Verlassene Antarktisstation Besuch in der Festung der Einsamkeit

Seit 1969 steht eine voll ausgestattete US-Forschungsstation eingemottet im Eis der Antarktis. Nun haben sich Wissenschaftler aufgemacht, um diese Zeitkapsel zu erkunden. Sehen Sie hier ihre faszinierenden Fotos.

Sepp Kipfstuhl/ AWI

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Irgendwann taucht da etwas auf, im ewigen Blau des Himmels. Doch bis das Ding größer wird, dauert es seine Zeit. Für antarktische Verhältnisse ist das Kettenfahrzeug zwar zügig unterwegs. Aber 30 Kilometer in der Stunde sind eben auch nicht schnell, wenn man über die unendliche weiße Weite des Polarplateaus rumpelt.

Später lassen sich die Einzelheiten erkennen: Ein rot-weiß angestrichener Gittermast steht da mitten im Nichts, rund 30 Meter hoch, gehalten von dünnen Stahlseilen. Dann sind da noch die Bambusstangen. Und wo sie im Boden stecken, wird es spannend. Denn dort geht es hinab in die Unterwelt. Und nein, das ist nicht nur ein Sprachbild. Es geht wirklich hinab in die ewige Finsternis. Und in die Vergangenheit dazu.

Vor wenigen Wochen hat eine Antarktisexpedition die seit fast 50 Jahren verlassene Plateau Station besucht, die einst von US-Navy und der National Science Foundation an einem der kältesten Orte der Erde eingerichtet worden war, rund 1100 Kilometer nördlich des Südpols.

Zum heutigen Forscherteam gehörte Sepp Kipfstuhl vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Man braucht keinen Schlüssel, da ist nichts abgesperrt", sagt er. Allerdings finden auch nur Profis überhaupt den Eingang zur Station. Damals, in den Sechzigern, war diese innerhalb von nur gut drei Wochen aus großen, rot angestrichenen Containern errichtet worden. Diese hatte man mit C-130-Transportflugzeugen ins Eis gebracht und anschließend verbunden, zu einem 25 mal 8 Meter großen Komplex.

Doch der ist längst nicht mehr zu sehen.

"Die Plateau Station liegt in einem Gebiet, wo die Schneedecke pro Jahr um zehn Zentimeter wächst", rechnet Kipfstuhl vor. Um die fünf Meter sind so über die Jahre zusammengekommen, auch wenn die unteren Lagen des Schnees inzwischen stärker verdichtet sind und damit weniger Platz brauchen.

Wie lässt sich der verwunschene Ort also überhaupt finden? "Nur noch das Dach des ehemaligen Aussichtsturms schaut aus dem Schnee", sagt Kipfstuhl. Eine kleine Kuppel steht da wie der Turm eines U-Boots, das im ewigen Weiß verborgen ist. Und neben dieser Kuppel stehen ein paar Bambusstangen, aufgestellt von der vorherigen Expedition, die mal hier war, zehn Jahre ist das her.

Wer an diesen Stangen ein paar Zentimeter Schnee wegkratzt, findet eine Holzplatte. Die kann man abschrauben - dann geht es hinunter in die Station. "Es gibt keinen Lichtschalter, den man anmachen könnte. Also hatten wir Taschenlampen dabei", sagt Kipfstuhl. "Wenn man sich mal an das Licht gewöhnt hat, kann man sich nicht vorstellen, dass hier seit 50 Jahren niemand mehr gelebt hat."

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Plateau Station: So war es in den Sechzigern

Und doch: Von Dezember 1965 bis Januar 1969 waren Menschen hier zu Hause, in der dünnen Luft genau 3624 Meter über dem Meer. Bis 1995 war Plateau die am höchsten gelegene Station der Antarktis. Die sowjetische Wostok-Station registrierte mit minus 88,3 Grad Celsius (1960) und minus 89,2 Grad Celsius (1983) zwar die absoluten Kälterekorde - doch Plateau ist bis heute der Ort mit der niedrigsten gemessenen Durchschnittstemperatur: minus 73,2 Grad Celsius Monatsmittelwert, gemessen im Juli 1968.

Vier Militärs und vier Forscher harrten hier aus, für gewöhnlich unter dem Kommando eines Navy-Arztes. "Die generelle Gesundheit des gesamten Personals war das gesamte Jahr über exzellent", berichtete einer von ihnen, ein gewisser Leutnant Blackburn, später in einem Fachjournal.

