Ausgegraben

Archäologie Ägyptens neue Zeitrechnung

Ursprünge Ägyptens: Ein Jahrtausend vor dem Bau der Pyramiden Fotos
Michael Dee

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Vor über hundert Jahren stellte Sir William Matthew Flinders Petrie die relative Chronologie des frühen Ägypten auf. Dazu hatte der exzentrische Pedant sich die Keramikgefäße aus den Friedhöfen von Naquada, Diospolis Parva und Abadiya sehr genau angeschaut und in eine logische Reihenfolge gebracht. Genie und Wahnsinn lagen bei Flinders Petrie eng beieinander.

Seine Grabungsmannschaft musste sich vor allem mit trockenem Schiffszwieback ernähren, Singen war auf dem Grabungsgelände streng verboten. Aber die harte Arbeitsmoral zahlte sich aus, bis heute gilt Flinders Petrie als Begründer der ägyptischen Archäologie. Wie ein gigantisches Puzzle setzte er die Gefäße aus den Gräbern in Relation zueinander und konnte am Ende sagen, in welcher Reihe sie aufeinanderfolgten - wenn auch nicht, wann genau eine Keramikform die nächste ablöste.

Seine Keramikreihe beginnt in der ägyptischen Vorzeit und führt bis in die Gräber der ersten Dynastie. Trotz offensichtlicher Schwächen der Methode - zum Beispiel mögliche Längen oder gar Lücken in der Abfolge sowie die subjektive Einschätzung der Ausgräber - wird sie bis heute angewandt. Längst errechnen allerdings Computerprogramme die sogenannte Seriation, um eine Abfolge von Artefakten relativ datieren zu können.

Petrie verpasste neue Datierungsmethode knapp

Wäre er hundert Jahre später geboren, hätte Flinders Petrie sich an das Oxford Radiocarbon Accelerator Unit (ORAU) gewandt. Das Labor der University of Oxford ist das weltweit führende für die Altersbestimmung mittels der sogenannten C14-Methode. Das Prinzip ist recht einfach. Jedes Lebewesen - egal ob Mensch, Tier oder Pflanze - trägt einen Anteil radioaktiver C14-Atome in sich gebunden. Diese zerfallen zwar mit der Zeit, doch solange der Organismus lebt, nimmt er diese mit Nahrung und Atemluft aus der Atmosphäre auf. Stirbt er, kommen kein neues mehr hinzu. Je weniger der Atome noch in einem Lebewesen vorhanden sind, desto länger ist es bereits tot.

Flinders Petrie verpasste diese Datierungsmethode nur knapp. Es starb vier Jahre bevor Willard Frank Libby sie 1946 entwickelte. 1960 erhielt Libby dafür den Nobelpreis für Chemie.

Jetzt endlich hat sich eine Gruppe von Forschern um den Archäologen Michael Dee vom Research Laboratory for Archaeology der Universität Oxford dem Thema angenommen. "Es ist offensichtlich, dass Flinders Petries relativer Ansatz nicht länger für detaillierte soziopolitische Analysen ausreicht", schreiben sie in ihrem Aufsatz in den "Proceedings of the Royal Society A". Für ihre absolute Datierung des frühen Ägypten suchten die Wissenschaftler zunächst in der Literatur und fanden 112 bereits gemachte Radiokarbondatierungen aus der Badari- und der Naqada-Kultur, den Vorläufern des ägyptischen Staates. Die ergänzten sie durch 74 neue Proben.

"Dabei mussten wir einiges beachten", sagt Dee SPIEGEL ONLINE. "Erstens brauchten wir möglichst kurzlebige Materialien." Denn der C14-Gehalt der Atmosphäre schwankt von Jahr zu Jahr. Deshalb muss jedes Datum mit einer Kalibrationskurve abgeglichen werden, die mit Hilfe von C14-datierten Baum-Jahresringen erstellt wurde. Je kürzer ein Organismus lebte, desto präziser ist sein C14-Signal. Ideal sind Blumen oder Samen, die nur einen einzigen Sommer lang lebten. "Große Bäume dagegen enthalten die Signale vieler Jahre", erläutert Dee.

Museum gaben Proben heraus

Zudem mussten die Funde aus möglichst gesicherten Kontexten kommen. "Die Königsgräber von Abydos waren hier besonders nützlich", berichtet Dee. Die Forscher fanden ihre Proben - Samen aus Getreidespeichern, Reet aus Flechtkörben, Tierleichen - in den Magazinen von Museen. Organische Reste sehen oft unansehnlich aus: zu zerfleddert, um in den Glaskästen der Ausstellungen was herzumachen. Also landen sie in den Magazinen. So hatte kein Museum Bedenken, ein wenig davon herzugeben.

Die neuen Datierungsmodelle, die am Ende dabei herauskamen, verschoben die frühe ägyptische Geschichte an einigen Stellen gewaltig. Die Thronbesteigung König Ahas beispielsweise, die von vielen als der Beginn des ägyptischen Staates angesehen wird, konnten die Forscher mit 68-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf die Jahre zwischen 3111 und 3045 vor Christus datieren - und damit bis zu zweihundert Jahre früher als andere historische Schätzungen.

Besonders bedeutend aber ist, dass die Prädynastische Periode - die Zeit von der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit bis zur 1. Dynastie - offenbar viel kürzer war als bisher angenommen. Während die Ägyptologen ihren Beginn bislang um 4000 v. Chr. vermuteten, konnten Dee und sein Team ihn jetzt zwischen 3800 und 3700 vor Christus verorten. "Je weiter das Projekt voranschritt, desto weniger überrascht war ich aber, dass die Prädynastische Periode nicht so lang war", schreibt der Archäologe. Der Chronologie-Pedant Sir William Matthew Flinders Petrie jedenfalls hätte sich wohl über die Fortführung und Ergänzung seiner Arbeit sehr gefreut.

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heinz4444 06.09.2013
thawn 06.09.2013
Layer_8 06.09.2013
Vittorio Ferretti 06.09.2013
Ich_sag_mal 06.09.2013
wws 06.09.2013
boer640 06.09.2013
jmat17 07.09.2013
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emporda 09.09.2013
galens 10.10.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.