Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Apostelgrab: Der Hype um den Paulus-Sarkophag

Von

Archäologen glauben, in der Basilika San Paolo fuori le Mura den Sarkophag des Heiligen Paulus entdeckt zu haben. Geöffnet haben sie den Steinsarg allerdings nicht. Der Vatikan baut die Kirche aber schon mal so um, dass Pilger und Touristen den Fund betrachten können.

Die Suche nach den sterblichen Resten des Heiligen Paulus beschäftigt den Vatikan schon länger. Seit 2002 graben Wissenschaftler in der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura (Sankt Paul vor den Mauern) unter Leitung des Vatikan-Archäologen Giorgio Filippi. Wobei von Graben im eigentlichen Sinne gar keine Rede sein kann: Hier und dort hoben die Paulus-Sucher Marmorplatten aus dem Boden und kratzten sich bis zu einem Meter in die Tiefe. Großflächige Grabungen am Altar der Basilika hatte sich der Vatikan verbeten - man wollte den liturgischen Bereich so wenig wie möglich stören.

Basilika Sankt Paul vor den Mauern (April 2005): Der angebliche Paulus-Sarkophag soll verschlossen bleiben
DPA

Basilika Sankt Paul vor den Mauern (April 2005): Der angebliche Paulus-Sarkophag soll verschlossen bleiben

Vor einem Jahr schließlich stießen die Archäologen auf einen römischen Steinsarg. Er befand sich etwa einen halben Meter unter einer antiken Marmor-Abdeckung mit der Inschrift "Pavlo Apostolo Mart" (dem Apostel und Märtyrer Paulus gewidmet). Besucher können die Platte schon seit längerem über ein in den Altarboden eingelassenes Gitter betrachten. Schon 2005 hieß es, es handle sich um den gesuchten Sarkophag. Doch die Untersuchungen gingen weiter, bis sie im Oktober 2006 vorläufig abgeschlossen wurden.

Am Montag will Filippi nun die endgültigen Ergebnisse der jahrelangen Arbeiten in Rom vorstellen. Nur: Geheimnisse wird der Vatikan-Archäologe kaum noch lüften, denn die wesentlichen Details sind seit 2005 bekannt. Bereits am gestrigen Donnerstag berichtete Filippi ausführlich über die Grabungen in der Basilika San Paolo fuori le Mura - in einem Vortrag an der Theologischen Fakultät der Universität Jena, der sich kaum von dem am kommendem Montag unterscheiden soll.

"Der Sarkophag birgt aller Wahrscheinlichkeit nach die Gebeine des Apostel Paulus", sagte der Archäologe Hugo Brandenburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, der den Vortrag ins Deutsche übersetzt hatte. Brandenburg, pensionierter Professor der Universität Münster, hat die Ausgrabungen in der römischen Kirche persönlich begleitet, während er an der Rekonstruktion der 1823 abgebrannten Basilika arbeitete, auf deren Mauern der heutige Bau San Paolo fuori le Mura errichtet wurde.

"Beine des Apostels aus dem Grab genommen"

"Es handelt sich bei dem Sarg um eine Art Rohling, der nicht sauber bearbeitet wurde", sagte Brandenburg. Die beiden schon wesentlich früher entdeckten Grabplatten mit der Paulus-Inschrift dürften einst den Steinsarg verkleidet haben.

Alle Indizien sprächen dafür, dass es sich um den gesuchten Sarkophag handle. Er stehe auf dem Höhenniveau des Querhauses der 390 geweihten Kirche, die 1823 bei dem Brand zerstört wurde. Zudem wisse man aus historischen Quellen, dass die Basilika genau über dem Grab des Heiligen Paulus - das sich an der Via Ostiense befunden habe - errichtet worden sei. "Unsere Hypothese ist, dass man die Gebeine des Apostels aus dem Grab genommen und in den Sarkophag gelegt hat", erklärte Brandenburg.

Paulus - hebräisch Saulus - war Sohn vermögender jüdischer Eltern und wandelte sich vom Christenverfolger zum überzeugten Christen, Apostel und Missionar, nachdem er laut biblischer Darstellung in Damaskus eine wundersame Begegnung mit Jesus hatte. Um das Jahr 67 wurde er in Rom hingerichtet. Die genaue Lage seines Grabes war jedoch nicht bekannt.

Der Deckel des Sarkophags besitzt eine mit Mörtel verschmierte Öffnung, die laut Brandenburg der "Verehrung des Grabes" diente. "Man hat damals Duftstoffe hineingegossen", glaubt er. "Man konnte auch Berührungsreliquien hinunterlassen, etwa Stoffe, die Gläubige als eine Art Amulett mit nach Hause genommen haben." Ähnliche Öffnungen befänden sich auch auf den zuvor entdeckten Inschriftplatten.

Warum wurde der Sarkophag nicht geöffnet?

Brandenburg räumte ein, dass die Zugehörigkeit des Steinsargs zu Paulus nicht endgültig bewiesen sei. "Wir werden keinen Zettel finden, auf dem steht: 'Hier drin ruht Paulus'." Die Archäologen hätten Zweifel an ihren Aussagen womöglich ausräumen können, wenn sie das Innere des Sarkophags untersucht hätten. "Es hat eine Diskussion darüber gegeben, ob man ihn öffnen und mit einer Sonde hineingehen sollte", sagte Brandenburg. Man habe sich jedoch dagegen entschieden.

Wollte man sich im Vatikan nicht an den Gebeinen des Heiligen vergreifen? Laut Brandenburg ist es ohnehin schwierig, den Sarg aufzubrechen, da er nur in einem schmalen Streifen freigelegt sei. Immerhin habe man seine Maße erfasst. "Meine Arbeit ist abgeschlossen", sagte Filippi, der damit die Diskussion um die Sargöffnung beenden wollte.

Im Vatikan zögert man womöglich auch aus anderen Gründen, letzte Gewissheit über den Sarginhalt zu bekommen. Sollte es sich nämlich definitiv nicht um die Gebeine von Paulus handeln, wäre die Enttäuschung unter den Gläubigen groß. Nun bereitet man sich bereits auf einen lukrativen Pilgeransturm vor: Der minimal freigelegte, unter dem Altarboden liegende Sarkophag soll für Besucher der Basilika sichtbar bleiben - als Reliquie des Heiligen Paulus.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: