30 Jahre Klimadebatte Die falsche Furcht

Vor genau 30 Jahren erreichte der Klimawandel die politische Weltbühne. Dann passierte ein fataler Fehler: Die Erderwärmung wurde zum linken Thema erklärt. Rechte fürchten sich lieber vor etwas anderem.

Schmelzender Gletscher in Grönland
imago/ UPI Photo

Schmelzender Gletscher in Grönland

Eine Kolumne von


"Für Politiker schienen seine Ideen aus dem Nichts zu kommen. Die Vorstellung, dass ein farb- und geruchloses, ungiftiges Gas, das weniger als ein Prozent der Atmosphäre ausmacht, die menschliche Zivilisation Jahrzehnte in der Zukunft bedrohen könnte, war so verblüffend - so vage und abstrakt wie gewaltig - dass sie instinktiv davor zurückwichen."
Charles C. Mann, "The Wizard and the Prophet" (2018)

Als der Nasa-Forscher James E. Hansen am 23. Juni 1988 in Washington vor dem US-Senat sprach, gerieten alle Anwesenden ins Schwitzen. Der Demokrat Tim Wirth, der die Sitzung einberufen hatte, hatte sich dafür absichtlich einen der heißesten Tage des Jahres ausgesucht und dann, dem eingangs zitierten Buch zufolge, auch noch die Klimaanlage ausgeschaltet.

Bei unangenehm hohen Temperaturen schockierte Hansen die anwesenden Politiker dann mit einer Aussage, die sie größtenteils völlig überraschte: Man könne mit 99-prozentiger Sicherheit sagen, dass die Erdatmosphäre sich erwärme. 1988 sei das heißeste Jahr in der Geschichte der Aufzeichnungen. Kohlendioxid, CO2, "verändert schon jetzt unser Klima".

Aus heutiger Sicht war sein Modell ungenau, aber schon erstaunlich gut. Anti-Klimawandel-Propagandisten versuchen Hansen dennoch bis heute mit verzerrten Versionen seiner tatsächlichen Prognose zu diskreditieren.

Plötzlich gab es diesen "Treibhauseffekt"

Wissenschaftler hatten sich damals schon Jahrzehnte mit der Frage befasst, warum die Erdatmosphäre sich zu erwärmen schien und welche Rolle CO2 dabei spielen könnte, aber im öffentlichen Bewusstsein kam der Klimawandel erst mit Hansens Auftritt so richtig an. "Washington Post" und "New York Times" erklärten ihren Lesern am folgenden Tag, was es mit diesem sogenannten Treibhauseffekt auf sich habe.

Noch kurz vorher waren auch entgegengesetzte Vorstellungen von der Zukunft in Mode gewesen. In den Siebzigern etwa gab es eine kleine, aber lautstarke Minderheit von Wissenschaftlern, die eine unmittelbar bevorstehende neue Eiszeit vorhersagten, verursacht durch Luftverschmutzung. "Time" veröffentlichte 1974 einen Artikel, in dem vor einer "Ausbreitung der Arktis" gewarnt wurde. Klimawandel-Leugnisten bemühen dieses schon damals überwiegend mediale Phänomen bis heute gerne als Argument dafür, dass Wissenschaftlern und ihren Prognosen generell nicht zu trauen sei.

Alles nur ein Spleen von ein paar Fanatikern

Die Art und Weise, wie mancherorts noch heute über den menschengemachten Klimawandel gesprochen wird, hat viel mit dem zu tun, was nach Hansens Auftritt geschah. Man kann es in Charles Manns eingangs zitiertem Buch "The Wizard and the Prophet" über die Anfänge der Umweltbewegung im Detail nachlesen: Das Menschheitsproblem Klimawandel wurde in den Jahren nach Hansens Warnruf zu einem politisch verortbaren Thema unter vielen gemacht. Den Temperaturanstieg als Bedrohung zu betrachten, war irgendwie "links". Ein weiterer Spleen dieser verrückten Umweltschützer, denen die Natur wichtiger ist als die Menschen.

Hierzulande und auch in anderen Teilen der Welt ist diese groteske Fehlwahrnehmung zum Glück weitgehend überwunden. In den USA aber hat sich daran bis heute nichts geändert, ja es ist sogar schlimmer geworden: Die überwältigende Mehrheit aller republikanischen Kongressabgeordneten will bis heute nicht so recht glauben, dass wir Menschen mit unseren Emissionen schuld an der Erwärmung sind - ja manche bestreiten sogar, dass die Erwärmung überhaupt existiert.

269 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr

Und das angesichts der Tatsache, dass etwa das arktische Eis in so atemberaubendem Tempo verschwindet, dass man dabei buchstäblich zusehen kann. Allein in Grönland verschwinden pro Jahr im Schnitt 269 Milliarden Tonnen Eis. Es müsse dringend etwas geschehen, aber "die Gefahr besteht, dass es bereits zu spät ist", war gerade im des Öko-Alarmismus eher unverdächtigen "Economist" zu lesen.

