Terrorismus und digitale Parallelwelten Monster, die sich für Helden halten

Der Massenmörder von Christchurch hat viel mit islamistischen Terroristen gemeinsam. Die Täter von heute finden im Netz Anleitungen und Material zur eigenen Radikalisierung. Die Ideologie ist nur Mittel zum Zweck.

Attentäter von Christchurch
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Attentäter von Christchurch

Eine Kolumne von


"Selbst aktivierter Terrorismus ist ohne Zweifel eine panideologische Taktik"
Der Faschismus-Experte Matthew Feldman im Buch "Expressions of Radicalization" (2017)

Als Neil Lewington am 30. Oktober 2008 verhaftet wurde, war er betrunken. Der Mann hatte beim Umsteigen am Bahnhof von Lowestoft im Osten Großbritanniens zuerst "öffentlich uriniert" und dann eine Bahnangestellte beschimpft. Die rief die Polizei.

Als die Beamten Lewington durchsuchten, fanden sie die Zutaten für "zwei funktionsfähige Brandvorrichtungen". In der Wohnung des arbeitslosen Elektrikers stießen sie anschließend auf eine Bombenbauwerkstatt, rechtsextreme Schriften und ein von Lewington selbst verfasstes 18-seitiges Pamphlet mit dem Titel "Handbuch für die Waffen-SS im Vereinigten Königreich".

Das Gericht befand, dass der 44-Jährige unter anderem geplant hatte, aus Tennisbällen Splitterbomben zu bauen, um sie in die Wohnungen asiatischstämmiger Familien zu werfen. Er wurde zu unbefristeter Haft verurteilt. Berühmt wurde er nicht, anders als der Massenmörder von Christchurch.

Ohne Ziel, auf der Suche nach Sinn

Der eingangs zitierte Historiker Matthew Feldman trat in dem Verfahren als Sachverständiger auf. In seinem Buch beschreibt er den verhinderten Mörder Lewington als ein Beispiel für das, was er "selbst aktivierte Terroristen" nennt: Täter ohne direkten Austausch mit Terrororganisationen.

Zu dieser Kategorie dürfte auch der Haupttäter des Massenmordes von Christchurch zählen. Wie Lewington fürchtete er den Untergang der "weißen Rasse", das suggeriert zumindest sein "Manifest". Wie Lewington hielt er sich für die Verteidigung dieser "weißen Rasse" auserwählt. Wie Lewington ist er ein Mann, der in seinem Leben nicht viel erreicht hat.

Er sei ein "Monster der Willenskraft", soll der Mörder von Christchurch einmal über sich selbst geschrieben haben, er brauche "nur ein Ziel".

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ziellose Männer auf der Suche nach Sinn? Es ist genau jene Beschreibung, die auf viele der "selbst aktivierten" islamistischen Terrortäter der vergangenen Jahre in Europa zutrifft. Breitscheidplatz, Nizza, der Anschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris im Januar 2015 - immer hatten die Täter eine problematische Kindheit und Jugend und zudem eine kriminelle Karriere hinter sich.

Die irregeleitete Vorstellung, zum Helden werden zu können

Es gibt zwischen den selbstradikalisierten Mördern von scheinbar entgegensetzten Enden des ideologischen Spektrums noch mehr Gemeinsamkeiten:

  • Sie glauben an ein unmittelbar bevorstehendes apokalyptisches Ereignis und wünschen sich diese Apokalypse gleichzeitig herbei - das trifft übrigens auch auf einen Teil der gewaltbereiten Linksradikalen zu.
  • Sie hoffen gleichzeitig, durch ihre Taten einen epischen Konflikt, einen apokalyptischen Endkampf, heraufbeschwören zu können,
  • etwa zwischen "Kreuzfahrern" und Muslimen, Schwarzen und Weißen, oder der "Zionistischen Besatzungsregierung" und den "Ariern".

Der Täter von Christchurch bezieht sich in seinem "Manifest" auf Dylann Roof, der in einer Kirche in Charleston neun Menschen erschoss, sowie auf Anders Breivik, den Massenmörder von Utoya. Beide haben ihrerseits "Manifeste" hinterlassen.

Morde als "Marketing"

Das ist die zentrale Gemeinsamkeit all dieser Terrortaten - das eigentliche Publikum sind potenzielle Rekruten für die eigene "Sache", sei es das globale Kalifat oder die globale Vorherrschaft der "weißen Rasse". Die Morde sind, das benannte beispielsweise Anders Breivik explizit so, "Marketing". Aus der Perspektive der Täter.

In Wahrheit erfinden sich diese Männer einen Krieg, in den sie dann ziehen. Immer gegen Wehrlose, oft gegen Kinder. Sie halten sich für Helden, sind aber Monster.

Ideologisch sind sich Roof und Breivik aber keineswegs einig. Breivik sah Israel und die Juden als Verbündete im Kampf gegen "den Islam" an - was ihm von klassischen Rechtsextremisten rund um die Welt Kritik einbrachte. Roof dagegen betrachtete das Judentum in typischer Nazi-Manier als wahre Ursache allen Übels.

Eins steht immer fest: Irgendjemand muss sterben

Der Täter von Christchurch ist da näher an Breivik, den er auch als explizit wichtigstes "Vorbild" benennt: Er habe nichts gegen Juden, solange sie in Israel bleiben. In seinem "Manifest" geht es zwar um den angeblichen "Bevölkerungsaustausch", der den Weißen drohe. Aber das sonst rechtsaußen übliche Narrativ, dass dieser Austausch von der jüdischen Weltverschwörung - in der Regel verkörpert vom Philanthropen George Soros - geplant und durchgeführt werde, steht nicht im Vordergrund.

