London, Sankt Petersburg, Stockholm Die Terroristen verlieren

Der Kolumnist war am vergangenen Montag in Sankt Petersburg. Aus der Reaktion der Bewohner auf den Anschlag in der U-Bahn kann man einiges darüber lernen, wie man mit Terror am besten umgeht.

Demonstration anlässlich des Anschlags in der Sankt Petersburger U-Bahn am 6.4.2017 in Moskau
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Demonstration anlässlich des Anschlags in der Sankt Petersburger U-Bahn am 6.4.2017 in Moskau

Eine Kolumne von


Den Russen wird ein gewisses Talent zum Pokerface nachgesagt. Am Montag dieser Woche hatte ich die Gelegenheit, diese legendäre russische Ungerührtheit aus nächster Nähe mitzuerleben.

Ich war mit einer Gruppe Studenten von der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften nach Sankt Petersburg geflogen. Dort findet im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Hamburg jedes Jahr eine Deutsche Woche mit vielen Veranstaltungen statt. Unsere Gruppe war vor Ort, um gemeinsam mit Partnern der Universität Sankt Petersburg eine politische Podiumsdiskussion zu organisieren. Vom Flughafen ging es mit einem Linienbus in die Innenstadt, dort sollten wir in die U-Bahn umsteigen. Sie wissen natürlich, was jetzt kommt.

Die russische Studentin, die uns bis ins Hotel begleiten sollte, begann während der Busfahrt mit ungerührter Miene zuerst zu telefonieren und dann konzentriert auf ihrem Smartphone herumzutippen. Die U-Bahn sei gesperrt, erklärte sie uns äußerlich völlig gelassen. Das sei ungewöhnlich, aber kein Problem. Sie habe stattdessen Taxis bestellt.

Profitiert der Terror von den digitalen Medien?

Tatsächlich wusste die 21-Jährige durchaus, warum die Bahnen nicht mehr fuhren. Etwa eine halbe Stunde, bevor wir umsteigen wollten, war in einem Zug derselben Linie eine Bombe explodiert, sie tötete 14 Menschen und verletzte über 50 weitere. Unter den Opfern waren auch Kinder.

Sie habe sich telefonisch mit ihrer Professorin beraten, und man habe entschieden, uns erst einmal aus der unmittelbaren Umgebung des Anschlagsorts zu bringen, ohne uns zu beunruhigen, verriet die Studentin uns ein paar Tage später.

Als die ganze Gruppe sich in zwei Großraumtaxis immer weiter vom Anschlagsort entfernte, wussten dann plötzlich alle, was geschehen war - aus Deutschland. Die Art und Weise, wie uns die Information erreichte, dass sich wenige Kilometer entfernt ein Attentat ereignet hatte, sagt viel über das Verhältnis zwischen Terror, Globalisierung und digitalen Kommunikationsmitteln. Alle Mitreisenden bekamen Anrufe, WhatsApp-Nachrichten oder Eilmeldungen, einige wurden ziemlich blass. Die Nachricht von der Mordtat war binnen Minuten aus Russland nach Deutschland und wieder zurückgereist.

Keine Angst

Der internationale Terrorismus profitiert auf den ersten Blick enorm davon, dass jeder Anschlag in einer modernen Großstadt auf diese Weise rasend schnell rund um die Welt publik wird. Ob in Paris, in Orlando, in Brüssel, in Nizza, am Berliner Breitscheidplatz, in London, am Freitag in Stockholm oder davor eben in Sankt Petersburg - ein großer Teil der in Industrienationen lebenden Menschen nimmt fast zwangsläufig Teil an den Morden der Täter. Ein Ziel erreichen Terroristen heute also viel leichter, als das vor zehn oder zwanzig Jahren der Fall gewesen wäre: Aufmerksamkeit.

Mit Blick auf ihr zweites und vermutlich wichtigeres Ziel aber, auch das zeigt das Erlebnis von Sankt Petersburg, haben sie meiner Wahrnehmung nach trotzdem immer weniger Erfolg: dem Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Die Bevölkerung Sankt Petersburgs wirkte auf uns, selbst am Tag des Anschlags, ähnlich ungerührt wie die Studentin, die uns abgeholt hatte. In den folgenden Tagen haben wir Menschen Kunstwerke bestaunen, lachen, feiern, diskutieren, arbeiten und spazieren gehen sehen. Wir haben mit unseren russischen Gastgebern Gespräche über Weltpolitik, Journalismus, Medien, Bildung und ganz Alltägliches geführt. Natürlich war der Anschlag nicht vergessen, aber er dominierte weder den Alltag noch das Denken der Menschen.

