Ausgegraben

Ausgegraben Die Geheimzimmer von Drum Castle

FAS Heritage

Eigentlich hatten die Archäologen schlicht zugeschüttete tote Ecken im Turmgebäude erwartet. Doch dann stießen sie bei Routineuntersuchungen im schottischen Drum Castle auf zwei geheime Zimmer. Sie waren einst lebensrettender Zufluchtsort.

Der 17. Laird Alexander Irvine of Crimond hatte seiner Schwester Mary viel zu verdanken. Denn nach der verlorenen Schlacht an der Seite des aufständischen Bonnie Prince Charlie hetzten die Regierungstruppen des Herzogs von Cumberland hinter ihm her. Mary rettete ihm das Leben: Die Anhänger Charlies waren am 16. April 1746 vernichtend geschlagen worden, Alexander floh ins elterliche Drum Castle bei Drumoak im schottischen Aberdeenshire. Mary versteckte ihren Bruder in einem geheimen Zimmer und lockte die Verfolger auf eine falsche Fährte. Drei Jahre verbrachte Alexander angeblich in diesem Raum, von wo aus er seine Flucht ins Pariser Exil plante.

Heute geht es in Drum Castle eher friedlich zu. Frisch getraute Ehepaare können hier ihre Hochzeit feiern, Besucher in der kleinen Teestube ihren Cream Tea genießen. Doch die Steine des alten Turm aus dem Mittelalter bröckeln. Also gab der National Trust for Scotland dem Archäologen Jonathan Clark von der Firma Field Archaeology Specialists den Auftrag, den Bau zu untersuchen. Clark ahnte bereits, dass es in dem Turm noch Räume und Gänge geben musste, die in den offiziellen Plänen nicht verzeichnet sind. Warum zum Beispiel gab es da diese zugemauerten Fenster im ersten Stock? Von außen waren sie gut zu sehen, doch von innen blockierten die schweren Bücherregale der Bibliothek aus dem 19. Jahrhundert den Zugang.

Toilette hinter verschlossenen Fenstern

Bei Umbaumaßnahmen entstehen oft tote Ecken oder leere Räume. Meist füllen die Baumeister diese mit Schutt, um die Mauern stabil zu halten. Damit rechneten eigentlich auch Clark und seine Mitarbeiter, als sie kürzlich begannen, die Fenster im ersten Stock aufzubrechen. Sie wollten nur feststellen, wie groß und in welchem Zustand dieser tote Winkel ist.

"Natürlich hatte ich schon insgeheim gehofft, etwas zu finden", gibt der Archäologe zu. "Aber was wir dann entdeckten, hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen." Hinter den Fenstern verbarg sich ein Hohlraum. Clark nahm die Taschenlampe und ließ den Lichtstrahl durch den Staub wandern. Es war ein Ankleideraum. "In einer Ecke waren über einem Schacht sogar noch die Reste eines hölzernen Toilettensitzes erhalten."

Doch damit nicht genug. Die erste Überraschung war noch nicht verdaut, da stießen die Archäologen nur wenige Tage später auf ein weiteres Geheimzimmer. "Dieser zweite Raum ist viel größer und war vom Rest des Turmes durch eine massive Tür abgeschottet", verrät Clark. "Wir versuchen noch herauszufinden, wofür dieser Raum diente. Es könnte sich um ein Schlafzimmer gehandelt haben." Einiges deutet darauf hin, dass er tatsächlich das Zimmer gefunden hat, in dem Mary Irvine ihren Bruder drei Jahre lang vor den Häschern des Königs versteckte. "Irgendwann in den 1840ern, also vor über 160 Jahren, wurde er dann zugemauert."

Vorfahren von Irving und Roosevelt

Der Turm von Drum Castle ist der älteste Wohnturm Schottlands. Bis 1975 war er der Familiensitz des schottischen Clans Irvine. Robert the Bruce persönlich hatte den Turm und das Land einst William de Irwin für treue Dienste gegeben, nachdem dieser den Schlaf des Königs unter einem Stechpalmenbusch bewacht hatte. So entstand auch das Familienwappen des Clans: drei zusammengebundene Büschel der piksigen Blätter. Zu den Nachfahren des heute weitverzweigten Clans gehörten sowohl der amerikanische Schriftsteller Washington Irving als auch der Politiker Theodore Roosevelt.

Als nächstes werden Clark und seine Kollegen die Räume genau fotografieren und vermessen, um einen Grundplan des Turmes erstellen zu können. Nach dem Wirbel um die Entdeckung wird die nun folgende Arbeit fast ein wenig langweilig werden: "Eine Taschenlampe in einen Raum zu leuchten, der 160 Jahre lang vor allen Blicken verborgen war, ist wesentlich aufregender, als ihn zu vermessen."

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8 Leserkommentare
bär-lusconi 14.07.2013
laxness 14.07.2013
bloss_nicht_nachdenken 14.07.2013
Layer_8 14.07.2013
Atheist_Crusader 14.07.2013
klarafall 14.07.2013
dhbvfg 14.07.2013
wahmbeck 16.07.2013

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