Antikes Griechenland Ein Menschenopfer für Zeus

Die Geschichten von brutalen Menschenopfern im alten Griechenland galten als Mär. Nun aber haben Archäologen unweit von Olympia ein menschliches Skelett gefunden - in der Mitte eines Altars.

David Gilman Romano

Antike Autoren waren sich einig: In grauer Vorzeit geschahen schreckliche Dinge im griechischen Lykaion-Gebirge. Ein Mensch wurde dem Göttervater Zeus geopfert. Verantwortlich für das blutige Ritual war Lycaon, der Sohn des Pelasgus. "Ich für meinen Teil glaube fest daran, dass diese Geschichte wahr ist", beteuert der Reiseschriftsteller Pausanias im 2. Jahrhundert nach Christus.

In diesem Sommer hat ein griechisch-amerikanisches Archäologenteam eine beklemmende Entdeckung gemacht: Möglicherweise basieren die alten Legenden tatsächlich auf einem wahren Kern.

Die Geschichte von Lycaons Menschenopfer geht so: In mythischer Vorzeit, als die Götter sich noch den Menschen zeigten, will er Zeus auf die Probe stellen. Lycaon schlachtet statt des üblichen Schafs oder der gewöhnlichen Ziege einen jungen Mann und bereitet ihn als Opfer für den Gott zu: "Und so kocht er zum Teil in siedendem Wasser die Glieder, halb lebendig, zum Teil auch briet er sie über dem Feuer", beschreibt der römische Dichter Ovid die grausame Tat.

Sich mit Zeus anzulegen, ist jedoch nie eine gute Idee. Wutentbrannt verwandelt der Gott den Frevler Lycaon in einen Wolf: "Rauh in Haare verkehrt sich das Kleid, in Beine die Arme." Trotzdem, so munkelte man, wurden weiterhin im Lykaion-Gebirge Menschen geopfert.

Zum Wolfsein verdammt

Der griechische Philosoph Platon berichtete im 4. Jahrhundert vor Christus, dem sonst aus Schafen und Ziegen bestehenden Opfermahl des Zeus sei immer noch jeweils ein Stück Menschenfleisch beigemengt. Wer es isst, wird zum Wolf. Schafft der Unglückliche es, in seiner Raubtiergestalt neun Jahre lang kein weiteres Menschenfleisch zu konsumieren, so ist er erlöst. Tötet er jedoch einen weiteren Menschen, ist er für immer zum Wolfsein verdammt.

Bislang maßen die Archäologen im Gegensatz zu Pausanias der alten Legende keine große Bedeutung bei. Das änderte sich jedoch schlagartig, als sie nun auf ein menschliches Skelett stießen. "Es lag ungefähr in der Mitte des großen Altars, der einen Durchmesser von rund 30 Metern hat", berichtet Grabungsleiter David Gilman Romano von der University of Arizona.

Teil des Schädels fehlt

Der Altar ist ein 1,5 Meter tiefes Rund aus der Asche und den Knochen Tausender Opfertiere, die hier dem Zeus geopfert wurden. Die menschlichen Überreste lagen in einem sorgfältig ausgehobenen Grab, ausgerichtet von Ost nach West und eingefasst mit Feldsteinen.

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Quer über das Becken hatte man zusätzlich große Steinblöcke gelegt. Und es ist möglicherweise nicht einmal das einzige Grab. "Wir haben erst sieben Prozent der Oberfläche des Altars archäologisch untersucht", sagt Romano. Ob in tieferen Schichten noch weitere Menschen liegen, wird sich zeigen.

Wem die Knochen gehörten und woran der an diesem ungewöhnlichen Ort Bestattete starb, soll jetzt so schnell wie möglich geklärt werden. "Unser Anthropologe hat angedeutet, dass es sich um einen männlichen Jugendlichen handeln könnte", verrät Romano. "Aber mit Sicherheit können wir das erst wissen, wenn die Knochen gereinigt und eingehend untersucht sind." Auch die Todesursache ist noch ungewiss. Aber: Dem Toten fehlt der obere Teil des Schädels.

Schauplatz finsterer Rituale

"In der näheren Umgebung des Grabs lagen recht viele Keramikscherben", berichtet Kodirektorin Mary Voyatzis weiter. "Sie stammen von einer Reihe unterschiedlicher Gefäße der späten Bronzezeit, die wahrscheinlich für Trankopfer genutzt wurden." Das frühe 11. Jahrhundert vor Christus war eine bewegte Zeit: Die mykenischen Paläste waren kollabiert und Griechenland befand sich auf der Schwelle von der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit.

