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Archäologie: Atlantis im Mittelmeer

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Auf dem Meeresgrund vor Israel liegt die jungsteinzeitliche Siedlung Atlit-Yam. Seit Jahren rätseln Wissenschaftler, warum das Fischerdorf vor 8000 Jahren aufgegeben wurde. Ein Tsunami habe den Ort verwüstet, glaubt eine Archäologin nun. Doch andere Forscher widersprechen scharf.

Wahrscheinlich konnten die Kinder von Atlit-Yam das Gerede der Alten schon längst nicht mehr hören: "Als ich so alt war wie Du, kam das Meer noch nicht bis an diese Wiesen heran! Da hinten war die Weide - wo jetzt das Fischerboot auf den Wellen dümpelt."

Die Kinder scherten sich nicht um die Geschichten. Doch als ihre Zeit gekommen und sie selbst alte Leute waren, erzählten auch sie ihren Enkeln von der ständig näher kommenden See und vom Wandel der Landschaft.

Heute, rund 8000 Jahre später, liegt Atlit-Yam acht bis zwölf Meter unter der Oberfläche des Mittelmeeres; bis zum Strand vor der Kreuzfahrerburg Atlit sind es rund 300 Meter. Die geschäftige Großstadt Haifa liegt zehn Kilometer im Norden. Atlit-Yam versank just in jener Zeit, in der die bekannte Welt sich für immer veränderte. Im Norden schmolzen die Gletscher, ihr Wasser ließ die Meere ansteigen, breite Küstenstreifen verschwanden innerhalb weniger Generationen.

Gleichzeitig gaben immer mehr Stämme ihr Leben als Jäger und Sammler auf und suchten sich einen Ort, an dem sie die Tiere zähmten; wo sie Getreide anbauten und Vorräte anlegten. Atlit-Yam war eine der frühen Siedlungen dieser Periode, der Jungsteinzeit. Die ältesten Funde sind 8180 Jahre alt, die jüngsten 7550. Die Einwohner von Atlit-Yam schöpften ihr Trinkwasser aus dem ältesten bekannten Brunnen der Welt.

War es ein Tsunami?

Nicht alle Wissenschaftler gehen davon aus, dass Atlit-Yam langsam und friedlich von den Wellen bedrängt wurde, während die Alten dabei zusahen. Maria Pareschi vom italienischen Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia in Pisa glaubt, ein Tsunami habe den Untergang der Stadt bewirkt, ausgelöst vom Kollaps der Ostflanke des Ätna. Wenige Stunden nach dem Ereignis, so die Wissenschaftlerin, hätten 40 Meter hohe Wellen die Ostküste des Mittelmeeres verwüstet und Chaos in der Stadt hinterlassen.

Doch Ausgräber Ehud Galili von der Israelischen Antikenbehörde kann den Ausführungen seiner Kollegin nicht zustimmen. "Ich wünschte mir, sie hätte mit uns gemeinsam auf die Grabungsbefunde geschaut", sagt Galili im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dann hätte sie sich ihre Theorie vielleicht doch noch einmal anders überlegt." So hat Galili nun in der aktuellen Ausgabe der Geophysical Research Letters eine Gegenantwort zum Aufsatz von Pareschi veröffentlicht, in der er Punkt für Punkt die Argumentation der Italienerin widerlegt.

Zum Beispiel die Toten. Davon fand Galili 65 in Atlit-Yam, die meisten von ihnen regulär begraben. Vorsichtig befreiten er und sein Team die Knochen mit Tauchermessern und Spateln vom Sediment. Noch unter Wasser wurden die Gräber vermessen und fotografiert. Die Skelette erzählen vom Leben in einem Fischerdorf. Überdurchschnittlich viele Schädel weisen Spuren von Mittelohrentzündungen auf - ein Zeichen dafür, dass die Menschen viel Zeit in kaltem Wasser verbrachten.

Verstreute Knochen

Die Zähne sind weit über den normalen Abrieb abgenutzt. Das kommt, meint Galili, von der Zuhilfenahme bei den Arbeiten mit Riemen und Tauen von Segeln und Netzen in den Booten. An den Ansätzen der Knochen kann man noch erkennen, dass hier einst stark ausgeprägte Muskeln saßen - genau jene, die durch Rudern gekräftigt werden.