Fest steht allerdings immer, dass irgendwer umgebracht werden muss. Die "Manifeste" von Einzeltätern aus völlig unterschiedlichen ideologischen Richtungen ähneln einander sogar sprachlich. Sie mögen zum Beispiel lange Wörter und reden oft von "Denen". Immer geht es letztlich darum, sich selbst eine entscheidende Rolle in der Vorbereitung eines Endkampfes zuzuweisen.

Der Einmannterror wuchert digital-medial

Die "einsamen Wölfe" von heute haben sich die Ideologie, die ihnen als Ausrede fürs Töten dient, stets im Selbststudium aus Onlinequellen zusammengebastelt. Der Forscher Matthew Feldman spricht von "Radikalisierungsnetzwerken":

  • Das können rechtsradikale Websites und Social-Media-Gruppen sein - oder die digitalen Propagandakanäle der Islamisten.
  • Die Sortieralgorithmen von Suchmaschinen, Videoportalen und sozialen Medien sorgen dafür, dass Amateur-Radikale schnell die Inhalte finden, die Extremismus-Profis für sie bereitgestellt haben.
  • Ihre eigenen "Manifeste" bilden dann neue Knotenpunkte.

Der Charleston-Mörder Dylann Roof beschrieb explizit seine radikalisierenden Erlebnisse mit Google. Jetzt wird sein "Manifest" vom Christchurch-Täter als Referenz genannt. Der digital-mediale Einmannterror wuchert und düngt sich selbst.

Manifest aus dem Nerdkultur-Biotop

Das Neue am Fall Christchurch ist, dass da ein weiteres "Radikalisierungsnetzwerk" hinzugekommen zu sein scheint:

  • Der Täter kündigte seine Tat nicht nur bei Twitter an, sondern auch im Bilderforum "8Chan", einem Ableger der sogenannten Chan-Kultur, deren Ursprung 4Chan heißt.
  • In seinem "Manifest" finden sich massenweise pseudoironische Zitate und Insiderwitze aus diesem Nerdkultur-Biotop.
  • Mit viel Aufwand biedert er sich an bei den anonymen Zynikern, bis hin zu einem Verweis auf eine Art digitales Geländespiel rund um den Videospiel-YouTuber PewDiePie am Anfang seines Massenmord-Livestreams.

Der Täter hatte offenbar das Gefühl, sich im politisch oft extremen /pol-Forum von 8Chan unter Gleichgesinnten aufzuhalten, die sein live gestreamtes Massaker zu würdigen wissen würden. Und in der Tat gab es dort im Anschluss an das Massaker offenbar Beifall.

Mit Nachahmern ist zu rechnen

Beim Vorbild 4Chan werden Schulmassenmörder seit den Morden von Columbine regelmäßig gefeiert. Die Grenzen zwischen tabubruchbasiertem Trollhumor und menschverachtendem Zynismus sind dort kaum auszumachen.

Ein Teil der jungmännlich-desillusionierten, sich selbst für maximal ab- und aufgeklärt haltenden Klientel, die sich auf Plattformen wie 8Chan versammelt, wird den Mörder von Christchurch zu einem Weiteren ihrer Helden erklären. Er sei "der nächste Breivik" schwärmte dort einer schon am Freitag. Manche meinen so etwas vielleicht ironisch, andere völlig ernst. Mit Nachahmern ist zu rechnen.

In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren ist im Netz eine rechtsradikale Jungmänner-Suppe aus Trollerei, Tabubruch, YouTube, Videospielen, Verschwörungstheorien, Minderwertigkeitsgefühlen, Sexismus, Rassismus, intellektuellem Hochmut und Gewaltfaszination entstanden. In ihr wuchs beispielsweise auch der deutsche Politiker-"Doxxer" 0rbit heran.

Jetzt hat diese Szene ihren ersten echten Terroristen.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
Sophie99 16.03.2019
1.
Danke für den Beitrag. Analyse statt Stimmungsmache. Das brauchen wir wieder öfter.
Stäffelesrutscher 16.03.2019
2.
Jetzt ist die Frage, ob es noch mehr »Gemeinsamkeiten« gibt: Wenn die Täter Moslems waren, wurden weltweit andere Moslems genötigt, dazu Stellung zu nehmen, sich zu distanzieren und so weiter. Dementsprechend müssten jetzt also Vertreter christlicher Kirchen (vermutlich der protestantischen Richtung) und von Rechtsaußenparteien (Gauland, Höcke, Le Pen, Farage usw.) befragt werden, ob sie sich von diesem Terror distanzieren.
tiropites 16.03.2019
3. Geschmacklos
Wohin führt dieser Vergleich? Will man die scheuslichen Taten damit relativieren?
ketamama 16.03.2019
4.
Sehr guter und aufschlussreicher Artikel!
murimar 16.03.2019
5. Die Forenkommentare
In den verschiedenen Foren deutscher Zeitungen muss man als Reaktion vieles an Relativierungen und die unterschiedlichen Gewichtungen islamistischen und anderen Terrors lesen. Das ging keine Stunde nach den Anschlägen los. Bedauern, Mitgefühl, Fehlanzeige. 2/3 der Forenbeiträge (Zeit/FAZ) zu Artikeln über den Anschlag in Christchurch gingen ausschließlich um islamistischen Terror. Das kann man als unausgesprochene Rechtfertigung der Anschläge empfinden.
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