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Angst vor Pandemie: Schweinegrippe-Virus springt auf USA über

Über 60 Tote in Mexiko, Ansturm auf Atemmasken, alarmierte Gesundheitsämter: Eine neue Form des Schweinegrippe-Virus breitet sich auf dem amerikanischen Kontinent aus, jetzt hat es die USA erreicht. Experten fürchten eine Pandemie - auch junge und gesunde Menschen sind gefährdet.

Mexiko-Stadt/Genf - Das in Mexiko grassierende gefährliche Grippevirus hat die Grenze zu den USA übersprungen. Bereits acht US-Amerikaner haben sich mit dem Erreger infiziert. In New York werden zudem 75 Schüler untersucht, die über Husten, Fieber, Hals- und Kopfschmerzen klagten, berichtet CNN und beruft sich dabei auf Informationen aus der Gesundheitsbehörde.

Aus dem Weißen Haus hieß es, Präsident Barack Obama sei über die Virusinfektionen informiert. Die US-Behörden seien "äußerst besorgt".

In Mexiko sollen bereits mehr als 60 Menschen nach Infektion mit dem Virus gestorben sein. Es seien bislang 62 Fälle bekannt, bestätigte die Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Fadela Chaib. Die WHO steht in ständigem Kontakt mit den Behörden in Mexiko und den USA sowie anderen Ländern der Region. Das für Notfälle zuständige Strategische Gesundheitsoperationszentrum der Organisation sei im Einsatz, sagte Chaib.

Wissenschaftler warnen vor globaler Ausbreitung

"Wir sind sehr, sehr besorgt", sagte ein WHO-Sprecher. "Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, und er verbreitet sich von Mensch zu Mensch." Bei dem Virus, das vom Schwein übertragen wird und in den siebziger Jahren zum ersten Mal aufgetaucht war, handelt es sich um eine unbekannte Mutation des H1N1-Virus. Wissenschaftler haben seit Jahren vor der Möglichkeit einer globalen Ausbreitung eines neuen Erregers gewarnt, der genetisches Material von Mensch und Tier vermischt.

Der Grippeexperte Arnold Monto von der Universität Michigan sagte, bisher sei die Schweinegrippe in den meisten Fällen direkt vom Schwein auf den Menschen übertragen worden. Falls eine internationale Verbreitung bestätigt werde, würde dies die WHO-Kriterien für einen Pandemie-Alarm erfüllen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC erklärte, es könnte Monate dauern, bis ein eventuell nötiger Impfstoff produziert sei.

Infektionen in Kalifornien und Texas

Bei den in den USA nachgewiesenen Fällen der Schweinegrippe handelt es sich nach CNN-Angaben um sechs Menschen in Kalifornien und zwei in Texas. Sie scheinen sich aber auf dem Weg der Besserung zu befinden: "Allen diesen Patienten geht es besser", sagte der zuständige ärztliche Direktor, Richard Besser.

In Japan wurde unterdessen bei allen Passagieren eines Fluges aus Mexiko Fieber gemessen, um ein Einschleppen der Schweinegrippe zu verhindern. Medienberichten zufolge sind bei den 177 Reisenden und Flugbegleitern allerdings keine Anzeichen des Virus entdeckt worden.

Auch die Gesundheitsbehörden in Kanada forderten die Krankenhäuser des Landes dazu auf, mit Grippesymptomen erkrankte Patienten genau zu untersuchen. Dies beziehe sich besonders auf Menschen, die in den vergangenen zwei Wochen aus Mexiko zurückgekommen seien.

Die Regierungen in Nicaragua und Kolumbien hatten bereits am Freitagabend Maßnahmen angekündigt, um den Ausbruch der Grippe in ihren Ländern zu verhindern.

Nach Angaben der Behörden in Mexiko werden inzwischen rund 1000 Menschen in Krankenhäusern behandelt. Die meisten Fälle traten in Mexiko-Stadt und in dem Staat auf, der die Hauptstadt umschließt. Gesundheitsminister José Ángel Córdova Villalobos sagte, es handele sich um eine "kontrollierte Epidemie".

Kein Händeschütteln, keine Küsse - aus Vorsicht

Doch die Metropole Mexiko-Stadt mit ihren 20 Millionen Einwohnern hat der Virus bereits lahmgelegt. Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Museen und Theater wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ausverkaufte Fußballspiele müssen am Wochenende in menschenleeren Stadien gespielt werden. Die Regierung rief die Menschen auf, bei der Begrüßung auf Händeschütteln und Küsse zu verzichten. Viele Fahrgäste der U-Bahn schützten ihre Gesichter mit Atemmasken - doch die werden zur Mangelware.

Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden gaben sie in U-Bahnen und am Flughafen aus und versuchten, möglicherweise infizierte Menschen zu erkennen. Nicht alle Pendler in Mexiko-Stadt erwischten eine Maske. Viele hielten sich einen Schal oder einen Pullover vors Gesicht. An einer Apotheke stand in großen Lettern geschrieben: "Wir haben keine Masken mehr." Die 150 Stück, die auf Vorrat lagen, waren bereits ausverkauft.

Experten zeigen sich vor allem beunruhigt, weil nicht wie bei einer normalen Grippe in erster Linie schwache und ältere Menschen betroffen sind, sondern junge und gesunde Menschen - ähnlich wie bei der bislang schlimmsten Grippe-Pandemie in den Jahren 1918 und 1919. Auch sie befiel zuerst junge und kräftige Menschen. Damals kamen Schätzungen zufolge weltweit 40 Millionen Menschen ums Leben. Die WHO kündigte an, ein Expertengremium zu versammeln, um über eine formelle Warnung vor einer Pandemie oder über Reisewarnungen zu entscheiden.

Die Symptome der neuartigen Krankheit ähneln der einer gewöhnlichen Grippe - Fieber, Husten und Halsweh. Einige der in den USA infizierten Menschen, wo es bis Samstag noch keinen Todesfall gab, klagten jedoch auch über Spuckreiz und Durchfall.

Der Erreger weist genetische Merkmale des Schweins, von Vögeln und auch des Menschen auf - in einer Art, wie es die Forscher bislang noch nicht beobachtet haben. Einen Impfstoff gibt es nicht, die US-Behörde CDC geht jedoch nach ersten Tests davon aus, dass die Grippemedikamente Tamiflu und Relenza bei frühzeitiger Einnahme helfen könnten. Tamiflu-Hersteller Roche erklärte, es könnten binnen kürzester Zeit große Mengen nachgeliefert werden.

otr/AP/dpa/AFP

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