Antikes Rezept: Römer kaschierten mit Nano-Paste ihre grauen Haare

Vor 2000 Jahren gab es nur ein Mittel gegen graue Haare: eine Paste aus Bleioxid und Löschkalk. In den silbrigen Fäden entstanden daraus Kristalle, die nur Millionstel Millimeter groß waren - und gesundheitsschädlich.

Graue Haare sind ein Graus. Nicht nur für Gerhard Schröder, sondern auch für die Griechen und Römer der Antike. Während man heutzutage beim Friseur und in Drogeriegeschäften zwischen unzähligen Haarfarben mit allerlei Pflege- und Glanzextras wählen kann, hatten die in der Antike Ergrauten nur ein Geheimrezept: eine einfache Paste aus Bleioxid und Löschkalk. Die sollte die silbrigen Fäden wieder in dunkle Haare verwandeln. Dabei nutzten die Griechen und Römer sogar Nanotechnologie, wie französische Wissenschaftler jetzt festgestellt haben.

Antike Nanokristalle: Eine Paste aus Bleioxid und Löschkalk war das Erfolgsrezept der Griechen und Römer, um graue Haare zu färben
CNRS

Antike Nanokristalle: Eine Paste aus Bleioxid und Löschkalk war das Erfolgsrezept der Griechen und Römer, um graue Haare zu färben

Mithilfe der Bleioxid-Löschkalk-Paste erzeugten die Menschen in der Antike in ihren Haaren winzige Kristalle aus dunklem Bleisulfid - Nanokristalle, wie sie heute für optoelektronische Bauteile benötigt werden. Da diese nur mit aufwändigen Verfahren hergestellt werden können, sind die haarigen Ergebnisse vielleicht auch für Nanotechnologen interessant.

Schwarze Kristalle sind wenige Millionstel Millimeter groß

Für ihre Studie probierten Forscher um Philippe Walter von der nationalen Forschungsorganisation CNRS in Paris das einstige Geheimrezept aus griechisch-römischer Zeit aus: Sie legten einige blonde Haare in Wasser ein und gaben zu gleichen Teilen Bleioxid und Kalziumhydroxid hinzu. Bereits nach kurzer Zeit begannen die hellen Haare, sich dunkler zu färben. Je länger sie der Mischung ausgesetzt waren, desto intensiver wurde die Farbe, berichten die Forscher in einer Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift "Nano Letters".

Wie dieser Haare färbende Effekt zustande kam, konnten die Chemiker und Haarexperten unter dem Mikroskop erkennen: In die Faserschicht der Haare hatten sich aus dem Schwefel, den Eiweißanteilen im Haar und dem zugesetzten Blei Bleisulfid-Kristalle gebildet - und die waren lediglich zwischen vier und 15 Millionstel Millimeter, also wenige Nanometer groß. Einige der Kristalle hatten an der Außenseite der Fasern größere Ablagerungen gebildet, während sich die kleineren ins Innere der Fasern eingelagert hatten.

Ein Längsschnitt durch ein Haar zeigte außerdem, dass die Bleisulfidkristalle in einer Reihe entlang der Achse des Haares ausgerichtet waren. Demnach bildet das antike Haarfärbemittel eine Art Ersatzfarbstoff für das natürliche Pigment Melanin im Inneren des Haares, schreiben die Forscher. Allerdings seien die Bleisulfidkristalle sehr viel kleiner als die Pigmentkörnchen, die normalerweise in die Faserschicht eingebaut sind.

Antikes Haarfärbemittel ist Vorbild für die Nanotechnologie

Was die Wissenschaftler indes bei ihren Nachahmer-Tests nicht feststellen konnten: Wie hat sich das Bleisulfid auf den Rest des Körpers ausgewirkt? Eigentlich ist dieses Metallsalz gesundheitsschädlich und gefährlich für die Umwelt.

Der antike Färbeprozess - seinerzeit angeblich ein erfolgreiches Rezept gegen graue Fäden - zeige nach Ansicht der Wissenschaftler, dass die winzigen Kristalle bereits vor mehr als 2000 Jahren mit ganz einfachen chemischen Mitteln erzeugt werden konnten. Das eröffne auch neue Möglichkeiten für die moderne Nanotechnologie. Immerhin sei das antike Haarfärbe-Rezept ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie vorhandene biologische Anordnungen die gezielte Produktion von Nanostrukturen steuern können.

Philippe Walters Team will deswegen bald testen, ob sich auch andere Metallsalze auf ähnliche Weise erzeugen lassen. Sollte das gelingen, könnten Haare oder ihnen nachempfundene künstliche Strukturen als effektive Bioreaktoren für verschiedene Nanomaterialien eingesetzt werden. In solchen Minifabriken wäre es dann sehr einfach, etwa die Teilchengröße der erzeugten Kristalle zu beeinflussen.

fba/ddp

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