Das politische Klima in den USA, massiv und mit viel Geld beeinflusst von superreichen Polit-Manipulatoren wie den Koch-Brüdern und den Ölkonzernen, ist das eine Problem. Das andere, womöglich langfristig noch gravierendere: Es fällt uns Menschen in der Regel sehr schwer, allzu weit in die Zukunft zu planen. Die katastrophalen Auswirkungen eines ausgeprägten Temperaturanstiegs liegen weit genug in der Zukunft, dass man sie noch allzu leicht ignorieren kann. Warum sich heute einschränken, um der nächsten, womöglich der übernächsten Generation eine lebenswerte Umwelt zu erhalten?

Fürchten wir uns doch lieber vor anderen Menschen, ist einfacher

Interessanterweise sind zwei andere, in Wahrheit mindestens ebenso langfristige Themen politisch offenbar leichter auszuschlachten: Migration und Bevölkerungsentwicklung. Die Menge an politisch-medialer Aufmerksamkeit, die diesen Themen in den USA und Europa derzeit entgegengebracht wird, steht in keinem Verhältnis zu den realen Problemen.

Es ist aber offenbar einfacher, Menschen mit dem Bild vom bösen Ausländer, der einem Arbeit, Lebensraum und Kultur wegnehmen will, der einen mit Terror bedroht, zu emotionalisieren, als mit der leider sehr realen Bedrohung, dass substanzielle Teile der bewohnten Welt im Meer versinken könnten.

550 Millionen Menschen leben in den 136 größten Küstenstädten der Erde. Steigt der Meeresspiegel nur um drei Meter, verwandelt sich der Süden Hamburgs in eine Inselgruppe, ebenso wie Bangkok und Shanghai. Von den anderen zu erwartenden Folgen des Klimawandels, wie Dürren, Versteppung, Wald- und Buschbränden, Extremwetter, Stürmen - und dadurch letztlich gewaltigen Migrationsbewegungen - ganz zu schweigen.

Die Angst vor dem Fremden lässt sich politisch viel leichter instrumentalisieren als die Angst vor der Bedrohung durch ein farb- und geruchloses Gas. Folgerichtig tun gerade diejenigen Politiker, deren zentrales Thema diese Furcht vor dem Fremden ist, die Rechtspopulisten dies- und jenseits des Atlantiks, gern so, als gäbe es diese andere, sehr reale, globale Gefahr gar nicht. Das zeigt einmal wieder: Diesen Leuten ist nicht zu trauen.

Klimawandel - Ist die Welt noch zu retten?

SPIEGEL TV
Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 224 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Florentinio 01.07.2018
1. Vielleicht
kann man auch daraus schließen, dass es ein Intelligenzgefälle zwischen Menschen gibt, denen es gelingt Zusammenhänge kognitiv miteinander zu verbinden und denen, die emotional auf singuläre Ereignisse reagieren.
hasselblad 01.07.2018
2.
"Diesen Leuten ist nicht zu trauen." Mehr muss man über Trump, Orban oder die Kleindeutschen von der "Alternative" eigentlich nicht wissen. Was sagt das also über die intellektuellen Kapazitäten ihrer Wähler aus?
Dark Agenda 01.07.2018
3. Fehler oder Absicht
Die Industrie hat Klimaschutz gegen Arbeitsplätze und Wirtschaft aufgestellt somit muss man keine Gelder für saubere Fabriken und Autos ausgeben werden und der Shareholder wird nicht erschreckt. Dabei sollte die Erhaltung der Natur eigentlich ein "konservatives" Thema sein.
stefan.martens.75 01.07.2018
4. Wem ist nicht zu trauen?
Vielleicht ja eher denjenigen die eine akute und für jeden sicht und spürbare Gefahr der Gesellschaft kleinreden, leugnen und relativieren? Denen globale, kaum zu begegnenden, Phänomene grundsätzlich wichtiger sind als die Probleme und Ängste der Menschen vor Ort? Im Grunde die Wahl zwischen Klimaleugnern und Leugnern der gesellschaftlichen Realität. Starke Wahlmöglichkeit!
dborrmann 01.07.2018
5. Ihnen ist leider auch nicht zu helfen....
"Das zeigt einmal wieder: Diesen Leuten ist nicht zu trauen." Leider ist die Ignoranz der Rechtspopulisten so ausgeprägt, dass ihnen auch nicht zu helfen ist. Argumente und Fakten verfangen nicht. Sie richten sich lieber in verschwörungstheoretischen Blasen ein. Man lebt mit ihnen und schenkt ihnen Mitgefühl. Trotzdem sind sie einfach die böse Seite der Menschheit, gekennzeichnet durch die Qualitäten Ignoranz, Gier und Hass.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.