Anti-Drogen-Impfung Mit der Spritze gegen Koks

Drogensucht ist eine Krankheit - seit Jahren arbeiten Wissenschaftler an einem Impfstoff. Nun hofft ein US-Forscher, dass seine Spritze gegen Kokainsucht die letzte Hürde vor der Zulassung nimmt.

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Sorgfältig wird die Spur des feinen weißen Staubes gelegt. Dann der Geldschein zusammengerollt. Der Kopf neigt sich und mit einem tiefen Einatmen gelangt das Kokain durch das improvisierte Schnüffelrohr in die Nasenhöhle. Nun dauert es nur noch wenige Minuten, bis die Droge über das Blut ihren Zielort erreicht - das Gehirn.

Kokainkonsum: Ein Impfstoff soll den Süchtigen gegen die Droge immun machen
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Kokainkonsum: Ein Impfstoff soll den Süchtigen gegen die Droge immun machen

Diese Szene ist vielen nicht mehr nur aus Filmen geläufig. "Kokain ist zur Alltagsdroge geworden und wird mittlerweile im Vergleich zu vor 20 Jahren von zunehmend mehr Menschen konsumiert", sagt Petra Franke, Chefärztin der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen der Rheinischen Kliniken Düsseldorf im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aufgrund seiner Wirkung - Euphorie, übersteigerte Selbsteinschätzung, extreme Aktivitätssteigerung und vermeintlich verbesserte Leistungsfähigkeit - sei Kokain heutzutage sowohl Psychostimulans für den Arbeitsalltag als auch Spaßdroge für Partys.

Die Konsumentenzahlen steigen rasant. Dem letzten EU-Drogenbericht zufolge haben im Jahr 2007 allein in Europa 4,5 Millionen Menschen zwischen 15 und 64 Jahren Kokain genommen. Im Jahr davor waren es noch 3,5 Millionen. Auch eine Untersuchung des Wassers deutscher Flüsse auf Spuren von Kokain im Jahr 2005 ergab, dass die Deutschen offenbar mehr von dem weißen Pulver konsumieren, als man bis dahin geglaubt hatte. Nach Meinung der EU-Experten sind es vor allem die fallenden Preise, die die Droge für immer mehr Menschen erschwinglich machen. Der deutsche Straßenpreis für das Gramm Kokain lag nach Angaben der EU im Jahr 2005 bei 60 Euro.

Um Kokainsucht zu behandeln, gehen Wissenschaftler neue Wege. Thomas Kosten vom Baylor College of Medicine in Houston will Kokainsucht wie eine Krankheit therapieren und einen wirksamen Gehilfen einspannen: das menschliche Immunsystem. Genau wie Viren, Bakterien oder andere Krankheitserreger soll die Arznei die Kokainmoleküle im Blut entwaffnen, bevor sie ins Gehirn gelangen und ihre Wirkung entfalten können. Kosten hat dazu einen Impfstoff entwickelt, der das Immunsystem anregen soll, Antikörper gegen die Kokainmoleküle zu bilden.

Normalerweise sind die Kokainmoleküle zu klein, als dass das Immunsystem sie erkennen und ausschalten könnte. Deswegen bediente sich Kosten eines Tricks: Er nahm Kokainmoleküle, die er chemisch deaktiviert hatte und verband sie mit Proteinen von ebenfalls deaktivierten Cholera-Bakterien. Nun, groß genug, erkannte das Immunsystem die Fremdkörper aus Protein und Drogenmolekül und bildete Antikörper gegen sie. Einmal da, sollen sie, so hofft Kosten, dann auch in der Lage sein, die Kokainmoleküle einzeln zu erkennen und im Blut abzufangen. Der Süchtige wäre dann quasi immun gegen das Kokain, die Droge könnte nicht mehr wirken, ein Rückfall in den Konsum bliebe wirkungslos.

Die Rückfallquote Kokainsüchtiger ist sehr hoch

Die Kokainmoleküle blockieren im Gehirn die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin durch die Nervenzellen. Die chemischen Botenstoffe bleiben so länger in den synaptischen Spalten, den Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen. Die nachgeschaltete Nervenzelle wird dadurch länger erregt, die typische Wirkung des Kokains setzt ein. Die kurzzeitige, übermäßige Aktivierung der Nervenzellen jedoch bezahlt der Kokainsüchtige bei regelmäßigem Konsum mit Angstzuständen, Depressionen und Abgespanntheit.

Kokain macht schnell psychisch abhängig. Für einen dauerhaften Entzug ist eine langwierige Psychotherapie nötig, die auch Begleiterkrankungen wie Depressionen und Ängste mit einbezieht. Die Rückfallquote ist sehr hoch, denn "der schnelle Kick, das Glücksgefühl beim Kokainkonsum ist die große Gefahr, die den Süchtigen rückfällig werden lässt", sagt Petra Franke. Eine wirksame Rückfallprophylaxe wäre ein entscheidender Punkt. Eine Impfung gegen Kokain könnte ihrer Meinung nach - neben anderen medikamentösen Behandlungsstrategien - eine Unterstützung bei der Kokainentwöhnung sein. "Grundsätzlich besteht bei der neurobiologisch orientierten Behandlung Kokainabhängiger noch sehr viel Forschungsbedarf", meint Franke.

In Phase III scheitern noch viele Medikamente

Wie Kosten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt, ist sein Impfstoff gegen Kokain seines Wissens derzeit der einzige in der Erprobung. Entwickelt hat er ihn im Auftrag eines Pharmaunternehmens, das auch einen Impfstoff gegen Nikotin testet. Der Kokainimpfstoff habe in ersten klinischen Versuchen bereits positive Wirkung gezeigt: "In einer sechsmonatigen Studie halbierte sich der Kokaingebrauch bei geimpften Patienten doppelt so häufig wie bei Patienten mit Placebo-Impfung", sagt Kosten. Die einzigen Nebenwirkungen - Hautausschlag und Übelkeit - seien selten und in milder Ausprägung aufgetreten.

Allerdings sind die Patientenzahlen in den ersten beiden klinischen Phasen der Entwicklung eines Medikaments noch relativ niedrig. In der klinischen Phase III, der letzten vor der Zulassung, muss ein Medikament seine Wirksamkeit an größeren Patientenzahlen erweisen - viele vielversprechende Wirkstoffe scheitern an dieser letzten Hürde.

Bei der US-Zulassungsbehörde FDA hat Kosten für Frühjahr 2008 eine Phase-III-Studie seines Kokainimpfstoffs mit 300 Patienten beantragt. "Möglicherweise sind aber vor der Zulassung noch größere Patientenzahlen erforderlich", räumt Kosten ein. Sollte sich der Impfstoff als wirkungsvoll erweisen, rechnet er jedoch mit einer Zulassung innerhalb weniger Jahre.

"Selbstbewusstsein ist die stärkste Prävention"

Die Behandlung bereits Süchtiger wäre eine Möglichkeit, die ein Impfstoff böte - die Verhinderung der Sucht im Vorfeld eine andere. Wird irgendwann also nicht nur gegen Pocken, Mumps und Masern geimpft, sondern auch gleich gegen Nikotin, Kokain und Heroin? Nicht nur für Pharmafirmen, die ein großes Geschäft wittern, ein verlockender Gedanke, sondern offenbar auch für Politiker. Anfang 2007 sorgten Meldungen der englischen Presse für Furore: Dem Boulevardblatt "Sun" lag nach eigenen Angaben ein Regierungspapier vor, wonach die englische Regierung plane, mit einer Spritze Babys für ihr gesamtes Leben immun gegen Heroin, Kokain und Nikotin zu machen.

Die Düsseldorfer Medizinerin Franke ist skeptisch. So sinnvoll die Impfung möglicherweise für Süchtige sein könnte - in einer flächendeckenden Impfung gegen Kokain oder andere harte Drogen sieht sie keinen Sinn: "Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist heroinsüchtig, bei Kokain sind die Zahlen ähnlich - selbst bei einer 20- bis 40-prozentigen Erfolgsquote gegenüber einem Placeboeffekt, was in der Suchtbehandlung bereits ein exzellenter Wert wäre, wäre das Kosten-Nutzen-Risiko breiter Impfungen unangemessen." Viel wichtiger sei es, Risikopersonen zu erkennen und so früh wie möglich psychotherapeutische Unterstützung anzubieten. Franke: "Die natürliche Stärkung des Selbstbewusstseins ist die stärkste Prävention gegen Drogenkonsum."



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