Angelsächsische Richtstätte Das Geheimnis von Hell's Gate

Ein sagenumwobener Hügel in der englischen Grafschaft Yorkshire hat sein Geheimnis preisgegeben: Er diente über drei Jahrhunderte als Richtplatz. Mit modernen Methoden haben zwei Archäologinnen die Wahrheit über vermurkste Axthiebe und gepfählte Köpfe ans Licht geholt.


Bronzezeitliche Grabhügel sind auf den britischen Inseln ein beliebter Ort für nächtliche Mutproben der Landjugend. Kaum sticht man den Spaten in den Boden, findet man Waffen, Schmuck und Knochen. Was anderes könnten diese Hügel sein als Drachenhorte, Anhäufungen unermesslicher Schätze, gespickt mit den Überresten der Unglücklichen, die sie zu stehlen versuchten?

So auch der Hügel bei Walkington Wold im Osten der Grafschaft Yorkshire. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war der Hügel bei der einheimischen Bevölkerung nur als "Hell's Gate" bekannt, als Eingang zur Unterwelt, gut bewacht von Dämonen. Eine wissenschaftliche Ausgrabung in den späten sechziger Jahren trug nicht unbedingt zur Klärung der Sache bei. Zwischen den Knochen aus der Bronzezeit fanden die Ausgräber rund ein Dutzend jüngere Skelette, zehn davon ohne Kopf. "Schaustätte eines blutigen Massakers", munkelten die einen. "Eine Massenhinrichtung", raunten die anderen. Auch als Opferstätte eines "keltischen Kopfkults" wurde der Hügel gehandelt.

Hingerichtet und zur Schau gestellt

Erst jetzt hat die erneute Analyse des Knochenmaterials durch zwei Archäologinnen Klarheit über die Toten von Walkington Wold geschaffen. Die Wahrheit ist mindestens ebenso grausig wie die erfundenen Legenden. Unter dem Hügel liegen die Überreste von Schwerverbrechern: exekutiert, die Körper hastig verscharrt und die Köpfe auf Stangen am Wegesrand ausgestellt.

Moderne wissenschaftliche Methoden haben es Dawn Hadley von der University of Sheffield und ihrer Kollegin Jo Buckberry von der University of Bradford ermöglicht, Alter, Geschlecht, Todesursache und -umstände der 13 Toten zu bestimmen. Sie holten die alten Knochen aus ihren Kisten im Hull and East Riding Museum und schickten sie zur Radiokarbondatierung nach Oxford. Die Ergebnisse bargen die erste Überraschung: Offenbar diente der Hügel bei Walkington Wold drei Jahrhunderte lang als Richtplatz. Die ältesten Knochen stammen aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert, die jüngsten aus dem zehnten.

Eine Geschlechteranalyse ergab, dass alle Toten mit großer Wahrscheinlichkeit Männer waren. Auch das ist neu, die Ausgräber hatten ein besonders zierliches Skelett zunächst als weiblich deklariert. Es gehörte allerdings einem jungen Mann. "Wir wissen natürlich nicht, ob Frauen weniger Verbrechen begingen als Männer", kommentiert Dawn Hadley die Ergebnisse. Aber zumindest seien in jener Zeit auch an anderen Stätten in Großbritannien kaum Frauen hingerichtet worden.

Knochen erzählen vom brutalen Handwerk der Henker

Als nächstes nahm Jo Buckberry noch einmal die Knochen in die Hand. Und die erzählen bei genauer Betrachtung von der Brutalität, mit der die damaligen Henker an ihr blutiges Werk gingen. Auf einen schnellen Tod durch einen glatten Schwertschlag konnte damals kaum ein Verbrecher hoffen. Die Scharten an den Basen von drei oder gar vier Schädeln stammen von sehr schweren Waffen; einer Axt oder einem großen Richtschwert.

Einer der Schädel, der einst auf den Schultern eines jungen Mannes zwischen 18 und 25 Jahren saß, weist Spuren von mindestens drei machtvollen Schlägen auf den Hinterkopf auf. So wie sie liegen, muss der Verurteilte sein Kinn weit auf die Brust vorgebeugt gehalten haben. Jedoch war keiner der drei Schläge tödlich. Erst ein vierter hat wohl den Kopf vom Hals getrennt und den Tod gebracht. "Hier können wir wahrlich von einer vermurksten Hinrichtung sprechen", sagt Hadley.

Zwei weiteren Verbrechern schlitzte man die Kehle auf. An der Vorderseite ihrer Halswirbel fand Buckberry die feinen Schnitte einer scharfen Waffe. Möglich wäre allerdings auch, dass erst kurz nach dem Tod jemand eine scharfe Waffe benutzte, um das Haupt vom Körper zu trennen. Für Köpfe hatte man nämlich in Walkington Wold eine ganz besondere Verwendung. Man spießte sie auf sogenannte "heafod stoccan", Kopfstangen, die schon weit die Landstraße hinab sichtbar dem Reisenden klarmachten, dass hier nicht zimperlich mit Gesetzesbrechern umgegangen wurde.

Unterkiefer faulte ab

Acht der elf gefundenen Schädel hatten keinen Unterkiefer mehr. Das heißt, sie waren bereits verwest, als sie unter die Erde kamen. Die Haut und das Fleisch, die den Kiefer einst am Platz gehalten hatten, waren schon lange vergangen. Passierte dies, während der Kopf noch auf dem Pfahl steckte, fiel der Unterkiefer früher oder später herunter. Für zusätzliche Unordnung unter den Skeletten hat nach Ansicht der Forscherinnen ein Dachs gesorgt, der einige Köpfe in seinen Bau schleppte.

Kaum ein Kopf lag noch an seinem Platz. Die Arbeit der beiden Archäologinnen gleicht deshalb oft einem Puzzlespiel. Die ursprünglichen Ausgräber hatten zum Beispiel ein Skelett, neben dessen Füßen ein Kopf lag, als vollständiges Individuum gezählt. Doch die Knochen gehörten zu einem sehr jungen Mann um die 20 oder jünger, während die Zähne des Kopfes seinen Träger als 26 bis 35 Jahre alten Mann identifizierten.

Für Hadley war es trotz aller Routine im Umgang mit angelsächsischen Toten ein besonderes Projekt. "Es hat mich gereizt, die Wahrheit unter all den kursierenden Thesen über diesen Ort zu finden", erzählt die Archäologin mit dem offenen Lächeln. "Und es war schon erstaunlich, wie viele Details wir über diese Toten erfahren konnten. Als wir die feinen Schlitze in den Halswirbeln sahen, waren wir den Toten plötzlich erschreckend nah."



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