Schüler im "Dritten Reich" Hass auf Juden, ein Leben lang

Die Hetze gegen Juden im "Dritten Reich" hat nachhaltigen Einfluss. Laut einer Studie zeigen Schulkinder von damals auch Jahrzehnte später noch antisemitische Einstellungen.

Deutsche Schulklasse, 1936: "Rechte Propaganda in jeder einzelnen Schulstunde zu finden"
Popperfoto/Getty Images

Deutsche Schulklasse, 1936: "Rechte Propaganda in jeder einzelnen Schulstunde zu finden"


Antisemitische Propaganda wirkt ein Leben lang: Deutsche Kinder, die zwischen 1933 und 1945 die Schule besuchten, sind judenfeindlicher eingestellt als diejenigen, die ihre schulische Prägung zuvor oder danach erlebten. Ihre antisemitische Haltung zeige sich auch viele Jahre nach Ende der Nazizeit, schreiben Wissenschaftler aus den USA und der Schweiz im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" .

Die Ergebnisse ihrer Studie belegten, dass sich die Einstellung von Menschen dann am effektivsten beeinflussen lässt, wenn diese jung sind. Zwischen 1933 und 1945 prasselte nationalsozialistische Propaganda nicht nur im familiären Umfeld oder durch Medien auf die Kinder ein, auch in der Schule waren sämtliche Lehrinhalte entsprechend angepasst, Artikel der Schülerzeitung "Hilf mit" galten als Pflichtlektüre.

"Haben die Juden zu viel Einfluss?"

Für ihre Analyse hat das Team um Hans-Joachim Voth von der Universität Zürich und Nico Voigtlänger von der Anderson School of Management in Los Angeles Ergebnisse der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ausgewertet. Die umfangreiche Befragung wird seit 1980 alle zwei Jahre durch das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt. Soziologen befragen einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu aktuellen sozialen Lagen, Werten und Verhaltensweisen.

Voth und Voigtlänger haben sich auf die Angaben aus den Jahren 1996 und 2006 konzentriert, damals wurden 5300 Menschen aus 264 deutschen Städten befragt. Schwerpunkt ihrer Analyse waren Fragen zur Einstellung gegenüber Juden, so wurden etwa folgende Fragen gestellt: "Haben Juden einen zu großen Einfluss in der Welt?" - "Stört es Sie, wenn ein Jude in Ihrer Nachbarschaft einzieht?" - "Was wäre, wenn Ihre Tochter einen Juden heiratet?" Die Ergebnisse wurden nach Alter, Geschlecht und Ort betrachtet.

Propaganda in jeder Schulstunde

"Der Level an Fremdenfeindlichkeit war bei den Menschen, die in der Nazizeit die Schule besuchten, im Durchschnitt zwei- bis dreimal höher als bei den übrigen Befragten", berichtet Hans-Joachim Voth.

Es hat ihn selbst erstaunt, dass die antisemitische Haltung auch 50 Jahre nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft anhielt. "Es ist also nicht nur so, dass die Nazi-Propaganda damals in der Schulzeit funktionierte, sie hat das Denken und die innere Haltung der Menschen nachhaltig beeinflusst", sagt Voth.

Die Forscher konnten auch Unterschiede in der Stärke der judenfeindlichen Haltung ausmachen: Stammten die Deutschen aus Orten, in denen bereits traditionell eine sehr nationalsozialistische Kultur herrschte, war auch die negative Haltung der Bewohner gegenüber Juden stärker ausgeprägt. Dies zeigte der Vergleich von Geburtsort und Wahlerfolgen der Nationalsozialisten im "Dritten Reich".

Auf die Frage "Sollen Juden die gleichen Rechte haben wie die Deutschen?" reagierten nur zehn Prozent der befragten Menschen in Hamburg ablehnend, in Niederbayern waren es 48 Prozent.

Schulzeit voller Spaß

"Die Bedeutung der Nazi-Propaganda ist bisher noch nicht wirklich untersucht worden", sagt Benjamin Ortmeyer, Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Dies sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Menschen, die die NS-Zeit erlebt haben, meist nicht gern darüber sprechen.

Ortmeyer selbst hatte in den vergangenen Jahren mehrfach auf Klassentreffen versucht, die Teilnehmer nach ihren Erinnerungen zu befragen, doch er habe diese Interviews einstellen müssen. "In den wenigen Berichten beschrieben sie ihre Schulzeit zumeist voller Spaß und friedlich", sagt der Historiker. Als schrecklich geschildert wurden der Bombenterror und der Mangel an Essen.

Tatsächlich war rechte Propaganda in jeder einzelnen Schulstunde zu finden, diese wurde geschickt in jedes einzelne Fach integriert, sagt Ortmeyer. Die Lehrer verteilten gern Projekte, in denen die Schüler zum Beispiel Stammbäume zusammenstellen mussten, um zu zeigen, dass sie reiner Abstammung waren. Aus Berichten von Juden weiß Ortmeyer, dass sie unter der damaligen Hetze stark gelitten haben - "weniger durch die Hetze der Lehrer als durch die der Mitschüler".

nik/AFP



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