Die Besatzung las Wetterdaten ab, maß die Lichtintensität, bestaunte spektakuläre Halos um Sonne und Mond, untersuchte die obere Atmosphäre und das Magnetfeld. Auch eine 71 Meter tiefe Bohrung ins Eis gab es. Doch immer wieder machte die Technik unter den Extrembedingungen Probleme.

Zum Beispiel als im Juli 1966 einer der beiden 75-Kilowatt-Dieselgeneratoren zu Wartungszwecken abgeschaltet war - und der zweite zeitgleich den Geist aufgab. Nur das Notfallequipment - und viel Improvisationstalent - machten damals das Bleiben möglich. Doch die Stromversorgung sorgte immer wieder für Schwierigkeiten. Im Februar 1968 wurde gar das Equipment für die Atmosphärenforschung und die Polarlichtbeobachtung dauerhaft außer Kraft gesetzt.

Die Verantwortlichen entschieden schließlich, die Station Ende Januar 1969 aufzugeben - oder besser gesagt einzumotten.

"Man sieht die Ästhetik der Sechziger"

Es wäre das perfekte Setting für einen Horrorfilm: Eine seit einem halben Jahrhundert verlassene Station im ewigen Eis. Stichwort "Das Ding aus einer anderen Welt". Doch was die Forscher bei ihrem Besuch im Jahr 2017 finden, ist angenehm banal. Sie durchstöbern die Werkstatt, wo Kalenderblätter von 1966 auf einem Tisch liegen, finden Ersatzteilkataloge in den Regalen, Kabel, Röhren, Klebeband und Kleinkram.

Werkzeug ist dagegen fast keins mehr da. "Die hatten gut aufgeräumt", sagt Kipfstuhl. Die Haustechnik ist dagegen noch fast komplett: Waschmaschine, Schleuder, Bügeleisen sind genauso noch vorhanden wie eine mächtige Waage. "Die technischen Geräte, das ist alles aus einer anderen Ära", so der Wissenschaftler. "Man sieht die Ästhetik der Sechziger."

In der Küche finden sich neben dem Porzellan zum Beispiel auch Messer - und ein Nudelholz, "mit dem man einen Ochsen hätte erschlagen können", wie der Polarforscher es ausdrückt. Dazu kommen unverwüstliche Vorräte: Pfeffer, Salz und Popcorn zum Beispiel. Und ein Netz voller Walnüsse an der Wand.

Über der Spüle hängt ein Poster, wie man es aus WGs in anderen Teilen der Erde kennt - mit dem als Bitte verkleideten Befehl, immer schön aufzuräumen.

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Plateau Station: Antarktische Zeitkapsel

Bei der Einrichtung der Station hatte es auf Seiten der US-Behörden übrigens zunächst die Idee gegeben, dass jeder der Bewohner abwechselnd mal was für sich und die Kollegen brutzeln könnte - und sich so die Zahl der Besatzungsmitglieder von acht auf sieben reduzieren ließe. "Aber erfahrene Männer glaubten, dass ein ausgebildeter Koch entscheidend für Gesundheit und Moral unter den zu erwartenden widrigen Bedingungen ist", berichteten zwei Projektbeteiligte im "Antarctic Journal of the United States". Und so durfte dann doch ein Koch mit.

Als sich die Forscher um Sepp Kipfstuhl bei ihrem Besuch in den Schlafräumen der Station umsehen, erleben sie eine Überraschung - denn teils sind die Decken in den Doppelstockbetten sogar noch bezogen, Extradecken für Fröstelnde liegen ebenso wie frische Bettwäsche auf Tischchen bereit. Und dann ist da noch der "Playboy" von 1966.

Bilder von all dem zu machen, ist gar nicht so einfach: "Wenn man ausatmet, produziert man jede Menge Nebel", sagt Kipfstuhl. "Der reflektiert das Licht und ist deswegen ziemlich unpraktisch für Fotos mit Blitz."

Nach einer Stunde haben die Forscher genug gesehen. Sie klettern nach draußen, schrauben die Holzplatte wieder auf - und überlassen die Plateau Station wie vorher ihrem Schlaf. Bis zum nächsten Mal, wenn wieder einmal Menschen in der Gegend sind. "In zehn oder zwanzig Jahren kann wieder jemand kommen, und es wird ganz ähnlich aussehen", sagt Sepp Kipfstuhl. "Der Mast wird sogar noch 500 Jahre lang zu sehen sein."



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