Angriffe auf einen globalen Lebensstil

"Wir Russen sind Kummer gewohnt", sagte uns eine liberale russische Journalismusdozentin. Natürlich trauere die Stadt um die Opfer. Und die Tatsache, dass das gesamte U-Bahn-Netz der Flächenstadt Sankt Petersburg an diesem Tag geschlossen blieb, habe vielen Menschen viel Ungemach bereitet. Die Menschen seien aber viel zu sehr mit lebenspraktischen Problemen beschäftigt, um sich von einem Gewaltakt wie diesem in Panik versetzen zu lassen.

Mein Eindruck ist, dass diese Haltung dann womöglich doch nicht nur dem legendären russischen Gleichmut geschuldet ist. Für London, Berlin und all die anderen Orte, wo Menschen bei Anschlägen getötet wurden, gilt das Gleiche: Die urbane Bevölkerung der getroffenen Orte betrauert zwar die Opfer, und sie fühlt sich auch den Opfern der Anschläge in anderen Städten verbunden. Schließlich ist es ihr gemeinsamer, ein globaler Lebensstil, auf den die Taten zielen. Sie lässt sich aber nicht beirren, nicht einschüchtern. Sie weigert sich, sich in Angst versetzen zu lassen. Ich glaube, diese Weigerung wird mit jedem weiteren Anschlag stärker, nicht schwächer.

Das ist keine strategische Handlung, glaube ich, sondern eine instinktive. Und doch ist es auch die vermutlich beste Methode im Kampf gegen den Terror: sich nicht terrorisieren zu lassen. Denn dann verlieren die Terroristen.

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
joG 08.04.2017
1. Warum sollte man....
.... Angst haben vor hiesige Terroristen? Die Wahrscheinlichkeit von einem Besoffenen überfahren zu werden ist weit höher als einem Anschlag anheim zu fallen. Wir müssen nur achten darauf, dass es nicht ausartet. Bei ein paar Tausenden im Jahr wäre es schwierig.
ulrich.dressel 08.04.2017
2.
Aus der Reaktion der Bewohner auf den Anschlag in der U-Bahn, kann man einiges darüber lernen .... Das Komma schmerzt :(
Gelzy 08.04.2017
3. Traurig aber wahr
Durch die schnelle Berichterstattung wird man ständig mit Terrormeldungen konfrontiert. Man stumpfer ab und Terror wird Alltag. Am Anfang habe auch ich den Medien eine Mitschuld am Terror gegeben, da sie den Terroristen durch ihre Meldungen helfen Terror zu verbreiten. Aber der Autor hat wohl Recht. Bleibt nur zu hoffen, dass die Terroristen nicht größer Anschläge verüben können, um uns doch wieder das Fürchten zu lehren.
reflexxion 08.04.2017
4. Terrorangst in der Großstadt?
Ich wohne in Berlin, aber Terror kenne ich live schon seit ich 1973 ca. 200m neben einer explodierenden RAF-Bombe in London stand. Die war zum Glück recht schwach und zertsörte auch nur ein paar Schaufenster, aber 200 m Entfernung sind auch nicht viel. 10 Jahre später war in am Flughafen Frankfurt um einen Kollegen dort abzuholen, einen Tag zuvor war da eine Bombe in der Abfertigungshalle explodiert - wäre der Kollege einen Tag früher zurückgekommen wäre ich auch in der Halle gewesen, zu "richtigen" Zeit. Zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt hier kann ich nur sagen, ich meide Weihnachtsmärkte im Allgemeinen - wegen der Gefahr von organisierten Taschendieben, nicht aus Angst vor eigentlich sehr unwahrscheinlichen Terroranschlägen. Da ist selbst U-Bahn fahren hier gefährlicher, weil die Gefahren da durch Spinner auf die Schienen geschubst zu werden oder sonstwie grundlos verprügelt zu werden eindeutig größer sind. Deshalb meide ich öffentlichen Nahverkehr und fahre eben Auto. Ich denke man kann sich als normaler Bürger nicht vor einem terroristischen Anschlag schützen, man kann auch nicht erwarten das das sonst wer immer in voraus abwenden kann. Sicher kann man die Augen offen halten, aber wer will schon dauernd in Panik vor Gefahren durch die Gegend laufen. Wenn bei so einem Anschlag 15 Leute sterben muss man das Positive daran sehen, 3,5 Millionen andere Berliner haben den Anschlag überlebt. Das gilt analog zur Bevölkerungszahl auch für die anderen betroffenen Großstädte. Ich habe jedenfalls weniger Angst vor Terroristen als vor den Idioten von der AfD.
Katzazi 08.04.2017
5.
Ja, ähnliches wurde ja auch nach dem Attentat in Berlin von den Berlinern und auch vielen Deutschen berichtet. Da wurde diese Haltung teilweise noch als seltsam empfunden. Aber es ist doch irgendwie angebrachter und zielführender, als ein jahrelanger Ausnahmezustand.
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