Die Italienerin Pareschi sieht in genau diesen Knochen Belege für ein jähes Ende Atlit-Yams durch einen Tsunami. In ihrem Aufsatz malt sie ein furchterregendes Bild von den entfesselten Urgewalten: Bruchstücke von einstürzenden Häusern und entwurzelten Bäumen seien zu tödlichen Projektilen geworden, die sich mit hoher Geschwindigkeit in das Fleisch von Mensch und Tier gebohrt hätten. Einige Knochenbrüche der Toten von Atlit-Yam, so Pareschi, könnten auf diese Art und Weise entstanden sein. Auch fehlende und abgebrochene Zähne schreibt sie dem Tsunami zu.

Überhaupt seien erstaunlich viele Knochen nicht in Gräbern, sondern über die Stätte verstreut gefunden worden. Nach dem Tsunami sei eben niemand mehr da gewesen, der die Toten habe bestatten können. Und selbst die Brandspuren an einigen Knochen könnten ihrer Meinung nach eine Folge der Wassergewalt sein, denn Feuer seien eine bekannte Folgeerscheinung von Tsunamis. Nach der Katastrophe würden sie sich durch verlassene Herdfeuer und sogar durch spontane Entzündung ausbreiten.

Ausgräber Galili hat wenig Verständnis für diese Interpretation. "Wir haben die Skelette doch untersucht. Die Menschen von Atlit-Yam starben an Infektionskrankheiten, nicht an gebrochenen Knochen", sagt er. Die Brandspuren seien entstanden, weil die Menschen von Atlit-Yam ihre Toten nicht auf Friedhöfen, sondern in den Häusern bestatteten. Dort, wo sie auch gelebt, geschlafen und gekocht haben.

Kein Chaos, keine liegengelassenen Leichen

Die Feuer der Herdstellen haben im Laufe der Jahre so manchen Oberschenkelknochen lange vergessener Vorfahren ein wenig angeschwärzt. "Die meisten Skelette stammen aus sorgfältig angelegten Gräbern, in denen die Toten - wie damals üblich - in zusammengekrümmter Position bestattet wurden", erklärt Galili.

Wo Knochen nicht in Gräbern lagen, waren es alte Bestattungen, die beim Bau neuer Häuser im Weg gewesen waren. Und nicht zuletzt dürfe man auch nicht vergessen, dass die Siedlung 8000 Jahre lang unter Wasser gelegen habe. Zeit genug für so manchen Wintersturm, das eine oder andere der flachen Gräber aufzuwühlen und die Knochen zu verteilen. Und wie sieht es bei den Tierknochen aus? "Etwa die Hälfte der Knochen hat eindeutige Schnittspuren. Die Tiere wurden geschlachtet, nicht von herumfliegenden Steinen oder Ästen erschlagen", erklärt Galili.

Eine der Gruben, die ein Streitpunkt zwischen Pareschi und Galili wurde, ist der berühmte Brunnen. Dessen Füllung bestand aus einem Gemisch von Tierknochen und Schutt. "Eine chaotische Mischung, wie sie typischerweise von einem Tsumani verursacht wird", meint die Italienerin. "Eine Verfüllung, wie sie typisch für einen aufgegebenen Brunnen ist, der dann von den Menschen als Abfallgrube genutzt wird", hält Galili dagegen.

Außerdem stünden noch drei Lagen der Brunneneinfassung aufrecht, ebenso wie die Steinfundamente vieler Häuser und ein Stonehenge-ähnlicher Steinkreis aus sieben Monolithen - allesamt ohne Zement gebaut. "Das alles hätte nicht der Wucht eines Tsunamis Stand halten können", findet Galili. "Was auch immer es war, das die Menschen aus Atlit-Yam vertrieb, es kam langsam und ließ ihnen genügend Zeit, sich auf trockenes Land zurückzuziehen."

Zum Beispiel ein langsamer aber stetiger Anstieg des Meeresspiegels, wie er durch den Klimawandel vor etwas über 8000 Jahren ausgelöst wurde.

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Atlit-Yam: Das israelische Atlantis


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