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Anzeige gegen Psychologieexperten: Dubioser Professor, unglaubliche Studien

Von Marvin Oppong

Hat ein vermeintlich führender Psychologieexperte jahrzehntelang deutsche Medien genarrt? Henner Ertel wurde jetzt von einem Wissenschaftler wegen Missbrauchs akademischer Titel angezeigt. Die Universität, deren Rektor Ertel sein will, existiert offenbar nur auf dem Papier.

Das Stuttgarter "G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie" und sein Protagonist Henner Ertel können sich über einen Mangel an medialer Aufmerksamkeit nicht beklagen. "Berliner haben den kürzesten Sex", titelte etwa die "Berliner Morgenpost". "Männer in Chemnitz haben wenig zu lachen", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". "Hamburg hat die Längsten", verkündete das "Hamburger Abendblatt".

Homepage des G.R.P.-Instituts für Rationalle Psychologie: Umstrittene Studien, virtuelle Universität

Homepage des G.R.P.-Instituts für Rationalle Psychologie: Umstrittene Studien, virtuelle Universität

In jedem dieser Fälle hat das Institut - teils mit tatkräftiger Hilfe der Nachrichtenagenturen - wieder einmal Schlagzeilen gemacht. Nach eigenen Angaben arbeitet es seit Anfang der siebziger Jahre mit wichtigen deutschen Medien zusammen.

Tatsächlich haben unter anderem die "Bild"-Zeitung, "Focus", SPIEGEL ONLINE, der "Stern", die "Frankfurter Allgemeine", die "Zeit","Men's Health" und "P.M." diverse Erkenntnisse des Instituts verbreitet. Etwa dass zwei Drittel der CDU/CSU-Wähler Frauen mit großer Oberweite bevorzugten oder dass Radfahren schlau mache.

War alles nur grober Unfug? Von Wissenschaftlern werden die G.R.P.-Studien inhaltlich stark angezweifelt. Doch dabei ist es nicht geblieben. Jochen Musch, Psychologieprofessor an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, hat nach einem ersten kritischen Bericht im Magazin "Zeit Wissen" nun bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige gegen Henner Ertel erstattet - wegen des Verdachts des Missbrauchs akademischer Titel. Er wirft Ertel vor, die Grade Doktor und Professor zu Unrecht zu führen.

Die Universität, die in eine Suite passt

Im Zusammenhang mit den Studien des G.R.P.-Instituts wurde Ertel in zahlreichen Medienberichten als Psychologieprofessor bezeichnet. Auf der Internet-Seite einer "University of Neuroscience" in London wird "Prof. Dr. unem Henner J.H. Ertel" als Rektor und Vizekanzler geführt. Auf der Website wird auch behauptet, Wissenschaftler mit "staatlich anerkanntem Abschluss" könnten an der Universität promovieren und sich gar habilitieren.

Nur: Die Universität ist offenbar nichts weiter als eine Briefkastenfirma. Unter der Londoner Adresse "95 Wilton Road, Suite 3" findet sich keine Bildungseinrichtung, sondern das UPS-Unternehmen Mailboxes Etc. Die Firma, die Fächer zur Postweiterleitung betreibt, bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass unter der genannten Adresse keine Universität, ja nicht einmal ein Büro existiert. Der Zusatz "Suite 3" beziehe sich lediglich auf ein Postfach.

Alles andere wäre auch verwunderlich, denn in die Suite würden sonst außer der Universität mit ihren fünf Forschungsbereichen auch noch Unternehmen wie Phones & More Ltd., Real Estate & Capital Investment Ltd. und Artmotion Ltd. hineinpassen. Denn alle firmieren unter derselben Adresse. Die Homepage der Universität ist übrigens auf Henner Ertels Sohn Teja Ertel registriert. Fragen nach der Herkunft seines Professorentitels ließ Ertel unbeantwortet.

Was die Forscherteams der fünf Institute treiben, die es an der Universität geben soll, bleibt vorerst deren Geheimnis. Bei gängigen Wissenschaftssuchmaschinen wie Google Scholar oder Scirus fahndet man vergebens nach Publikationen von Mitarbeitern der Universität.

"Die University of Neuroscience ist eine virtuelle Forschungsuniversität und besitzt eine Universitäts-A-Lizenz", heißt es in einer Stellungnahme der Einrichtung. "Alle Abschlüsse der Neuroscience sind staatlich überall anerkannt." Der Sitz der Verwaltung sei London, die einzelnen Forschungsgruppen und Universitätsinstitute habe man "weltweit in mehreren Ländern installiert". Derzeit führe die Universität "unter Leitung von Herr Prof. Dr. H. Ertel" ein "Neuroscience-Langzeitforschungsprojekt" durch.

Streit mit Psychologieprofessor

Die zahlreichen tatsächlichen oder angeblichen Kunden des "Instituts für Rationelle Psychologie" wurden derweil aufgeschreckt. In einer Referenzliste gab das Institut, das als offene Handelsgesellschaft beim Amtsgericht München eingetragen ist, rund 500 Namen von Unternehmen und öffentlichen Institutionen an, für das es gearbeitet haben will. Darunter die meisten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, aber auch die Bundesanstalt (jetzt Bundesagentur) für Arbeit, die Bundesbahn, die Bundespost. Auf Anfrage haben einige dieser Institutionen geantwortet, von einer Zusammenarbeit nichts zu wissen. Der NDR verlangte sogar seine Streichung von der Liste, das G.R.P.-Institut nahm daraufhin den entsprechenden Link von seiner Homepage.

