Antike Handelsmacht: Heimlicher Herrscher auf der Seidenstraße

Von Mayke Wagner, Patrick Wertmann, Pavel Tarasov und Desmond Durkin-Meisterernst

Kaum einer kennt sie, dabei waren sie einst die erfolgreichsten Händler und Diplomaten entlang der Seidenstraße: die Sogder. Ihr Handelsimperium reichte von der Krim bis nach Korea. Das Magazin "epoc" über das Streben des ostiranischen Volkes nach Macht - das ihnen aber auch zum Verhängnis wurde.

Die glasierte Figur eines Kamels mit prallen Packtaschen stand sinnbildlich für den blühenden Fernhandel während der chinesischen Tang-Zeit (618 - 907) Zur Großansicht
Patrick Wertmann

Die glasierte Figur eines Kamels mit prallen Packtaschen stand sinnbildlich für den blühenden Fernhandel während der chinesischen Tang-Zeit (618 - 907)

China boomt: Im November 2010 kürte das amerikanische Magazin "Forbes" den chinesischen Staats- und Parteichef Hu Jintao zum mächtigsten Mann unseres Planeten - eine Auszeichnung, die bislang dem jeweiligen Präsidenten der USA vorbehalten war. Darüber hinaus sieht man allenthalben Produkte mit dem Label " Made in China". Chinesische Wissenschaftler unterrichten und forschen an den führenden Universitäten Deutschlands und der ganzen Welt. Das riesige Land in Ostasien ist zum Inbegriff eines Global Player geworden. Freilich ist es nicht das erste Mal in seiner Geschichte, dass sich das "Reich der Mitte " zu einer führenden Weltmacht aufschwingt. Und so werden die Entwicklungen der Gegenwart gerne mit der Epoche der Tang-Dynastie (618 - 907) verglichen, während der das alte China sein goldenes Zeitalter erlebte.

Damals prosperierte der chinesische Staat unter anderem durch seine Weltoffenheit - und damit auch durch den Fernhandel auf den Karawanenrouten Zentralasiens. Doch selbst historisch Interessierte wissen heute kaum, dass die Quelle des Reichtums Chinas während der Tang-Dynastie, nämlich der transkontinentale Handel mit Luxusgütern, zu einem Gutteil von einem heute fast vergessenen Volk organisiert wurde: den Sogdern. Das ostiranische Volk hat zwar nie eine politische Einheit gezimmert, geschweige denn ein Reich errichtet, doch vom 6. bis ins 8. Jahrhundert beherrschte es das größte Handelsimperium Asiens. Die Anfänge dieser Erfolgsgeschichte reichen weit in die Geschichte zurück - und in eine Region, die dem Volk fast alles bot.

Sogdiens Bewohner lernten schon früh die Kunst der Münzprägung

Zwischen den beiden großen Flüssen Zentralasiens, dem Syr Darya und dem Amu Darya, liegen die alten Städte Buchara und Samarkand im Tal des Serafschan, das heute teils zu Usbekistan und teils zu Tadschikistan gehört. Seine Bewohner wurden erstmals in Inschriften der persischen Achämeniden im 6. Jahrhundert v. Chr. Sogder genannt, ihr Land bekam den Namen Sugda (Sogdien). Griechische Schriftsteller vermittelten "Sogdiana" die griechische Form dieser Bezeichnung weiter.

Sogdien gehörte bis zur Eroberung durch Alexander den Großen 329 v. Chr. als Provinz zum Reich der Achämeniden. Von diesen übernahmen die Sogder die aramäische Schrift, aus der sie später, in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr., eine eigene Schrift entwickelten. Von den Griechen wiederum lernten sie zwar schon früh die Kunst der Münzprägung, doch ihr "Kleingeld" blieb eine Binnenwährung Sogdiens. Für den außerordentlich bedeutenden Fernhandel - Grundlage des sogdischen Wohlstands - wurden ab zirka 500 n. Chr. assanidische Silbermünzen verwendet.

