Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Anleitung für Terroristen": US-Behörde stoppt Studie über Milch-Vergiftung

Das US-Gesundheitsministerium hat erstmals in seiner Geschichte die Veröffentlichung eines Forschungsartikels aus Gründen der nationalen Sicherheit verhindert. Die Studie beschreibt detailliert, wie Terroristen Milchtransporte in den USA vergiften könnten.

Milchtransport in den USA: "Verwundbare Knotenpunkte"
AP

Milchtransport in den USA: "Verwundbare Knotenpunkte"

Die Debatte schwelt seit den Terror-Attacken vom 11. September 2001: Wie offen dürfen Wissenschaftler ihre Erkenntnisse noch publik machen, ohne Terroristen potentiell todbringendes Wissen zu verschaffen? Jetzt ist die Diskussion über Forschungsfreiheit und Sicherheit um einen Fall reicher: Das Department of Health and Human Services hat erreicht, dass ein Artikel über mögliche Terrorangriffe auf Milchtransporte nicht wie geplant in einem Fachblatt erscheint.

Der Artikel des Stanford-Professors Lawrence Wein war am 30. Mai auf einer passwortgeschützten Internetseite zu sehen, auf der das Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" zur Veröffentlichung vorgesehene Studien vorab zur Verfügung stellt. Prompt gingen bei der Food and Drug Administration, der für Medikamente und Ernährungsfragen zuständigen US-Behörde, mehrere Anfragen von Journalisten ein. Die FDA alarmierte daraufhin das Gesundheitsministerium, das bei der National Academy of Sciences intervenierte - mit Erfolg.

Was war geschehen? Wein, Betriebswissenschaftler an der renommierten Stanford University, hatte in seinem Artikel detailliert beschrieben, wie Terroristen mit Giftanschlägen auf Milchtransporte zahlreiche Menschen töten könnten. Darüber hinaus wählte Wein einen unter Wissenschaftlern zumindest ungewöhnlichen Weg, sich noch mehr Gehör zu verschaffen: Gleichzeitig mit dem Erscheinen seiner Studie auf der Vorab-Seite der "Proceedings" - und damit noch vor der offiziellen Veröffentlichung - entwarf Wein in der "New York Times" ein detailliertes Szenario eines Milch-Giftanschlags.

Schreckensszenario im Massenblatt

Ein Terrorist könne Botulinum-Toxin auf dem Schwarzmarkt außerhalb der USA kaufen, warnte Wein in der Zeitung. Wenige Gramm des Nervengifts, eingefüllt in einem unverschlossenen Milchtank oder einen Milchlaster auf einem Parkplatz, könnten fatale Folgen haben. Wein forderte, dass die FDA verbindliche Richtlinien für die Sicherung von Milchtanks durchsetzen solle.

Das Gesundheitsministerium reagierte mit scharfer Kritik. Weins Fachartikel sei "eine Anleitung für Terroristen, deren Veröffentlichung nicht im Interesse der Vereinigten Staaten ist", hieß es in einem Brief des Gesundheitsministeriums an Bruce Alberts, den Chef der National Academy of Sciences.

Der Artikel enthalte "sehr detaillierte Informationen über verwundbare Knotenpunkte" in der Milch-Versorgungskette. Darüber hinaus erfahre der Leser "äußerst präzise Daten über die Dosierung von Botulinum-Toxin, wie sie zur Kontaminierung von Milch und zum Töten zahlreicher Menschen nötig wäre". Es sei "auf den ersten Blick erkennbar", dass die Veröffentlichung des Artikels "ernste Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit und die nationale Sicherheit" haben würde.

Die Wissenschaftsakademie betonte, dass sie den Milch-Artikel wie jede andere Studie geprüft habe. Nach dem Einschreiten des Ministeriums habe man sich aber entschlossen, "einen Schritt zurückzugehen und sicherzustellen, dass wir nichts veröffentlichen, was uns später Sorgen bereiten könnte", sagte NAS-Sprecher Bill Kearney dem US-Sender CNN.

Das Ministerium kritisierte nicht nur den Inhalt des Artikels, sondern auch Weins Vorgehen. Die Behörde habe schon im Herbst 2004 Bedenken angemeldet, als Wein einen ersten Entwurf seines Artikels vorgelegt habe. "Er ließ erkennen, dass er den Artikel überarbeiten und vor dessen Veröffentlichung erneut mit uns sprechen würde", sagte Ministeriumssprecher Marc Wolfson. "Das war das letzte, was wir von ihm gehört haben."

Wein wollte den Vorgang erst nach einem für heute geplanten Treffen zwischen Vertretern der Wissenschaftsakademie und des Ministeriums kommentieren. Wolfson indes sagte, er könne sich nicht erinnern, dass das Ministerium jemals zuvor ein Fachmagazin gebeten habe, eine wissenschaftliche Studie aus Gründen der nationalen Sicherheit zurückzuhalten.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: