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Ausgegraben

Digitale Bildbearbeitung Die geheimen Graffiti von Angkor Wat

Digitale Bildbearbeitung: Neue Wandzeichnungen in Angkor Wat gefunden Fotos
Noel Hidalgo Tan / Antiquity Publications

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Normalerweise arbeitet der Archäologe Noel Hidalgo Tan von der Australian National University daran, lange verblasste Felszeichnungen wieder sichtbar zu machen. Eher zufällig verschlug es ihn 2010 auf eine Ausgrabung im kambodschanischen Angkor Wat, wo er nach dem Magister freiwillig aushalf.

"Ich bin auf Felszeichnungen spezialisiert - also ist es für mich schon eine Art Gewohnheit, auf steinigem Untergrund nach Resten von Farbpigmenten Ausschau zu halten", erklärt Tan. Und tatsächlich entdeckte er sehr blasse Farbspuren auf den Wänden des buddhistischen Tempels. "Ich fotografierte die Stellen und bearbeitete sie dann später digital." Dass er vergessene Wandbemalungen gefunden hatte, ahnte Tan damals bereits. "Aber ich hätte nie gedacht, dass sie so detailreich sein würden!"

Bei der Nachbearbeitung wurden die blassen Farbschatten plötzlich zu Booten, Tieren, Musikinstrumenten, Gottheiten oder Architektur. Dafür veränderte Tan die Farben: Statt die Bilder im gewohnten Rot-Grün-Blau-Farbraum digitaler Kameras darzustellen, transferierte er die Zeichnungen mit einer Technik namens decorrelation stretch in alternative Farbräume. Gleichzeitig wurden dabei ähnliche Farben in stärker kontrastierende umgewandelt, um die Zeichnungen hervorzuheben.

Das Ergebnis sind sehr detailreiche Bilder - die allerdings nicht im ursprünglichen rot und schwarz daherkommen, sondern in den alternativen farbenfrohen Schattierungen von Türkis und Neonpink. Ursprünglich wurde die Technik entwickelt, um in den Bildern, die der Mars Rover zur Erde schickte, die Farbvariationen der Rottöne in der Marslandschaft besser unterscheiden zu können. Doch schnell fand die neue Software auch Freunde in der Geologie und Archäologie.

Tatsächlich waren die verblassten Bilder bis dato noch niemandem aufgefallen. In einem Aufsatz in der Zeitschrift "Antiquity" hat Tan gemeinsam mit Kollegen die Zeichnungen nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Boote sind dabei ein häufiges Motiv und kommen in allen Bereichen des Tempels vor. "Sie zeigen eine große Bandbreite an Bauarten, vom kleinen oder mittelgroßen Kanu mit gewölbter Bordwand bis hin zu großen, flachbodigen Barken", schreiben die Forscher. Welche Bedeutung sie genau haben, ist nicht bekannt. "Es ist aber möglich, dass die Boot-Zeichnungen in den unterschiedlichen Bereichen des Tempels miteinander im Zusammenhang stehen."

Auch Götter tummeln sich an den Wänden. Die häufigsten übernatürlichen Geschöpfe auf den Mauern von Angkor Wat sind Apsaras - halbgöttliche Frauen, ähnlich den Nymphen in der griechisch-römischen Mythologie. Meist sind sie krude gezeichnet. Die ganz unterschiedlichen Stile sprechen dafür, dass es viele verschiedene Künstler waren, die sich hier verewigten. "Auch die willkürliche Verteilung deutet darauf hin, dass es sich um Kritzeleien oder Vandalismus handelt", vermuten die Autoren.

Überraschend sind die vielen Darstellungen von Architektur. Oftmals wurde Angkor Wat selber dargestellt - in mindestens einem Fall auch mit dem Spiegelbild im Wasser, wie es heute noch als beliebtes Postkartenmotiv in alle Welt verschickt wird. Die Details der Zeichnungen sind verblüffend: Auf einem Bild steht vor dem Tempel sogar ein angebundenes Pferd, das geduldig auf seinen Reiter wartet.

Im Innersten von Angkor Wat, ganz oben auf dem so genannten Bakan, fand Tan eine ganze Ansammlung verblichener Zeichnungen. Meist sind es kleine Szenen, eingefasst von floralen Motiven, zum Beispiel ein Pinpeat, das typische Musikensemble der Khmer mit Gongs, Xylophon und Weidenflöte. Sie könnten, vermuten die Forscher, aus jener Zeit stammen, als der Herrscher Ang Chan (1528 - 1566) den Tempel restaurieren und als religiöses Zentrum wiederaufleben ließ. Allerdings wurde dort nun nicht mehr der Hindu-Gott Vishnu verehrt, sondern die Anlage in ein Heiligtum des Theravada-Buddhismus umgewandelt. Die Zeichnungen des Bakan passen gut in diesen Zusammenhang.

Vermutlich stammen viele der von Tan entdeckten Zeichnungen aus den Jahren zwischen der Verlegung der Hauptstadt von Angkor nach Phnom Penh durch König Chao Ponhea Yat in der Mitte des 15. Jahrhunderts und dem 19. Jahrhundert, als die westliche Welt sich für die Wunder von Angkor Wat zu interessieren begann. Damit sind sie ein seltener Einblick in eine Zeit der kamdoschanischen Geschichte, über die bislang nur wenig bekannt ist.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung dieses Textes hatten wir von Noel Hidalgo Tan als Frau gesprochen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
DieAntwort 29.06.2014
MaewNam 29.06.2014
spon-facebook-1041563056 29.06.2014
neanderspezi 29.06.2014
ky3 29.06.2014
bumbu 29.06.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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