Wolfsbiss oder Hundebiss? Genanalysen sollen Klarheit schaffen

Mit Hilfe von DNA-Proben wollen Forscher herausfinden, ob ein Gemeindearbeiter in Niedersachsen von einem Wolf angegriffen wurde. Untersucht wird auch ein Hammer, den der Mann gegen das Tier eingesetzt hat.

Ein Wolf im Wildpark Eekholt (Archivbild)
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Ein Wolf im Wildpark Eekholt (Archivbild)

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Wie sehr die umgebende Natur das Leben in Steinfeld prägt, kann man an den Namen der Straßen dort ablesen. Sie heißen "Am Walde", "Im Hohen Moor" oder "Unter den Eichen". Die Naturschutzgebiete Schwarzes Moor und Hemelsmoor grenzen an das niedersächsische Örtchen, das zur Gemeinde Bülstedt im Landkreis Rotenburg (Wümme) gehört.

Doch wenn stimmt, was seit Dienstagmorgen dieser Woche als Verdacht im Raum steht, dann ist der Kontakt zur Natur zumindest in einem Fall vielleicht zu eng gewesen: Ein 55-jähriger Gemeindearbeiter hat angegeben, am Friedhofszaun von Steinfeld von einem Wolf in die Hand gebissen worden zu sein. Weitere Tiere hätten aus der Entfernung zugesehen.

Es wäre der erste dokumentierte Angriff eines Wolfes auf einen Menschen seit der Rückkehr der Tierart nach Deutschland. (Die wichtigsten Fakten zum Thema finden Sie hier.)

Wenn es denn tatsächlich ein Wolf war - und nicht womöglich doch ein Hund.

Wie aber lässt sich das klären? Wichtige Hinweise sollen Proben liefern, die zwei Mitarbeiterinnen des Wolfsbüros Niedersachsen am Mittwoch in Steinfeld genommen haben. Die Biologinnen hätten vor Ort Tierhaare gefunden, hieß es. Ebenfalls untersucht werden sollen der Pullover des Gemeindearbeiters und ein Hammer, mit dem er sich gegen den Angriff gewehrt haben soll.

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Raubtier: Die Wölfe sind zurück

"Die Proben sollen jetzt einer DNA-Analyse unterzogen und als Eilprobe beauftragt werden. Erste Ergebnisse werden nächste Woche erwartet", teilte das Niedersächsische Umweltministerium per Pressemitteilung mit. Verantwortlich für die Untersuchungen ist ein Labor des Senckenberg Instituts im hessischen Gelnhausen. Dorthin werden die Proben per Kurier gebracht.

Senckenberg ist seit 2009 Referenzzentrum für Wolfsgenetik in Deutschland. Dort werden jedes Jahr etwa 2000 mutmaßliche Wolfsproben untersucht. Der Preis, der den Auftraggebern in Rechnung gestellt wird, variiert zwischen 37,50 Euro (bei 50 oder mehr invasiv entnommenen Gewebe- und Blutproben in einem Paket) und 300 Euro (eine Eilprobe, nicht invasiv entnommen, also mit deutlich geringerem DNA-Gehalt).

Auch für das Wolfsbüro Niedersachsen ist das Verfahren nichts Neues. Nach jedem vermuteten Wolfsangriff auf Nutztiere wird nach verwertbarem Probenmaterial gesucht. Allein in dem Bundesland waren seit Jahresanfang bereits knapp 240 solcher Verdachtsfälle zu untersuchen. Lässt sich etwas finden, wird das Material nach Hessen geschickt. Zurück gibt es dann Ergebnis - und Rechnung.

Verfahren wie bei Vaterschaftstest

Bei den Erbgutuntersuchungen konzentrieren sich die Forscher auf sogenannte Mikrosatelliten oder short tandem repeats, kurz STR. Das sind kurze Abschnitte der DNA, die sich mehrfach direkt hintereinander wiederholen. Sie liegen in den großen Bereichen des Erbguts, in denen keine für die Herstellung von Proteinen wichtigen Informationen gespeichert sind. Wichtig für die Analyse ist die jeweilige Zahl der Wiederholungen, die sich von Individuum zu Individuum stark unterscheidet.