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Zu dieser Zeit war der Gipfel des Lykaion-Gebirges allerdings schon lange ein Ort, den Menschen immer wieder aufsuchten. Sie kamen bereits seit der Späten Jungsteinzeit - lange bevor Zeus überhaupt auf den Plan trat. Der taucht zum ersten mal in Inschriften auf, die im 13. oder 14. Jahrhundert vor Christus in Linear B verfasst wurden, dem Schriftsystem der Mykenischen Kultur. Die frühesten Keramikscherben aber sind noch einmal über 1500 Jahre älter.

Boxkämpfe am Heiligtum

Doch das Heiligtum war nicht nur der Schauplatz finsterer Rituale. Alle vier Jahre trafen sich im Lykaion Sportler aus ganz Griechenland zu Sportwettkämpfen, die zu Ehren des Zeus abgehalten wurden. Besonders beeindruckend ist die 260 Meter lange und 102 Meter breite Pferderennbahn - die einzige erhaltene der griechischen Antike. Auch Laufwettbewerbe, Box- und Ringkämpfe sowie der Fünfkampf, bestehend aus Weitsprung, Speer- und Diskurswurf, Wettlauf und Ringkampf, fanden hier statt.

"Das Zeusheiligtum von Olympia liegt in der Luftlinie nur rund 35 Kilometer entfernt", erzählt Romano. An beiden Stätten trafen sich die Sportler zu großen überregionalen Sportwettkämpfen und in beiden Heiligtümern opferten die Menschen dem Zeus auf riesigen Asche-Altären.

"Unsere Ausgrabung hat gezeigt, dass Zeus im Lykaion bereits zu Beginn der mykenischen Zeit, im 16. Jahrhundert vor Christus, verehrt wurde - in Olympia dagegen kennt man ihn nicht vor dem 11. Jahrhundert", stellt Romano fest. "Wenn wir also mit unserer Datierung des Skelettes in das 11. Jahrhundert richtig liegen, dann könnte das Zeusheiligtum von Olympia kurz nach diesem Begräbnis eingerichtet worden sein", spekuliert Voyatzis.

Zeus brauchte damals offenbar besonders viel Aufmerksamkeit - zunächst das außergewöhnliche Opfer, und als das nicht ausreichte, ein weiteres Heiligtum.