Im Journalisten-Weblog " Ruhrbarone", wo ebenfalls über den Fall berichtet wurde, hat Ertel einen Kommentar hinterlassen - gesetzt den Fall, der Kommentator "Henner" ist wirklich jener Henner Ertel, für den er sich ausgibt. Darin erhebt er den Vorwurf, bei der Anzeige gegen ihn handele es sich um eine "abgesprochene Aktion" zwischen dem Düsseldorfer Professor Musch und kritischen Journalisten. Dennoch bringt er Musch als Kronzeugen gegen andere Wissenschaftler in Stellung, die angeblich nur auf Basis von Presseberichten geurteilt hätten.

Musch hat im selben Forum geantwortet - und gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigt, dass der Kommentar von ihm stammt. Er wirft Ertel darin eine "irreführende und verfälschende Darstellung" vor. Zudem habe sich Ertel geweigert, die Daten seiner Studien und seine Methodik darzulegen. "Das ist in der Forschung absolut unüblich", sagte Musch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ertel habe jederzeit die Möglichkeit gehabt, die Vorwürfe gegen ihn inhaltlich zu entkräften. Zudem habe er bisher keinerlei Belege dafür vorgelegt, dass er seine akademischen Titel zu Recht führe und dass die "University of Neuroscience" mehr als nur eine Briefkastenfirma sei.

Fördergelder zu Unrecht kassiert?

Wie nun aus neuen Dokumenten hervorgeht, war eine Firma, die Henner Ertel gehört, von Januar 2000 bis Anfang 2005 am Zentrum für innovative Produktentwicklung (ZIP) an der Universität Hohenheim angesiedelt. Das ZIP ist ein Gründerzentrum, das mit Unterstützung des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums gegründet wurde.

Durch die Ansiedlung an dem Gründerzentrum konnte Ertels Internet-Firma WWC Web World Center GmbH über Jahre hinweg öffentlich subventionierte und voll möblierte Mieträume, eine kostenlose Standleitung der Universität und einen verbilligten Telefonanschluss nutzen und daneben kostenlose Firmenberatung durch das Zentrum in Anspruch nehmen. In mindestens einem Fall gab das G.R.P.-Institut statt seiner die Adresse des ZIP an. Geschäftsführer der Firma WWC sind Henner Ertel und sein Sohn Teja. Die Firma WWC wurde erst 1999, ein Jahr vor Einzug in das Gründungszentrum, gegründet.

Das Gründerzentrum, das mittlerweile in die Innovation und Bildung Hohenheim GmbH (IBH), einer 100-prozentigen Tochter der Universität Hohenheim, integriert wurde, wird von zahlreichen öffentlichen Institutionen gefördert. Vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium erhielt es in den Jahren 2000 bis 2006 rund 380.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Auch die Stadt Stuttgart förderte das Gründungszentrum.

Die Firma WWC profitierte von der öffentlichen Förderung, obwohl weder Teja Ertel noch sein Vater Existenzgründer waren. "Wir haben damals herausgekriegt, dass noch weitere Personen, die nicht förderberechtigt waren, an der Firma beteiligt waren", sagt Martin Witzke, bis März 2006 Geschäftsführer des Gründungszentrums.

"Diese Bezeichnung stimmt nicht"

2005 erweckte die Firma WWC den Anschein, dass sie mit der Universität Hohenheim verbunden sei. Das "G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie, Web World Center" hatte eine Studie mit der Fußnote "im Zentrum für innovative Produktentwicklung IBH Universität Hohenheim Stuttgart" versehen. Der IBH-Geschäftsführer forderte daraufhin WWC-Mitgeschäftsführer Teja Ertel schriftlich auf, "künftig bei allen Veröffentlichungen sowohl die Bezeichnung 'Universität Hohenheim' wie auch 'Zentrum für innovative Produktentwicklung' nicht zu benutzen". Henner Ertel wollte sich hierzu auf Anfrage nicht äußern.

In einer "Richtigstellung", die Ertel seit kurzem gegen Abgabe einer Geheimhaltungsvereinbarung an Journalisten verschickt und die SPIEGEL ONLINE vorliegt, behauptet er aber noch immer: "Die G.R.P. war in diesem Forschungs- und Entwicklungsverbund aufgrund unseres besonderen Know-hows als externes Forschungsinstitut mit der dafür extra gegründeten hundertprozentigen G.R.P.-Tochter Web World Center vertreten. Im ZIP waren Wissenschaftler der Stuttgarter Hochschulen und des G.R.P. Web World Center".

In den Räumen des Gründerzentrums übernahm die Firma WWC etwa im Auftrag des Reiseunternehmens L'tur die Programmierung eines datenbankgestützten Chat-Systems für Urlaubsbekanntschaften. In einer Pressemitteilung verkündete L'tur voller Stolz die Einführung des Online-Partnertests Singles treffen Singles - "in Zusammenarbeit mit dem weltweit führenden Institut für Rationelle Psychologie".

Mitarbeit: Markus Becker

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