Die Methode kommt übrigens auch beim Menschen zum Einsatz - bei Vaterschaftstests.

Die Senckenberg-Forscher können, wenn sie genug Probenmaterial zur Verfügung haben, übrigens nicht nur bestimmen, ob es sich um einen Wolf handelte oder nicht - sondern im Idealfall auch sagen, welches Individuum aus welchem Rudel den Angriff geführt hat. Das Problem: Nichtinvasive Proben enthalten oft nur wenig DNA-Material, daher müssen die Laboranalysen mehrfach repliziert werden.

Nicht immer lassen sich Ergebnisse finden

Die Genetiker können auch Wölfe von Hunden unterscheiden. "Über einen sogenannten SNP-Chip werden zahlreiche über das komplette Genom verteilte Punktmutationen untersucht, an denen sich Wölfe unabhängig ihrer geografischen Herkunft sicher von Haushunden unterscheiden lassen", sagt Senckenberg-Pressesprecherin Judith Jördens.

Nicht immer führt die Untersuchung dann aber zu einem Ergebnis. Bei angeblich von Wölfen getöteten Nutztieren klappt das nur etwa in jedem zweiten Fall. "DNA-basierte Rissuntersuchungen basieren auf Speichelresten am Tierkadaver, die durch Regen, Sonne und Nachnutzer schnell zersetzt werden", sagt Jördens. Der Analyseerfolg hänge vor allem von einer zeitnah durchgeführten, professionellen Beprobung ab.

Ob im Fall des Gemeindearbeiters von Steinfeld verwertbares Probenmaterial vorliegt, muss sich zeigen. Der Mann hatte die Wunde nach dem Angriff von einem Arzt versorgen lassen. Hier sind also keine Spuren mehr zu erwarten. Und ob am Pullover tatsächlich etwas zu finden sein wird, ist unklar. Der Mann soll das Kleidungsstück während der Arbeit am Arm hochgeschoben haben.

Bleiben der Hammer und die gefundenen Haare. Und die wiederum könnten auch von anderen Tieren stammen, heißt es. Etwa von einem Fuchs. Kompliziert wird es auch, wenn mehrere Tierarten mit einer Probe in Kontaktgekommen sind - zum Beispiel, wenn Fuchs oder Hund sich mit herumliegenden Wolfskot befasst haben.

"Sollte sich durch die entnommenen DNA-Proben bestätigen, was derzeit nicht erwiesen ist, dass es sich bei dem Biss tatsächlich um einen Wolfsbiss handelt", so das niedersächsische Umweltministerium, "muss das Tier im Rahmen einer Maßnahme zur Gefahrenabwehr so schnell wie möglich getötet werden."



