Antike Garamanten-Kultur Rätselhafte Herrscher der Wüste

Gaddafi ist weg, jetzt können die Archäologen richtig loslegen. Der Despot zeigte kaum Interesse an der alten Kultur der Garamanten, obwohl das mysteriöse Wüstenvolk über Jahrhunderte den Raum zwischen Zentralafrika und dem Mittelmeer beherrschte - und sogar den Römern die Stirn bot.

Von

Corbis

"Ich liebe die Wüste", sagt David Mattingly. "Jeden Tag entdecke ich in ihr etwas Neues." Und tatsächlich: In einer der unwegsamsten und lebensfeindlichsten Gegenden der Sahara hat der Archäologe von der University of Leicester in den letzten Jahren mehr als hundert befestigte Gehöfte, burgartige Anlagen, ganze Dörfer und Städte gefunden. Sie stammen aus den ersten fünf Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Jener Zeit, von der alle Welt annimmt, die Römer hätten Europa und Nordafrika fest in ihrer Hand gehabt.

Doch was Mattingly entdeckt hat, sind keine römischen Ruinen. Es sind die Hinterlassenschaften einer Zivilisation, die damals den gesamten Handel auf dem afrikanischen Kontinent vom Mittelmeer bis in die Zonen der Subsahara dominierte. Die unfruchtbare Wüstenregionen in blühende Landschaften verwandelte, um dort Nahrungsmittel anzubauen. Die dabei rücksichtslos Zehntausende von Sklaven verschliss. Und deren Namen heute doch nur noch wenige Gelehrte kennen: die Garamanten.

Im Februar dieses Jahres mussten der Archäologe und sein 15-köpfiges Team Libyen verlassen, als die Revolte gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi die Arbeit dort zu gefährlich machte. Mattingly aber nutze die Pause: Am heimischen Schreibtisch wertete er moderne Satellitenaufnahmen aus - darunter auch Material, das Ölfirmen für die Suche und Erkundung neuer Vorkommen nutzen. Zudem untersuchte er alte Luftbilder aus den fünfziger und sechziger Jahren.

Ungewöhnlich hohe Bevölkerungsdichte

Darauf zeichneten sich im Wüstensand dicht an dicht Strukturen ab, wie er sie bereits von seiner Arbeit vor Ort kennt: Gebäude, Friedhöfe, Brunnen und die Adern der "Foggara", jener unterirdischen Tunnel, die das Grundwasser auf die Felder brachten. Streckenweise drängelten sich auf einem Gebiet von vier Quadratkilometern Wüste mindestens zehn Dörfer: "Das ist schon eine ungewöhnliche Dichte", sagt Mattingly.

Dabei ist der Archäologe durchaus daran gewöhnt, in der Wüste immer wieder unerwartet Spuren von einstigem Leben zu finden. "Es geschieht oft, dass ein großer Stein für eine kurze Trinkpause besonders einladend aussieht", erzählt er. "Dann setze ich mich hin, nehme einen Schluck aus meiner Flasche und schaue mich um. Und plötzlich entdecke ich zum Beispiel die Spuren eines Arbeitsplatzes für Werkzeuge - und merke, dass den Stein, auf dem ich sitze, offenbar schon vor Tausenden von Jahren Menschen einladend fanden."

Wer war dieses Volk, das sich erst die Wüste Untertan machte und dann in totale Vergessenheit geriet?

Die antiken Autoren jedenfalls hatten wenig schmeichelhafte Worte für sie übrig: Wegelagerer seien sie, gesetzlos und plündernd. Allerdings waren es Römer, die sich so abfällig über die Garamanten äußerten - also ihre großen Konkurrenten im lukrativen Handel mit Gütern und Sklaven. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot hingegen berichtet wundersame Dinge von den Garamanten: Über Salzseen hätten sie Erde gestreut, um darauf ihr Korn wachsen zu lassen. Und sie hätten Äthiopier gejagt - in Streitwagen mit vier Pferden davor. Letzteres ist ein entscheidender Hinweis auf den großen Bedarf des Volks an Sklaven.

Eines jedenfalls ist gewiss: Sie waren Meister der Wasserwirtschaft. Mehr als 600 Kanäle legten sie von unterirdischen Wasserreservoirs aus in die Wüste hinein. Diese fragilen Lebensadern konnten über 100.000 Wartungsschäfte, die teilweise bis zu 40 Meter in die Tiefe gingen, kontrolliert und bei Bedarf repariert werden. Insgesamt erstreckte sich das "Foggara"-Kanalsystem über mehrere tausend Kilometer.

Ein Werk aus 77.000 Mannjahren Arbeit

Mattingly und seine Kollegen haben ausgerechnet, dass allein die Konstruktion der Kanäle 77.000 Mannjahre Arbeit gekostet haben muss - wobei ein Mannjahr die Arbeit ist, die ein einzelner Mann in einem Jahr schaffen kann. Doch mit dem Graben allein war es noch lange nicht getan: Das System musste unterhalten und gewartet werden. Der Bedarf an Arbeitskräften - also Sklaven - war immens.

Mit dem Wasser bauten die Garamanten in der Wüste Mittelmeerpflanzen wie Weizen, Gerste, Feigen und Trauben an. Aber auch Pflanzen aus Subsahara-Afrika wie Hirse standen auf ihrem Speiseplan. Sogar Baumwolle bauten sie an, die besonders viel Wasser verbraucht.

Im südlibyschen Wadi al-Haja stehen heute noch die Ruinen ihrer einstigen Hauptstadt: Garama. Hier errichteten die Garamanten bereits vor 2500 Jahren die ersten Häuser aus Stein. Das Leben aber tobte in der Blütezeit zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert. Prunkstück Garamas war ein großer Tempel mit einer breiten Steintreppe und einer mächtigen Säulenfront - wahrscheinlich für den Wüstengott Ammon.

Dabei war Garama nicht einmal das erste urbane Zentrum der Garamanten. Bereits von 900 vor Christus an siedelten sie in Zinkekra. Pflanzenanalysen brachten Erstaunliches zutage: Schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung brachten die Garamanten die Wüste um Zinkekra zum Blühen. Sie kultivierten dort Weizen, Gerste, Trauben und Dattelpalmen - lange bevor ihnen ein Grieche oder Römer den Anbau hätte erklären können.

Damit ist aber das Wissen um die Garamanten auch schon erschöpft. "Es sind weltweit nur eine Handvoll Forscher, die sich je mit diesem Volk beschäftigt haben", bedauert Mattingly. "Aber das macht die Arbeit eben auch so spannend." Im Vergleich zur Archäologie in Europa gebe es noch sehr viel zu entdecken.

Eine der spannendsten Fragen ist, wie die Garamanten die Handelsverbindungen vom Mittelmeer in die Zonen der Subsahara durch einen endlos scheinenden Glutofen hindurch organisierten. "Das Ausmaß diesen Handels war jedenfalls größer, als wir alle je vermutet hätten", sagt Mattingly.

Und wo sind sie hin, diese genialen Händler und Wasseringenieure? Was passierte um 500 nach Christus, das sie veranlasste, ihre Wüstenpaläste aufzugeben?

"Das Wasser war alle", sagt Mattingly schlicht. Der Reichtum der Garamanten basierte auf Grundwasser, vor Jahrmillionen eingelagert in unterirdischen Reservoirs. Diese zapften sie an - und pumpten sie leer. Da in der Sahara aber kein Regen die unterirdischen Becken wieder auffüllt, waren die Vorkommen irgendwann erschöpft.

Nun wartet Mattingly darauf, wieder in die Wüste zurückkehren zu können. Das Gaddafi-Regime hatte keinerlei Interesse an den Garamanten, und folglich wurde die Forschung nie gefördert. "Aber unsere libyschen Kollegen, die in der Altertumsbehörde arbeiten, wissen natürlich davon und brennen nun darauf, diese Arbeit endlich vorantreiben zu können." Dem Briten geht es vor allem auch darum, den Libyern ein Stück ihrer eigenen Geschichte - und damit ihrer Identität - wiedergeben zu können: "Libyen ist archäologisch betrachtet eines der reichsten Länder der Erde."

Wann genau seine nächste Reise in die Wüste ansteht, weiß er noch nicht: "Die Libyer müssen sich jetzt erst einmal um sich selber kümmern." Aber bald wird es sein, dessen ist er sich sicher.

