Angst vor Aids New York jagt das Supervirus

Eine besonders aggressive Variante des Aidserregers HIV hat in New York nicht nur Ärzte und Aktivisten in Aufruhr versetzt. Die Reaktionen reichen von Panik und Wut bis hin zu Zweifel und lauter Kritik. Nur überrascht ist keiner. Schon werden drakonische Gegenmaßnahmen diskutiert.

Von , New York


Gedenken an die Opfer: Aids-Schleife am Uno-Gebäude in New York im Jahr 2001
AFP

Gedenken an die Opfer: Aids-Schleife am Uno-Gebäude in New York im Jahr 2001

Die Nachricht verbreitete sich so schnell wie das Virus selbst, per Rundspruch und E-Mail, in Online-Chatrooms und auf Dating-Websites. "Bitte sofort lesen", schrieb Michael, ein New Yorker Modeverkäufer, in einer Sammel-E-Mail an seine Freunde. "Wir müssen auf uns aufpassen, sonst gibt es eine neue Todeswelle, und das will ich nicht noch mal durchleben." Ein anderer in derselben E-Mail-Kette klagte: "Das klingt wie 1982."

In der Tat erinnerte die Meldung, die da in Manhattan für solche Aufregung sorgt, an die dunklen Anfangszeiten von Aids: Ärzte wollen im Blut eines Mannes eine bisher unbekannte, besonders aggressive Variante des Aidserregers HIV entdeckt haben - ein "Supervirus", das gegen die meisten Medikamente immun sei und ungewöhnlich rasch zum Ausbruch von Aids führe. "Dies ist ein Alarmruf", sagte Gesundheitsstadtrat Thomas Frieden und verhängte einen "Health Alert", eine Art medizinischen Notstand, über New Yorks Krankenhäuser und Arztpraxen. "Einen Fall wie diesen haben wir noch nie gesehen."

Viel ist noch unklar, doch schon erleben manche ein Déjà-vu. Wie vor 20 Jahren, als ein (später als Mythos enttarnter) "Patient Zero" das HI-Virus in die USA gebracht haben soll, ist auch diesmal eine Einzelperson der Ausgangspunkt - ein New Yorker Mitte 40, der nach Angaben der Ärzte ungeschützten Analverkehr mit "Hunderten" Männern hatte, meist anonyme Internet-Kontakte unter Einfluss der enthemmenden Partydroge Crystal Methamphetamine, kurz Crystal Meth.

"Wir müssen endlich aufwachen"

Wie damals versuchen die Behörden den Weg des Supervirus nachzuzeichnen und meinen inzwischen im Umfeld des Betroffenen, dessen Name geheim bleibt, weitere Männer mit dem neuen Virusstamm identifiziert zu haben. Wie damals debattieren die New Yorker drakonische Maßnahmen, um einer neuen HIV-Infektionswelle vorzubeugen. Und wie damals reagiert sowohl die Aktivistenszene wie auch die HIV-Forschung mit widersprüchlichsten Gefühlen: Panik, Angst, Wut, Apathie, Faszination, Zweifel, Kritik. Nur eine Reaktion fehlt: Überrascht ist hier keiner.

Aids-Toter im Interfaith Medical Center in Brooklyn: Mediziner warnen vor Ansteckungswelle
AP

Aids-Toter im Interfaith Medical Center in Brooklyn: Mediziner warnen vor Ansteckungswelle

"Dies kommt keineswegs unerwartet", sagt Gabriel Rotello, einer der profiliertesten Aids-Aktivisten New Yorks, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das hat sich lange angebahnt." Rotello prophezeite bereits 1998 in seinem kontroversen Buch "Sexual Ecology" eine "neue Aids-Welle" unter Homosexuellen, verursacht durch Mutation, Drogenkonsum und laxeres Sexualverhalten. Trotzdem, sagt Rotello, herrsche unter vielen seiner Freunde jetzt Schock: "Viele sind zu Tode erschrocken."

Seit dem Wochenende stehen bei New Yorks größter Aids-Organisation Gay Men's Health Crisis (GMHC) die Telefone nicht mehr still. "Unsere Hotline glüht", sagte GMHC-Direktorin Ana Oliveira zu SPIEGEL ONLINE. "Wir nehmen das sehr ernst." Denn mit dem Supervirus würden sich Alpträume bewahrheiten. Schon lange weist GMHC auf die Verstrickung von Crystal Meth, ungeschütztem Sex ("Barebacking") und HIV hin. Obwohl sich Oliveira im aktuellen Fall ein Urteil vorbehält, ist allein die Debatte für sie ein Zeichen der Zeit - und eine Warnung: "Wir müssen endlich aufwachen."

Aids-Fahnder bei der Arbeit

Auch andere warnen schon lange vor wachsenden Infektionsraten und Virus-Mutationen. Während die Gesamtzahl der US-Ansteckungen seit 2001 mit 40.000 neuen HIV-Fällen pro Jahr konstant geblieben ist, stieg sie bei homosexuellen Männern um elf Prozent - ein "Wiederaufleben" der Epidemie, glaubt Ronald Valdiserri, Direktor für Aids-Vorsorge an den Centers for Disease Control (CDC). Die Aids-Hochburg bleibt New York City, mit 90.000 HIV-Infizierten, davon 8000 Neuinfizierten.

Dort einem neuen Virenstamm auf die Spur zu kommen, ist eine Sisyphus-Arbeit für die Aids-Fahnder. Seit Ende Januar versucht das Gesundheitsamt, die Sexpartner des Mannes aufzuspüren. Ein Dutzend wurden bisher kontaktiert. Nur wenn sie kooperativ sind, geht ihr Blut ans Aaron Diamond Institute, einer renommierten HIV-Forschungseinrichtung. Und nicht alle spielten mit, berichtet Institutsdirektor David Ho: Mindestens einer habe sich geweigert, mitzuhelfen.

HIV-positive New Yorker bei einer Aktion des US-Künstlers Spencer Tunick: Die alte Angst kehrt zurück
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HIV-positive New Yorker bei einer Aktion des US-Künstlers Spencer Tunick: Die alte Angst kehrt zurück

Dass Forscherlegende David Ho dabei in den Mittelpunkt rückt, hat seine eigene Dramatik. Es war Ho, der 1993 die Proteasehemmer entdeckte, bis heute Grundlage jeder HIV-Therapie. Über ein Jahrzehnt später ist er wieder an der Front - diesmal im Kampf gegen das mutierte Virus 3-DCR HIV, das Ho "alarmierend" und "gefährlicher" findet als alles andere, was er seit Jahren gesehen habe.

Die alte Angst kehrt zurück

In zwei weiteren Fällen glaubt Ho bislang fündig geworden zu sein - ein New Yorker Bekannter des "Urpatienten" und ein Mann in San Diego. Sollten Folgetests das erhärten, sagt Aids-Pionier Anthony Fauci von den National Institutes of Health (NIH), habe dies womöglich "globale Implikationen".

Doch zunächst kämpft vor allem New York mit den neuen, alten Dämonen. "Eine alte Angst erfasst die Aids-Kämpfer", sagt der Autor Nicholas Confessore. "Es ist die Angst selbst." Was nicht von Nachteil sein muss: "Angst", weiß Gabriel Rotello, "ist das Einzige, was uns dazu bewegt, unser Verhalten zu ändern."

Und Angst war in der New Yorker Schwulenszene selten geworden. Dank neuer Therapien habe es "den wachsenden Eindruck gegeben, dass HIV eine chronische und kontrollierbare Krankheit ist", sagt Jay Laudato, Direktor des Callen-Lorde Community Health Centers, eines Aidszentrums im New Yorker Schwulenviertel Chelsea. "Dieser Fall erinnert uns daran, wie viel Angst wir weiterhin haben müssen."

Drogenfrei und sexy

Mangelnde Angst, kombiniert mit Crystal Meth und Viagra-befeuerten Sex-Marathons, ergibt eine gefährliche Mischung, wie Rotello betont. "Safer-Sex-Müdigkeit" nennt das der Aids-Aktivist Peter Staley. "Party and Play" sagen sie zu solchen Sextreffs, oder nur "PNP". Michael Mullen, ein namhafter Aids-Arzt, warnt seine Patienten stattdessen mit einer anderen Interpretation: "Party and Pay."

Aidserreger HIV: Furcht vor dem Supervirus
DPA

Aidserreger HIV: Furcht vor dem Supervirus

Solche Einstellungen erschweren es den Aktivisten, für "Safer Sex" zu werben, um die Verbreitung eines Supervirus zu verhindern. "Wir müssen neue Wege der Kommunikation finden", sagt GMHC-Chefin Oliveira. "Die alten Präventionsregeln ziehen nicht mehr."

Deshalb hat zum Beispiel Staleys Organisation "HIV Forum" jetzt die Telefonzellen an der Eighth Avenue, der Flaniermeile Chelseas, mit Plakaten zugekleistert. "Crystal-frei und sexy", heißt die Kampagne, bei der Jungs in Muskelshirts für Verzicht auf die Modedroge werben. "Ich habe ein erfülltes Leben", sagt der Fotograf Pepe Villegas, einer der Posterboys. "Crystal Meth kann mir all das in einer Minute wegnehmen."

"Lust auf Sex vergangen"

Andere fordern im Angesicht eines Supervirus radikalere Methoden. Schon kursieren in Vorschläge, Sexpartys zu "sprengen" oder "Barebacker" persönlich zur Rede zu stellen. "Schwule haben kein Recht, diese Krankheit zu verbreiten", sagte Charles Kaiser, Autor des Buches "The Gay Metropolis", einer Geschichte der New Yorker Homosexuellenbewegung. Selbst GMHC-Chefin Oliveira erwägt, über Familienangehörige von "Barebackern" zu intervenieren. Ganz Aggressive wollen inkriminierte Websites "infiltrieren".

Das erinnert an die Schlachten der achtziger Jahre - und stößt nicht überall auf Anerkennung. Dieser Einzelfall sei vorerst ungeeignet, eine öffentliche Panik auszulösen, erklärte Robert Gallo, der Mitentdecker des HI-Virus. Gallo kritisierte das Vorpreschen des New Yorker Gesundheitsamts als "unverantwortlich und unglaublich".

Auch Project Inform, eine HIV-Gruppe in San Francisco, und die National Association of People with Aids bezeichneten die Reaktion in New York als voreilig. "Wieder einmal sollen die Schwulen verschreckt werden", schrieb ein Internet-Surfer in einem HIV-Chatroom auf Gay.com. "Kräftig durchatmen!"

Doch von Durchatmen war im Gay and Lesbian Community Center, einem Treffpunkt im Greenwich Village, am Dienstagabend wenig zu spüren. Über 100 schwule Männer und ein paar Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren versammelten sich zu einem Treffen von Crystal Meth Anonymous (CMA), einer Selbsthilfegruppe nach Vorbild der Anonymen Alkoholiker. Das Supervirus und seine Verbindung zu Crystal Meth war an diesem Abend das vorherrschende Gesprächsthema. "Seit ich keine Drogen mehr nehme", bemerkte ein junger Mann lakonisch, "ist mir sowieso die Lust auf Sex vergangen."



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