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senapis 29.11.2018
1. Nur keine Hysterie!
In einem TV-Bericht von heute Vormittag wurde der Friedhofsmitarbeiter zitiert. So habe er bei Arbeiten am Zaun nach hinten in die Werkzeugkiste gegriffen. Dabei habe ihn der vermeintliche Wolf in den Unterarm gebissen. Das sieht für mich eher so aus, als habe das Tier den Arbeiter beobachtet und sich durch die Armbewegung erschrocken und mit einem Biss verteidigt. Angriff kann man das nicht nennen. Also eher das typische, gegenüber Menschen eher friedliche Verhalten, solange der Wolf sich nicht angegriffen oder eingeengt fühlt.
fatherted98 29.11.2018
2. nun ja....
...genug Tierpsychologen haben ja schon ihren Senf im Netz verbreitet. Von..."kein Wolf" bis hin zu "das Tier wurde provoziert", "von einem Angriff kann keine Rede sein" ist da ja alles dabei, was der Grenzdebile Tierschutz zu bieten hat. Merke...Deutschland ist eine Kulturlandschaft....in Jahrhunderten gewachsen. Die paar Naturschutzgebiete reichen bei weitem nicht aus, um die inzwischen umherstreifenden Rudel aufzunehmen....zudem können (so mein letzter Stand) Wölfe noch keine Schilder lesen und halten sich weder an Grenzen noch an Tierpsychologische Gutachten. Diese Tiere sind Raubtiere...sie suchen sich die Opfer die am leichtesten zu erbeuten sind....ob das Schafe, Rehe, Ziegen, Hasen oder kleine Kinder sind....bleibt dem Wolf ziemlich egal. Raubtiere haben eben KEIN Beuteschema....sie reißen was sie kriegen wenn sie Hunger haben (was kein Vorwurf sondern einfach nur Realität ist). Das im fast dichtest besiedelten Land Europas unbedingt Wolfsrudel herum streifen müssen ist wohl mit gesundem Menschenverstand nicht fassbar. Zudem dezimieren Wölfe eben nicht den Schwarz- und Rotwildbestand (weil Jäger es gar nicht mehr schaffen)....sondern halten sich an Schafen und Co. gütlich....logisch....ich würde auch lieber ans Buffet gehen als mir meinen Braten zu jagen. Sollte es demnächst zu weiteren Angriffen auf Menschen kommen, wird der Tierpsychologe (und davon gibt es anscheinend Hunderttausende in Deutschland) natürlich sofort einer Erklärung parat haben....nützt nur den Opfern wenig.
jujo 29.11.2018
3. ...
Dann hätte sich der Wolf(?) unbemerkt herangeschlichen um dem Arbeiter zuzusehen oder zu schauen ob in der Kiste was leckeres ist?
Nepomuk 29.11.2018
4. Der Angriff kommt nicht überraschend,
wenn es denn einer gewesen sein soll. Der Wolf ist scheu und meidet menschliche Siedlungen, aber nur so lange er bejagt wird. Nun steht er unter Schutz, und er sucht sich zunehmend anthropogene Beute, weil die leichter zu erreichen ist. Denn er war auch immer Kulturfolger, das wird gerne vergessen. Dieser Vorfall ist also nur der Anfang, wollen wir hoffen dass bald Vernunft einkehrt, und der Wolf wieder dort hin zurück kehrt, wo er hingehört, in abgelegene menschenleere Gebiete.
misterknowitall2 29.11.2018
5. Und wieso...
Zitat von fatherted98...genug Tierpsychologen haben ja schon ihren Senf im Netz verbreitet. Von..."kein Wolf" bis hin zu "das Tier wurde provoziert", "von einem Angriff kann keine Rede sein" ist da ja alles dabei, was der Grenzdebile Tierschutz zu bieten hat. Merke...Deutschland ist eine Kulturlandschaft....in Jahrhunderten gewachsen. Die paar Naturschutzgebiete reichen bei weitem nicht aus, um die inzwischen umherstreifenden Rudel aufzunehmen....zudem können (so mein letzter Stand) Wölfe noch keine Schilder lesen und halten sich weder an Grenzen noch an Tierpsychologische Gutachten. Diese Tiere sind Raubtiere...sie suchen sich die Opfer die am leichtesten zu erbeuten sind....ob das Schafe, Rehe, Ziegen, Hasen oder kleine Kinder sind....bleibt dem Wolf ziemlich egal. Raubtiere haben eben KEIN Beuteschema....sie reißen was sie kriegen wenn sie Hunger haben (was kein Vorwurf sondern einfach nur Realität ist). Das im fast dichtest besiedelten Land Europas unbedingt Wolfsrudel herum streifen müssen ist wohl mit gesundem Menschenverstand nicht fassbar. Zudem dezimieren Wölfe eben nicht den Schwarz- und Rotwildbestand (weil Jäger es gar nicht mehr schaffen)....sondern halten sich an Schafen und Co. gütlich....logisch....ich würde auch lieber ans Buffet gehen als mir meinen Braten zu jagen. Sollte es demnächst zu weiteren Angriffen auf Menschen kommen, wird der Tierpsychologe (und davon gibt es anscheinend Hunderttausende in Deutschland) natürlich sofort einer Erklärung parat haben....nützt nur den Opfern wenig.
selbst wenn das ein Wolf war, was gibt ihnen das Recht den Wolf auszurotten? Es ist doch eher so, dass sich der Mensch in den Lebensraum der Wölfe gedrängt hat. Also rechnet man entweder besser mit Übergriffen oder man zieht sich aus diesen Gebieten wieder zurück. Ansonsten spekulieren sie wild herum, was das Verhalten und Wesen von Wölfen angeht.
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