Antikes Abwassersystem Was Blei über das alte Rom verrät

Rom hat Jahrtausende Geschichte erlebt. Archäologische Funde und Schriften geben Einblicke in die Vergangenheit der Stadt. Und sogar Bleiablagerungen im Hafenbecken zeigen, wie sich Blütezeiten und Krisen ablösten.

Die Cloaca Maxima war einer der wichtigen Abwasserkanäle des alten Roms
DPA/ Elisabetta Bianchi

Die Cloaca Maxima war einer der wichtigen Abwasserkanäle des alten Roms


Anhand der Sedimente im antiken Hafen von Rom haben Forscher die Geschichte der Stadt vor etwa 2000 Jahren rekonstruiert. Bleiablagerungen im damaligen Hafenbecken von Ostia zeigen, dass das System von Wasserleitungen aus Blei, für das es eindeutige archäologische Belege erst kurz vor Christi Geburt gibt, schon im 2. vorchristlichen Jahrhundert entstanden sein könnte.

Die Blütezeiten der Stadt sowie politische Wirren spiegeln sich demnach in den wechselnden Konzentrationen des Schwermetalls wider. Das berichtet das Team um Hugo Delile vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Lyon im Fachblatt "PNAS".

In Ostia an der Tibermündung wurde den Autoren zufolge im 4. oder frühen 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung das erste stadtnahe Hafenbecken Roms angelegt. Dort trieb das Team einen Bohrer zwölf Meter tief in die Sedimente, der Bohrkern entspricht etwa den Ablagerungen aus einem Jahrtausend. Die Forscher analysierten ihn auf verschiedene Isotope von Blei. Die Zusammensetzung der Isotope lässt Rückschlüsse zu, ob das Metall natürlichen Ursprungs ist oder ob es etwa von der Iberischen Halbinsel oder auch aus Gebieten des heutigen Deutschlands importiert und verarbeitet wurde - insbesondere zu Wasserleitungen. Aus den Leitungen gelöstes Blei schwemmte unweigerlich durch das Abwassersystem in den Tiber.

Die ersten Rohre waren aus Ton, Holz oder Mauerwerk

Die untere Hälfte des Bohrkerns, die die Zeit bis ins 2. Jahrhundert vor Christus abdeckt, enthielt demnach nur natürliches Blei aus der Region in vergleichsweise geringer Konzentration. Daraus schließt das Team, dass zur Zeit der ersten Aquädukte - die Aqua Appia wurde gegen Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts errichtet - das Wasser noch durch Leitungen aus Mauerwerk, Ton oder Holz geführt wurde. Bleirohre, sogenannte Fistulae, waren damals noch nicht üblich.

"Dieses minimalistische System war weit entfernt von dem des Römischen Imperiums, das Hunderte Bäder und private Wohnhäuser durch ein komplexes Netzwerk von Fistulae versorgte", schreiben die Autoren. Erst im 2. Jahrhundert vor Christus steigt die Konzentration von verarbeitetem Blei im Bohrkern. Das deute auf ein sich entweder ausdehnendes oder verdichtendes Netz von Bleirohren hin und zeige die zunehmende Urbanisierung, schreibt das Team. Dazu passe die Inbetriebnahme weiterer Aquädukte wie der Aqua Marcia und Aqua Tepula zwischen den Jahren 144 und 125 v. Chr.

"Ein Jahrhundert wilder Unruhen"

Allerdings hielt der Aufschwung nicht lange an. Ein plötzlicher Abfall der Bleikonzentrationen im ersten Jahrhundert vor Christus spiegelt demnach die Römischen Bürgerkriege wider, die das Ende der Republik und den Beginn der Kaiserzeit markieren. "Nach Aqua Tepula verhinderte ein Jahrhundert wilder Unruhen und offener Bürgerkriege den Bau und die Wartung von Aquädukten", schreibt das Team.

Aus später steigenden Bleiwerten folgern die Forscher, dass das Netz aus Aquädukten und Fistulae ab Ende des 1. vorchristlichen Jahrhunderts - also schon während der Kaiserzeit - saniert und in Maß ausgebaut wurde. Verantwortlich dafür war wohl vor allem Agrippa, der Schwiegersohn des ersten Kaisers Augustus. Schätzungen zufolge hatte Rom damals eine Million Einwohner.

Ab Mitte des 3. Jahrhunderts fallen die Bleiwerte deutlich ab - es war eine Zeit politischer Instabilität. "Tatsächlich wurden nach der Mitte des 3. Jahrhunderts keine Aquädukte mehr gebaut und die Wartung lief nur noch in kleinem Rahmen", schreiben sie. "Diese Phase sinkender Blei-Belastung geht einher mit einem anscheinenden Rückgang des Blei- und Silberbergbaus und der allgemeinen Wirtschaftsaktivität im Römischen Reich."

Die Studie sei seriös, sagt Norbert Hanel von der Universität Köln, der nicht an der Arbeit beteiligt war. "Die Schlussfolgerungen der Autoren sind plausibel", sagt der Archäologe. "Das heißt aber nicht, dass das alles so zusammenhängt." Letztlich hätten die Autoren die Interpretation ihrer Analysen mit dazu passenden literarisch überlieferten und archäologischen Daten abgeglichen. Das Steigen der Bleiwerte ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert überrascht den Experten nicht: Damals habe Rom begonnen, Blei insbesondere von der Iberischen Halbinsel zu importieren.

Vor einem Jahr hatte ein Team um Delile bereits aus den Bleiwerten in der Bucht von Neapel den Wiederaufbau der Region nach dem Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 rekonstruiert.

Walter Willems, dpa/wbr

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