Angst vor Pandemie WHO erhöht Alarmstufe wegen Schweinegrippe

Mehr Fälle in Mexiko und den USA, erstmals Kranke auch in Europa: Wegen immer neuer Schweinegrippe-Fälle verschärft die Weltgesundheitsorganisation ihre Risikowarnung. Ab sofort gilt Level 4, eine Stufe vor der unmittelbar drohenden Pandemie - die Staaten müssten rasch handeln, fordert die WHO.


Genf - Die Entscheidung der WHO hatte sich nach den immer neuen Fällen der vergangenen Tage abgezeichnet - in der Nacht auf Dienstag beschloss die Weltgesundheitsorganisation dann: Ab sofort gilt wegen der Schweinegrippe die Pandemie-Risikostufe 4 von 6.

In dieser Phase kommt es zu anhaltenden Mensch-zu-Mensch-Übertragungen und lokalen Ausbrüchen, es gibt ein signifikant höheres Risiko für den Ausbruch einer weltweiten Seuche als in den vorherigen Stufen. Von Grenzschließungen oder Einschränkungen für den weltweiten Verkehr raten die Experten der WHO, die über die Einstufung berieten, allerdings ab. Nur sollten Reisen in gefährdete Gebiete möglichst vermieden werden.

Eine Pandemie sei nicht unabwendbar, sagte Generaldirektor Keiji Fukuda. Die Staaten der Welt müssten allerdings ihre Anstrengungen erhöhen. Sie müssen jetzt eine Schadensminimierung versuchen. Eine komplette Eindämmung des Problems sei nicht mehr möglich.

Zugleich wurde das Kriterium für die folgende Stufe 5 neu formuliert. Sie soll künftig ausgerufen werden, wenn sich das Virus in mindestens zwei Ländern einer Weltregion anhaltend verbreitet - wie es aktuell in Mexiko und den USA droht. Selbst wenn die meisten Staaten in diesem Fall nicht betroffen wären, soll Stufe 5 ein "starkes Signal" schicken, dass eine Pandemie unmittelbar droht und die Vorbereitungsmaßnahmen dringend abgeschlossen werden müssen - bevor die höchste Stufe 6 erreicht wird, der Ausbruch in mehreren Weltregionen.

Mit der Anhebung reagiert die WHO auf immer neue Fälle der Schweinegrippe vor allem in Mexiko und den USA, aber auch in Europa. Erst am Abend wurde bekannt, dass bei zwei Patienten in Schottland der Erreger nachgewiesen wurde. Das teilte Gesundheitsministerin Nicola Sturgeon mit. Die beiden Patienten waren am Wochenende nach einer Mexikoreise in ein Krankenhaus gebracht worden. Sie befinden sich seitdem auf einer Isolationsstation und werden mit Spezialmedikamenten behandelt. Beide Patienten erholten sich gut, betonte Sturgeon. Großbritannien bereitet sich wie andere Länder ebenfalls auf einen Ausbruch der Schweinegrippe vor, doch "die Gefahr für die Öffentlichkeit bleibt gering".

Als erstes europäisches Land hatte zuvor am Montag Spanien einen Infektionsfall bestätigt. Die WHO nannte die Ausbreitung schon vor ihrer Expertenentscheidung "sehr beunruhigend". Die Zahl der wissenschaftlich bestätigten Fälle von Schweinegrippe weltweit stieg ihren Angaben zufolge zufolge im Laufe des Montags auf 73. Insgesamt 40 davon wurden in den USA gemeldet, 26 in Mexiko, sechs in Kanada und einer in Spanien. Inzwischen sind die Zahlen der WHO längst überholt: Am Montagabend wurden in den US-Bundestaaten Kalifornien und Texas weitere Fälle der Grippe bestätigt.

Vor allem in Mexiko dürfte die Zahl deutlich höher liegen: Von 149 getöteten Menschen sprach Gesundheitsminister José Ángel Córdova, ließ aber zunächst offen, ob alle Opfer - die meisten zwischen 20 und 50 - mit dem mutierten Virus H1N1 infiziert waren. Krankheitsfälle seien mittlerweile aus 10 von 31 Bundesstaaten gemeldet worden. Von diesem Ausmaß zeigte sich selbst die WHO überrascht: Laut Generaldirektor Fukuda können seine Experten bislang nicht erklären, warum es in Mexiko zu so vielen ernsten Fällen kommt.

Landesweit würden nun die Schulen zunächst bis zum 6. Mai geschlossen - eine Maßnahme, von der bislang nur Mexiko-Stadt betroffen war. Der mexikanische Präsident Felipe Calderón ermächtigte die Gesundheitsbehörden, Grippekranke zu isolieren, Soldaten verteilten sechs Millionen Atemschutz-Masken. Die Weltbank sagte Kredite in Höhe von 225 Millionen Dollar zu.

Die US-Regierung bestätigt bislang offiziell 40 Fälle der Schweinegrippe, die in fünf Bundesstaaten aufgetreten seien. Bei 20 Infizierten soll es sich um Jugendliche handeln, die genau jene New Yorker Schule besuchen, die bereits zuvor kranke Schüler gemeldet hatte - die hatten ihre Frühjahrsferien in Mexiko verbracht. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg sprach von 28 "sicheren" und 17 "vermuteten" Fällen, die offenbar alle an derselben Schule in Queens aufgetreten seien. "Wir glauben, dass es an dieser Schule vermutlich mehr als 100 Fälle von Schweinegrippe gibt", sagte er.

Vor allem die Lage in Mexiko beunruhigt auch europäische Regierungen. Die EU warnte vor Reisen, die nicht dringlich sind, die Bundesregierung schloss sich an. "Derjenige, der nicht reisen muss, soll sich das gut überlegen", sagte Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk (SPD). Es sei jetzt ebenso falsch "abzuwiegeln wie in Panik zu fallen". Die Bundesregierung stehe in engem Kontakt zur der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Behörden seien gut auf die Gefahren durch die Schweinegrippe vorbereitet. Die Gesundheitsstrukturen zwischen Bund und Ländern seien vernetzt, alle Landesgesundheitsämter über die Lage informiert, sagte Caspers-Merk: "Wir wussten, dass jederzeit irgendwo eine Grippe-Epidemie ausbrechen könnte."

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

pad/hut/REUTERS/dpa

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