Angriff auf Talsperren Wenn das Wasser zum Gift wird

Vergiftetes Trinkwasser aus dem Wasserhahn - ein Alptraum, der nach den Anschlägen vom 11. September die Politiker umtreibt. Talsperren und Trinkwassernetze sind selbst mit aufwendiger Technik kaum zu schützen. Forscher arbeiten fieberhaft an neuartigen Sensoren und Chips, um die Gefahr zu bannen.

Von Wolfgang Richter


Volle 106 Meter Beton, in fünf Jahrzehnten fast schwarz geworden, ragen senkrecht in den Himmel. Dahinter: 109 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Rappbode-Talsperre im Harz ist die höchste in Deutschland. Wer nach dem 11. September 2001 hier oder am Fuße einer anderen Staumauer stand, wird sich vielleicht gefragt haben, wie viel Kilogramm Sprengstoff Terroristen benötigen würden, um eine Katastrophe auszulösen. Auf der anderen Seite könnte auch der Wasserhahn in der heimischen Küche zur tödlichen Gefahr werden, wenn Al-Qaida und Co. sich auf die Sabotage der Trinkwasserversorgung verlegen. Wie sicher ist also die Wasser-Infrastruktur in Deutschland?"

Anschläge auf Talsperren hat es schon gegeben", sagt Volker Bettzieche vom Ruhrverband, einem der großen Wasserwirtschaftsverbände Deutschlands. Bisher waren es jedoch keine Terroristen, sondern Militärs, die gegnerische Stauanlagen im Visier hatten. So warfen im Mai 1943 englische Flugzeuge mehrere eigens für diesen Zweck entwickelte Rollbomben über dem Möhnesee ab. Vorher in Rotation versetzt, hüpften sie auf der Wasseroberfläche und konnten so alle Torpedo-Fangnetze überspringen. Eine der mit 2,6 Tonnen Sprengstoff gefüllten Bomben traf tatsächlich ihr Ziel und explodierte an der Staumauer – sie barst, und 1300 Menschen starben in der Flutwelle. Gerade noch um eine ähnliche Katastrophe herumgekommen sind im Januar 1993 die Bewohner am Fluss Cetina in Kroatien. Serbische Soldaten hatten Sprengstoff in die Hohlräume des 60 Meter hohen Peru¡ca-Staudamms gefüllt und gezündet. "Nur durch die Unkenntnis der Militärs hat die Explosion nicht zum Bruch des Damms geführt", erzählt Bettzieche. Unter anderem hatten die Soldaten vergessen, die Ausgänge der Hohlräume drucksicher zu verschließen.

Immerhin: "Nach dem 11. September wurden die Sicherheitsmaßnahmen an Stauseen verschärft", wie Bettzieche berichtet. So verhindern heute schwere Poller, dass Fahrzeuge auf die Krone der Möhnetalsperre gelangen können. Stahltüren und Überwachungskameras vermögen allerdings nichts auszu- richten gegen die natürlichen Feinde einer Staumauer: Hochwasser und Erdbeben. "Alle Anlagen in Deutschland sind so gebaut, dass eine Gefährdung von Menschenleben praktisch ausgeschlossen werden kann. Mit völlig neuen Hochwasserständen aufgrund des Klimawandels könnte sich dies allerdings ändern", gibt Bettzieche zu bedenken. Da man Staumauern nur sehr bedingt nachträglich verstärken kann, wäre dann ein anderer Umgang mit dem Restrisiko einer Talsperre nötig.

Präzedenzfall am Bodensee

In anderen Ländern gibt es damit langjährige Erfahrungen: "Bei uns hat man schon nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, die Auswirkungen eines Dammbruchs mit Modellen zu simulieren", sagt Anton Schleiss vom Schweizerischen Talsperrenkomitee. Grund für die Vorsicht: Einerseits ist die Erdbebengefahr in der Schweiz höher, andererseits werden in den engen und hohen Tälern oft die filigranen "Bogen-Staumauern" verwendet, die ihre Standfestigkeit nicht aus ihrem Gewicht beziehen, sondern sich seitlich an den Berghängen abstützen. Wie auch in Deutschland überwacht hier eine Vielzahl von Messinstrumenten kontinuierlich die Bewegung der Betonwände. "Sollte wirklich einmal ein akut kritischer Zustand eintreten, wird über Sirenen Wasseralarm gegeben", berichtet Schleiss, "eine Evakuierung ist dann tatsächlich noch möglich, wenn sie vorher geübt wurde."