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insgesamt 13 Beiträge
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Spr. 14.10.2016
1. Kein Beweis!
Auch ein Skelett in der Mitte eines Altars ist kein Beweis für Menschenopfer! Das kann viele andere Gründe haben, z.B. könnte dort ein Hohepriester vergraben sein, der nicht geopfert, sondern ganz normal verstorben ist, aber sehr verehrt wurde. Das so oft Menschenopfer unterstellt werden, halte ich für pure Fantasie der meist männlichen Forscher. Wie bei Videospielen bewegt sich deren Fantasie hauptsächlich in den Kategorien Kämpfen, Überfallen, Erobern, Kriege führen, Menschen umbringen. Friedliche Möglichkeiten wie andere Bestattungsgewohnheiten, z.B. unter Tempeln, kommen einigen Forschern offenbar erst gar nicht in den Sinn. Alles wird gleich als Beleg für irgendein Gemetzel angesehen.
Grünenberg Berlin 14.10.2016
2. René Girard hatte also doch recht
Der französische Literaturwissenschaftler und Anthropologe (Das Heilige und die Gewalt; Ausstoßung und Verfolgung) hatte darauf bestanden, dass alle Mythen und Legenden einen wahren Kern beinhalten, und in diesem befindet sich immer ein Menschenopfer. Die Mythen dienten nur dazu, eine Lüge zu erzählen, um das Opfer im Nachhinein zu rechtfertigen oder ganz zu verschleiern. So hatte Girard auch die griechischen Mythen analysiert und klare Spuren von Menschenopfern gefunden. Viele Altphilologen und Archäologen (vor allem Deutsche) haben jahrzehntelang bestritten, dass es Menschenopfer in der griechischen Kulturgeschichte gab, obwohl es in vielen Städten jahrhundertelang die Institution des pharmakon gab, eines verurteilten Verbrechers oder zufällig ausgewählten Menschen der unteren Schichten, der in der Regel ein Jahr lang von der Kommune großzügig verkostet wurde, nur um dann kollektiv geopfert zu werden, damit die Götter besänftigt, Unheil abgewehrt und die Ordnung wiederhergestellt werden.
Hermann1090 14.10.2016
3. @1
Das "Opfer"(ob Tier oder Mensch) hat nichts mit "männlichem Bedürfnis nach Gewalt und Gemetzel" zu tun - versetzen sie sich doch mal in die Köpfe der Menschen die vor 2-3 tausend Jahren auf dieser Welt gelebt haben. Der Tod lauerte überall und gehörte zum Leben dazu: hohe Kindersterblichkeit, moderne Medizin - was ist das? Durchschnittliche Lebenserwartung +/- 30 Jahre, Überfälle nomadischer Völker etc. pp Wenn alle Stricke reißen und man nicht weiter weiß gibt man das wertvollste was man hat um die "götter zu besänftigen" - ein menschliches Leben. Aber Ignoranz ist ja sooooo einfach, da muss man nicht innehalten und überlegen
Tiananmen 14.10.2016
4.
Zitat von Grünenberg BerlinDer französische Literaturwissenschaftler und Anthropologe (Das Heilige und die Gewalt; Ausstoßung und Verfolgung) hatte darauf bestanden, dass alle Mythen und Legenden einen wahren Kern beinhalten, und in diesem befindet sich immer ein Menschenopfer. Die Mythen dienten nur dazu, eine Lüge zu erzählen, um das Opfer im Nachhinein zu rechtfertigen oder ganz zu verschleiern. So hatte Girard auch die griechischen Mythen analysiert und klare Spuren von Menschenopfern gefunden. Viele Altphilologen und Archäologen (vor allem Deutsche) haben jahrzehntelang bestritten, dass es Menschenopfer in der griechischen Kulturgeschichte gab, obwohl es in vielen Städten jahrhundertelang die Institution des pharmakon gab, eines verurteilten Verbrechers oder zufällig ausgewählten Menschen der unteren Schichten, der in der Regel ein Jahr lang von der Kommune großzügig verkostet wurde, nur um dann kollektiv geopfert zu werden, damit die Götter besänftigt, Unheil abgewehrt und die Ordnung wiederhergestellt werden.
Dass alle Mythen einen "wahren Kern" haben ist sicher nicht richtig, sondern eher ausgemachter Unsinn. Dafür gibt es UNZÄHLIGE Beispiele. So gibt es bei uns in der Nähe die Höhle einer weisen Frau, die aus Unmut über ihre Söhne ihren Wagen mit den fliegenden Katzen anspannte und durch die Luft davonfuhr. Als sie nicht aufpasste, berührte das Gefährt die Felder. Diese Spur (Sibyllenspur) ist heute noch sichtbar. Natürlich haben sich in Mythen ggf. alte menschliche Erfahrungen erhalten, häufig in phantastischer Überhöhung und Entstellung. Dies alles als "Lügen" zu bezeichnen, kann nur als Ausdruck von Unkenntnis oder ideologischer Verbohrtheit verstanden werden. Dass hinter allen Mythen Menschenopfer stehen ist sogar noch die groteske Steigerung dieser unsinnigen Behauptung.
Tiananmen 14.10.2016
5.
Zitat von Spr.Auch ein Skelett in der Mitte eines Altars ist kein Beweis für Menschenopfer! Das kann viele andere Gründe haben, z.B. könnte dort ein Hohepriester vergraben sein, der nicht geopfert, sondern ganz normal verstorben ist, aber sehr verehrt wurde. Das so oft Menschenopfer unterstellt werden, halte ich für pure Fantasie der meist männlichen Forscher. Wie bei Videospielen bewegt sich deren Fantasie hauptsächlich in den Kategorien Kämpfen, Überfallen, Erobern, Kriege führen, Menschen umbringen. Friedliche Möglichkeiten wie andere Bestattungsgewohnheiten, z.B. unter Tempeln, kommen einigen Forschern offenbar erst gar nicht in den Sinn. Alles wird gleich als Beleg für irgendein Gemetzel angesehen.
Würde man der von Ihnen richtigerweise in Frage gestellten Argumentation folgen, dann würden unter den Böden unserer gotischen Kirchen hunderte, ja tausende Menschenopfer des Christentums begraben liegen. Was natürlich völliger Unsinn ist. Im Gegenteil haben es sich die Honoratioren jener Zeit etwas kosten lassen, dort, sozusagen zu Füßen ihres Gottes, vor dem Altar bestatten zu lassen. Ob man jedoch diese Sitte auf die Antike übertragen kann, ist mir nicht bekannt. Dass der Altar in einem angehäuften Rund aus Asche und Knochen von Opfertieren stand, die menschliche Bestattung jedoch im anatomischen Knochenzusammenhang angetroffen wurde, spricht kaum für die offenbar sonst übliche Entsorgung der Opfer.
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