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Après-Sci Das Stroh-Klo

Idee für Open-Air-Veranstaltungen: Das Stroh-Klo Fotos
Faltazi

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Wer jemals auf einem Open-Air-Festival war, kennt das Problem: Das Bier fließt in Strömen, und mit gewisser zeitlicher Verzögerung auch das dazu passende Ausscheidungsprodukt. Dazu kommt ein Phänomen, das Festivalkenner genau kennen: Die Menge des anfallenden Urins scheint sich umgekehrt proportional zur Zahl der freien Urinale zu verhalten. Immer.

Doch Rettung naht, und zwar in Gestalt von Strohballen. Das zumindest verspricht die französische Designfirma Faltazi mit dem Uritonnoir. Die Idee: Auf den Feldern, auf denen Open-Air-Festivals gemeinhin stattfinden, herrscht kein Mangel an Strohballen. Anstatt sie zu hübsch anzuschauenden, ansonsten aber nutzlosen Puppen aufzutürmen, könnte man genauso gut Urinale aus Plastik in sie hineinstecken, die den Harn durch einen langen Rüssel tief ins Innere des Ballens plätschern lassen.

Damit ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende - sie fängt erst an. Im Inneren des Ballens, so erklärt Faltazi ("Unser Urin ist sein Gewicht in Gold wert"), reagiert der Stickstoff des Urins mit dem Kohlenstoff des Strohs. Es folgt ein Zersetzungsprozess, an dessen Ende wertvoller Kompost steht.

Den kann der Landwirt dann nach sechs bis zwölf Monaten einsammeln und wiederverwenden - etwa für so nützliche Dinge wie das Anpflanzen von Gerste. Ein Teil davon wird dann zu Bier verarbeitet, der Rest zu Stroh - et voilà, der Kreis schließt sich. Außerdem verbrauchen die Pinkelballen kein Wasser, und ihr Geruch könnte sich angenehm von dem alle Sinne berauschenden Bouquet abheben, das in Dixie-Klos bei 35 Grad in der Sonne herrscht. Vielleicht aber auch nicht - das muss erst die Praxis zeigen.

Völlig neu ist die Idee freilich nicht. Die Briten, denen das Urinalmangelproblem ebenfalls nicht gänzlich unbekannt sein dürfte, haben eine ähnliche Vorrichtung bereits eingeführt: Der National Trust hat in einer Gartenanlage meterlange Strohballen an Komposthaufen gereiht, so dass die Gärtner ihrem Job (zu dem auch das Düngen gehört) selbst beim Wasserlassen nachkommen können.

An das französische Design kommt der britische Pee Bale allerdings bei weitem nicht heran. Das Uritonnoir (zusammengesetzt aus den französischen Wörtern für Urinal und Trichter) gibt es sogar in zwei Varianten. Bei der einfachen besteht der Trichter aus Kunststoff, der vor dem Einsatz erst gefaltet werden muss. Die Edelversion protzt dagegen mit einem Urinsammler aus blankem Stahl, aufgrund von Optik und Härte bestens geeignet für Wacken und andere Metal-Festivals.

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