Denn die Wüste lässt ihn nicht los. Mattingly lacht: "Jedes Jahr in der Wüste lässt mich zwar um zwei Jahre altern. Aber ich liebe sie." Dabei könnte der Archäologe auch gut ohne großartige Funde, ohne Städte und Paläste und Tempel leben. "Es sind meist die kleinen Funde, die mich so packen, dass mir die Haare im Nacken zu Berge stehen. So wie einmal, als ich einen verputzten Fußboden freigelegt hatte. Ich war gerade fertig, da kam ein Windstoß und wehte wieder Sand darüber. Die feinen Körner sammelten sich in einer Fußspur, die der Sand jetzt erst sichtbar machte. Es war der Fußabdruck eines Kleinkindes, das vor Hunderten von Jahren über diesen Boden gestapft war... So etwas macht nur die Wüste!"



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kuppelbauer 28.11.2011
1. Englisch - Deutsch
"Mattingly und seine Kollegen haben ausgerechnet, dass allein die Konstruktion der Kanäle 77.000 Mannjahre Arbeit gekostet haben muss..." man nicht verlangen, dass unserer Sprache ein bisschen mehr Respekt gezollt wird? Nicht alles, was auf Englisch so ähnlich aussieht, hat auch ähnliche Bedeutung: "Construction" heißt tatsächlich "Bau", während unsere "Konstruktion" eher etwas mit Planung, Berechnung zu tun hat. Das sollte ein SPON-Redakteur aber selber wissen!
ericsatie 28.11.2011
2. Geschichtsstunde
Zitat von sysopGaddafi ist weg, jetzt können die Archäologen richtig loslegen. Der Despot zeigte kaum Interesse*an der alten Kultur der Garamanten, obwohl das mysteriöse Wüstenvolk*über Jahrhunderte den*Raum zwischen Zentralafrika und dem Mittelmeer beherrschte - und sogar den Römern die Stirn bot. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,799016,00.html
Eine gute Gelegenheit aus der Vergangenheit zu lernen. Da sich die Wüsten immer weiter ausbreiten wäre es interessant zu wissen, wie die Leute damals das Land urbar gemacht haben.
Mardor 28.11.2011
3. "Wartungsschäfte"?!?
Zitat von Kuppelbauer"Mattingly und seine Kollegen haben ausgerechnet, dass allein die Konstruktion der Kanäle 77.000 Mannjahre Arbeit gekostet haben muss..." man nicht verlangen, dass unserer Sprache ein bisschen mehr Respekt gezollt wird? Nicht alles, was auf Englisch so ähnlich aussieht, hat auch ähnliche Bedeutung: "Construction" heißt tatsächlich "Bau", während unsere "Konstruktion" eher etwas mit Planung, Berechnung zu tun hat. Das sollte ein SPON-Redakteur aber selber wissen!
Zustimmung. Und "shaft" mit "Schaft" zu übersetzen, wenn offensichtlich "Schacht" gemeint ist, zeugt von ähnlicher Schlamperei...
Ben Major 28.11.2011
4. Falsch
Zitat von ericsatieEine gute Gelegenheit aus der Vergangenheit zu lernen. Da sich die Wüsten immer weiter ausbreiten wäre es interessant zu wissen, wie die Leute damals das Land urbar gemacht haben.
Die Wüsten breiten sich nicht aus, sie werden kleiner, beziehungsweise grüner. http://www.vistaverde.de/news/Wissenschaft/0209/18_afrikawueste.htm
yogibimbi 28.11.2011
5. wer im Glashaus sitzt...
Zitat von Kuppelbauer"Mattingly und seine Kollegen haben ausgerechnet, dass allein die Konstruktion der Kanäle 77.000 Mannjahre Arbeit gekostet haben muss..." man nicht verlangen, dass unserer Sprache ein bisschen mehr Respekt gezollt wird? Nicht alles, was auf Englisch so ähnlich aussieht, hat auch ähnliche Bedeutung: "Construction" heißt tatsächlich "Bau", während unsere "Konstruktion" eher etwas mit Planung, Berechnung zu tun hat. Das sollte ein SPON-Redakteur aber selber wissen!
"unsere Sprache" ist ein lebendiges Ding, dass gerade durch Eingliederung neuer Ausdrücke am Leben erhalten wird. Ausserdem ist Ihnen beim copy & paste (oh Schreck, das ist ja Englisch!) das Subjekt und Hilfsverb abhanden gekommen das da irgendwann mal (möchte ich zu Ihren Gunsten annehmen) Ihren Satz geschmückt hat. Wenn Sie schon solche Kritik aussprechen, machen Sie es Ihren Kritikern doch bitte nicht so einfach!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.