Doch was passiert, wenn Terroristen – statt mit einem Laster Dynamit an die Talsperre zu fahren – Fässer mit Zyankali in den Stausee kippen? Immerhin gibt es hier schon einen Präzedenzfall: Im November 2005 stießen Taucher direkt neben den Ansaugrohren der Bodensee-Wasserversorgung bei Sipplingen auf mehrere geöffnete Plastikkanister, die das Pflanzenschutzgift Atrazin enthielten. Zuvor hatte ein Drohbrief die Vergiftung des Wassers angekündigt. Grenzwerte wurden zwar nicht überschritten, aber der Täter ist bis heute nicht gefasst. "Manche Leute munkeln sogar, dass es ein Fachmann war, der die Wasser-Community aufrütteln wollte", sagt Peter Hemberle vom Forschungszentrum Karlsruhe, das als Projektträger für das Bundesforschungsministerium das im Sommer 2006 gestartete Projekt "Terrorabwehr in der Trinkwasserversorgung" betreut.

Experten aus Verwaltung, Wissenschaft und der Wasserversorger beraten darin über den Forschungsbedarf zur Trinkwassersicherheit. "Im Mai kommenden Jahres werden die Ergebnisse vorliegen und dann konkrete Forschungsprojekte gestartet", sagt Hemberle. Auch hier ist man im Ausland bereits einen Schritt weiter: Finanziert von der Nato, arbeiten Wissenschaftler des renommierten Forschungszentrums Technion in Israel an einem interdisziplinären Projekt zur Trinkwassersicherheit. "Wovor alle Angst haben, ist nicht eine Vergiftung von Seen oder des Grundwassers", sagt der Projektkoordinator Avi Ostfeld. Denn dafür würde man ungeheure Giftmengen oder eine sehr aufwendige Technik benötigen. Die eigentliche Gefahr gehe von einer Injektion gefährlicher Stoffe irgendwo innerhalb des Trinkwassersystems aus.

Sensorchips sollen kontinuierlich die Wasserqualität prüfen

"Es ist unmöglich, ein Trinkwassersystem vor unbefugtem Zugriff zu schützen", sagt Ostfeld. Mithilfe einer seit langem verfügbaren Software der US-Umweltbehörde zur Berechnung von Wasserströmungen sowie selbst entwickelten genetischen Algorithmen erstellen seine Forscher deshalb derzeit ein Computerprogramm, das die Ausbreitung von Gift im Leitungsnetz von Tel Aviv simuliert. Es soll die Stellen finden, an denen Überwachungssensoren am effektivsten eingesetzt werden können. Im Falle eines Anschlags könnte es zusammen mit den Daten dieser Sensoren dann auch ermitteln, wo das Gift eingebracht wurde und an welchen Stellen man Leitungen schließen sollte, um eine Ausbreitung zu verhindern. Ende 2008 soll das Programm fertig sein – parallel arbeiten zwei Kollegen von Ostfeld an den benötigten chemischen und biologischen Sensoren.

Auch in der Forschungsabteilung von Siemens in Deutschland werden derzeit spezielle Sensorchips entwickelt, die kontinuierlich die Wasserqualität kontrollieren. Sie sind entweder mit Antikörpern für jeweils eine Bakterienart ausgestattet, an die die Erreger andocken und dadurch die Leitfähigkeit im Chip ändern. Ein anderes Konzept arbeitet mit tierischen Zellen, deren Stoffwechsel vom Chip überwacht wird. Kommen sie mit biologischen oder chemischen Gefahrstoffen in Berührung, ändern sich pH-Wert, Sauerstoffaustausch oder auch die Form der Zelle, was eine Änderung der Kapazität bewirkt.

In drei bis vier Jahren, so schätzen die Siemens-Forscher Maximilian Fleischer und Elfriede Simon, könnten fertige Chips dieser Art auf den Markt kommen und damit eine empfindliche Sicherheitslücke schließen. Denn schon heute werden von den Wasserbetrieben zwar Stichproben im Leitungsnetz gezogen und im Labor untersucht. Das allerdings passiert normalerweise nur einmal im Monat.


© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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