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Ausgegraben

Uraltes Parfum entdeckt Der Duft der Vergangenheit

Duft der Vergangenheit: Uraltes Parfüm entdeckt Fotos
courtesy of The Bermuda Perfumery

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Schlappe 150 Jahre überdauerten zwei Parfumfläschchen in einem gesunkenen Schiff auf dem Meeresgrund. Archäologen entdeckten die Behältnisse vor den Bermudas - Parfümeure haben nun den Duft der Vergangenheit rekonstruiert.

Als die drei Parfümeure die beiden kleinen Flaschen öffneten, schlug ihnen zuerst der Geruch von verrotteten Zitrusfrüchten und faulen Eiern entgegen. Doch unter den Gerüchen der Zersetzung lagen ganz eindeutig noch die Noten, die den Inhalt des Fläschchens einst so begehrt gemacht hatten: Orangenblüte, Geranie, Schwertlilie, Palisander, Myrrhe, Sandelholz und Bittermandel, im Nachklang Zibet und Amber.

Rund 150 Jahre ist es her, dass dieser Duft aus dem Hause Piesse & Lubin auf den Straßen Londons oder Berlins bei den Frauen ebenso beliebt war wie in New York oder New Orleans. 150 Jahre, die diese Flaschen unter optimalen Lagerbedingungen an einem ungewöhnlichen Ort aber fast unversehrt überlebt hatten: Im Wrack der "Mary Celestia", die am 6. September 1864 vor der Südküste Bermudas gesunken war.

Duftende Schmuggelware

Vielleicht hatte eine Lady in den amerikanischen Südstaaten sich schon sehnsüchtig auf diese Flaschen gefreut - denn es tobte der Bürgerkrieg und die Schiffe der Union ließen keine Waren in die Häfen von Virginia bis Texas. Alles war rar in diesen Jahren: Waffen, Lebensmittel und erst recht Luxusgüter wie edles Parfum aus dem fernen Europa.

Doch zum Glück gab es mutige Männer, die mit ihren schnellen Schiffen die Blockade durchbrachen und unter Einsatz ihres Lebens die benötigten Waren in den Süden der Vereinigten Staaten schmuggelten. Männer wie William und James Crenshaw, Eigentümer der Mary Celestia. Oh, sie waren natürlich nicht ganz uneigennützig: 200 bis 700 Prozent mehr Geld bekamen sie für ihre Waren, als sie in Friedenszeiten hätten fordern können.

Dass besonders Luxusgüter extrem hohe Preise erzielten, war natürlich auch den Konföderierten bekannt. Also verabschiedeten sie ein Gesetz, das alle unnützen Waren von den Schiffen verbannte. Erlaubt waren künftig nur noch nützliche Dinge, die helfen würden, den Krieg zu gewinnen: Nahrungsmittel, Uniformen, Medizin, Waffen und Munition. Damit waren die Parfumfläschchen an Bord doppelt illegal: Sie fielen unter das von den Nordstaaten verhängte Handelsembargo und unter den Luxusgüterbann der Südstaatenregierung.

Tatsächlich fand ein internationales Team von Unterwasserarchäologen die Flaschen auch in einem guten Versteck: ganz vorne im Bug der "Mary Celestia", wo normalerweise der Bootsmann sein Werkzeug verstaut. Zwischen Farbtöpfen, Tauen und einem Log hatte der Bootsmann - oder ein anderes Crew-Mitglied - offenbar ein paar Güter gequetscht, mit denen er in den Südstaaten ein paar Dollar extra zu verdienen hoffte.

Uralter Duft neu aufgelegt

Die Taucher fanden neben den zwei Parfumflaschen von Piesse & Lubin auch Wein, Lederschuhe und eine Flasche mit Florida Water, der amerikanischen Version des Kölnisch Wasser. Die offizielle Ladung der "Mary Celestia" entsprach ganz den Vorschriften: Dosenfleisch und Gewehre.

Für die genauere Untersuchung des Parfums brauchten die Archäologen Hilfe. Also kontaktierte Philippe Rouja, Bermudas Kurator für historische Schiffswracks und einer der Leiter der Expedition, die Bermuda Perfumery. Isabelle Ramsay-Brackstone, Direktorin des Unternehmens, wurde gebeten, sich der Sache anzunehmen. Mit den beiden Fläschchen im Handgepäck flog sie nach New Jersey und brachte sie ins Labor von Drom Fragrances.

Gemeinsam mit dem Parfümeur Jean-Claude Delville und dem technischen Parfümeur Lionel Nesbitt zog sie den Glasstopfen aus dem Flaschenhals - und die drei atmeten den Duft ein, wie er vor 150 Jahren durch die Salons der Metropolen geweht war. Damals natürlich noch nicht überlagert von den Gerüchen nach verrotteten Zitrusfrüchten und faulen Eiern - die waren erst durch Zersetzung und Zerfall der Inhaltsstoffe entstanden.

Eine Analyse im Massenspektrometer und Gaschromatografen ergab, was die Kollegen von Piesse & Lubin einst in ihre Flaschen abgefüllt hatten: Unter anderem war etwas Citronellol darin, ebenso wie Geraniol, ein bisschen Zitronenöl und ein wenig Nerol. Die genaue Zusammensetzung lässt sich nicht mehr bestimmen - zu stark haben die chemischen Verbindungen unter den Jahren gelitten. Aber der populärste Duft des Hauses Piesse & Lubin in jenem Jahr, in dem die "Mary Celestia" sank, nannte sich Bouquet Opoponax. Gut möglich, dass die beiden Fläschchen genau dieses Parfum enthielten.

Ramsay-Brackstone, Delville und Nesbitt machten sich im nächsten Schritt daran, den Duft von Pierre & Lubin so zu rekonstruieren, dass er auch im London, Berlin, New York oder New Orleans des Jahres 2014 wieder getragen werden kann. Ab dem 1. Oktober wird "Mary Celestia" - edel verpackt in Zedernholzbox und Samtsäckchen - zum Preis von 225 US-Dollar pro Flasche im Handel erhältlich sein - allerdings limitiert auf 1864 Flaschen, in Anlehnung an das Jahr, in dem das Schiff sank.

3 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
debattierer 06.10.2014
roklu 07.10.2014
satissa 10.10.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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