Zum Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. verfügten die Sogder schließlich über eine hoch entwickelte Zivilisation mit großen befestigten Städten, wie das von den Griechen Marakanda genannte heutige Samarkand. Familien reicher Handelsherren und Adliger mit großen Landgütern bildeten die Oberschicht. Die Stadtstaaten der Sogder - ein einheitliches politisches Imperium gab es nicht - gehörten zu dem von den Nachfolgern Alexanders gegründeten Königreich Baktrien und wurden wie dieses um 145 v. Chr. von Nomadenstämmen aus dem Nordosten, teilweise Vorläufern der Hunnen, überrannt, aber nicht ausgelöscht.

Das Kaiserreich der Han hatte eine enorme wirtschaftliche Leistungskraft

Unter der Bedrohung durch kriegerische Reitervölker litt damals auch das chinesische Kaiserreich der Han (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.). Dieses hatte jedoch die Mittel, sich effektiv zu wehren. Eine enorme wirtschaftliche Leistungskraft, verwaltet durch einen starken zentralisierten Beamtenapparat, erlaubte dem Kaiserhof einerseits, die Nomaden mit großzügigen Geschenken und militärischer Abschreckung auf Distanz zu halten. Andererseits konnte China ab dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. große Expeditionen ausrüsten, die nach Zentralasien zogen, um Verbündete gegen die so genannten Nordvölker zu finden - und zugleich neue Wirtschaftsräume zu erschließen sowie Handelskontakte anzubahnen. Dabei erfuhr China nebenbei mehr über die Welt jenseits seiner Grenzen: Berichte über Baktrien (Nordafghanistan) und das Reich der Parther (Iran) erreichten den Kaiserhof in Chang'an (heute: Xi'an) bereits um 125 v. Chr., als eine erste Gesandtschaft zurückkehrte.

Gold- und Silbergeschirr aus diesen Ländern bezahlte der Kaiser fortan ebenso wie die begehrten Pferde aus dem Fergana-Tal am Oberlauf des Syr Darya mit Seide. Genau so entlohnte er auch seine Beamten und Offiziere in den Außenposten, welche die kostbare Faser auf den Märkten in Umlauf brachten. Auf diese und ähnliche Art und Weise speiste China - insbesondere zwischen 91 und 123 n. Chr. - große Mengen Seide in das zentralasiatische Handelsnetz ein. Von dort fand das Luxusgut über Baktrien, Indien und Parthien seinen Weg bis ins ferne Rom der Cäsaren. Sogdien war dabei allerdings zunächst kein Hauptumschlagplatz. Damals führten lediglich einige der Handelswege durch sogdisches Gebiet. Seine Einwohner fielen den Chronisten auf: Die bärtigen Händler mit ihren tief liegenden Augen werden in chinesischen Quellen als besonders geschäftstüchtig beschrieben. Als Mitreisende in diplomatischen Missionen an den chinesischen Kaiserhof sondierten sie Routen und knüpften Kontakte.

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epoc
Das Magazin für Archäologie und Geschichte
Heft 1/2011

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Auf einen Blick
Die Herren der Seidenstraße

1 Die ostiranischen Sogder waren ein überaus geschäftstüchtiges, weltgewandtes und diplomatisches Volk, dem es durch viel Geschick gelang den Fernhandel auf den Karawanenrouten Zentralasiens zu kontrollieren.

2 Obwohl sie nie eine politische Einheit gebildet hatten, beherrschten die Sogder zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. das größte Handelsimperium Asiens. Es erstreckt sich von der Krim bis nach Korea.

3 Nach diesem über zwei Jahrhunderte anhaltenden Höhenflug versanken die Herren der Seidenstraße in der Vergessenheit. Am Anfang ihres Niedergangs stand allzu großer Machthunger.

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DER SPIEGEL


Zitat

"Ich wäre lieber die Frau eines Hundes oder eines Schweins als deine!"

Schlusssatz eines Briefs, den eine in China zurückgelassene Sogderin ihrem Mann schrieb

Zu den Autoren
Mayke Wagner (Deutsches Archäologisches Institut, DAI), Patrick Wertmann (Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung), Pavel Tarasov (FU Berlin) und Desmond Durkin-Meisterernst (Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) arbeiten an einem Forschungsprojekt der Außenstelle Peking des DAI zum Thema "Kommunikation in Ostzentralasien während des 1. Jahrtausends: Akteure - Beweggründe - Naturraum".