er zäumte das Pferd von hinten auf. Statt zu versuchen, die Knochenmaße direkt Earhart zuzuordnen, versucht er, andere Zuordnungen durch einen Vergleich mit den Knochenmaßen anderer Menschen auszuschließen.

Zunächst schließt er aus, dass die Knochen anderen Menschen, die auf oder in der Nähe des Atolls ums Leben gekommen sein könnten, gehörten: Earharts Co-Pilot fällt wegen seiner Größe aus, bekanntermaßen dort gestorbene oder verschollene US-Soldaten ebenfalls. Auch im Vergleich mit dokumentierten Knochen von Menschen mikronesischer oder polynesischer Herkunft seien die Funde von 1940 eindeutig eher einem "amerikanisch-europäischen" Typus zuzuordnen. Darauf deuteten auch Sachfunde wie Kleidungsreste und Teile von Gegenständen hin, die sich im Umfeld der Knochen fanden.

Den Wahrscheinlichkeitsnachweis sucht Jantz dann, indem er die Maße der angeblichen Earhart-Knochen mit denen von 500 zufällig aus einer 2775 Personen umfassenden anthropologisch-forensischen Datenbank vergleicht. Und siehe da: Die Knochenfunde von 1940 passten besser zu Earhart als zu 99 Prozent der Personen aus dieser Vergleichsgruppe. Damit, findet Jantz, deuteten die Daten "sehr stark darauf hin, dass die Knochen von Earhart stammen".

Indizienbeweise

Dass Earhart einst tatsächlich auf dem Atoll Nikumaroro notgelandet ist, dafür sprechen andere über Jahrzehnte zusammengetragene Funde.

Amelia Earhart versuchte 1937, mit einem Co-Piloten als erster Mensch die Welt entlang der Äquatorlinie zu umrunden. Sie verschwand, als sie den größten Teil der Reise bereits hinter sich hatte. Am 2. Juli 1937 startete sie von Neuguinea aus den Versuch, den Pazifik zu überqueren - die letzte Etappe des spektakulären Fluges. Man hörte nie wieder von ihr.

Drei Jahre später wurden auf Nikumaroro, einem kleinen Atoll zwischen Kiribati und Tuvalu, knapp unterhalb des Äquators und exakt auf östlicher Linie von Neuguinea, die Knochen gefunden. Gesucht hatte man dort, weil in der Woche nach Earharts Verschwinden ein Suchflugzeug eine Art Biwak auf dem Atoll gesichtet haben wollte. Überlebten Earhart und ihr Co-Pilot dort einen Absturz?

Popstar der Dreißiger

Erste Suchen blieben erfolglos, doch immer wieder kehrten Forscher auf die Insel zurück, um nach Spuren, Überresten und dem Wrack von Earharts Flugzeug zu suchen. 1940 wurden sie fündig: Ein Damenschuh, eine Kiste und die Knochen wurden gefunden. In späteren Jahren kamen ein Damenschuh aus den Dreißigern dazu, wie auch Earhart sie gern trug, Werkzeug, alte Kosmetika, Teile von Männer- und Frauenkleidung.

Auf die eine oder andere Weise gelangten all diese Dinge irgendwann in den Dreißigern auf das Atoll. Doch nichts davon ließ sich absolut eindeutig Earhart oder ihrem Co-Piloten Fred Noonan zuordnen. Auf der anderen Seite fand man aber auch nichts, was nicht zu Earhart und Noonan gepasst hätte - ein klassischer Indizienbeweis.

Dass der immer noch als umstritten gilt, liegt vor allem daran, dass es eben auch andere Theorien gibt. Earhart, einem wahren Popstar der Dreißiger, einer Ikone der Frauenbewegung, wird auch unterstellt, möglicherweise zur Agentin geworden zu sein - möglicherweise im Dienste der Japaner. Die, so eine populäre These, könnten sie 1937 auf Nikumaroro oder einer anderen Insel geborgen haben.

Hier gerät die Geschichte zur Räuberpistole: Es gibt die auf Fotos gestützte, inzwischen als falsch erkannte Behauptung, sie sei unter falscher Identität möglicherweise als Spionin in die USA zurückgekehrt. Sachlicher ist da schon die These, sie könne mit Noonan in japanische Gefangenschaft geraten und dort gestorben sein.

"Das ungeklärte Schicksal der Amelia Earhart hört nicht auf, uns zu faszinieren", schreibt der Anthropologe Jantz gleich zu Beginn seiner aktuelle Studie. Für ihn aber zählen nur die Messdaten der ursprünglichen Knochenfunde. Die passten zur Pilotin, konstatiert er, und zudem besser als zu den meisten Vergleichspersonen.

Jantz: "Bis eindeutige Beweise präsentiert werden, dass die Überreste nicht die von Amelia Earhart sind, ist das überzeugendste Argument, dass sie es sind."

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