Antike Verwünschung: 1700 Jahre alter Fluch ausgegraben

Jemand hatte seinen Mantel gestohlen - und so verfluchte Servandus den Übeltäter. Vor rund 1700 Jahren hat der Römer seine Verwünschung in eine Bleiplatte geritzt. Jetzt wurde sie in England gefunden. Das Stück Metall verrät Archäologen mehr als nur die Namen der Verdächtigten.

Wer auch immer Servandus seinen Mantel geklaut hatte, sollte verwünscht, ja ermordet werden. Der Diebstahl brachte den Römer vermutlich so in Rage, dass er seinen Fluch in eine Bleiplatte geritzt hat – die nun, rund 1700 Jahre später, in der englischen Stadt Leicester ausgegraben wurde.

"Dem Gott Magulus übergebe ich den Übeltäter, der den Mantel von Servandus gestohlen hat. Silvester, Riomandus […] dass er ihn vor dem neunten Tag zerstöre, die Person, die den Mantel von Servandus gestohlen hat." So lautet die bruchstückhafte Übersetzung der in Latein verfassten Inschrift einem Experten der University of Oxford zufolge. Unter der Fluchformel sind die Namen von 18 oder 19 Verdächtigen aufgelistet.

Aus der Inschrift der gut erhaltenen Fluchtafel lesen Wissenschaftler nicht nur den Fluch, aus der Namensliste nicht nur die beschuldigten Stadtbewohner: Das handgeschriebene Latein spiegele die Umgangssprache wider, sagte der an der Ausgrabung beteiligte Archäologe Richard Buckley.

Die Namensliste zeige außerdem die kulturellen Verhältnisse in der Stadt, die die Römer im Jahr 50 nach Christus als Militärsiedlung gegründet hatten: Zu Lebzeiten des fluchenden Servandus, im zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus, gab es in Leicester Bewohner mit rein römischen Namen (etwa Silvester und Germanus), aber auch mit keltischen Namen (Riomandus und Cunovendus) sowie römischen Namen, die in keltisch sprechenden Regionen vorkamen (Regalis). Magulus, der Titel des angeflehten Gotts, ist nach Angaben der Forscher eine keltische Bezeichnung für Prinz.

Vor allem die einfache Bevölkerung fluchte viel

Bislang waren den Forschern zufolge nur wenige Namen aus Zeiten des römischen Leicester bekannt: "Wir haben den Soldaten Marcus Ulpius Novantico von einem Entlassungsschein aus dem Jahr 106 nach Christus, Verecunda und Lucius von einer Abbildung auf einem Tonstück und Primus, der seinen Namen auf eine selbst hergestellte Kachel geschrieben hat", sagte Buckley.

Allerdings ist der Leicester-Fluch ist nicht der erste, den Archäologen gefunden haben. Laut Buckley sind Fluchtafeln von vielen römischen Tempelanlagen in Großbritannien bekannt: dünne rechteckige Blätter aus dem weichen Schwermetall Blei, auf die der Fluch geschrieben wurde, um dann aufgerollt und wahrscheinlich an die Wand eines Tempels oder eines Schreins genagelt zu werden. Der Leicester-Fluch sei allerdings nicht aufgerollt worden, sagte Buckley.

Die meisten bisher entdeckten Flüche wurden wegen Diebstahls aufgeschrieben; typischerweise wurde ein Gott gebeten, dem Langfinger zu schaden. Aus den in den Flüchen üblichen Namensformen und dem Wert der gestohlenen Gegenstände schließen die Forscher, dass die Flüche eher von der einfachen Bevölkerung stammen als von wohlhabenden Bürgern. Die Forscher der University of Leicester vermuten zudem, dass es sogar professionelle Fluchschreiber gegeben hat – für die Fluchenden, die nicht schreiben konnten.

Ob die Flüche wirkungsvoll waren, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Laut Archäologe Buckley ist unbekannt, welches Schicksal die fast 20 Verdächtigen des Leicester-Fluchs ereilt hat.

fba

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Fluchtafel: "Dem Gott Magulus übergebe ich den Übeltäter"