Archäologie Auf der Spur der geheimnisvollen Silbersucher

Unberührt seit 800 Jahren: Durch Zufall sind Archäologen im sächsischen Dippoldiswalde auf Silberbergwerke aus dem 12. Jahrhundert gestoßen. Aus dem geheimen Labyrinth bergen sie nun mittelalterliche Arbeitsgeräte - in einem Wettlauf gegen die Zeit.

Von , Dippoldiswalde

Christoph Seidler

Wer hätte geglaubt, dass der Eingang zur Unterwelt so gut getarnt ist? Beinahe 800 Jahre lebten die braven Bürger von Dippoldiswalde ganz dicht am Abgrund - ohne auch nur die Spur einer Ahnung davon zu haben. Dabei tut sich im Boden der sächsischen Stadt eine Unzahl verborgener Gänge und Schächte auf. Einst wurden sie von mittelalterlichen Glückssuchern in den Fels geschlagen, doch dann gerieten die alten Minen in Vergessenheit. Heute sind die Tunnel zur Gefahr geworden - und zur einzigartigen Fundgrube für Archäologen.

"Völlig überraschend sind diese Silberbergwerke aufgetaucht", sagt Christiane Hemker vom Landesamt für Archäologie in Sachsen. Die Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002 hatte die Grundwasserleiter in der Gegend durcheinandergebracht. Auf diese Weise wurden einige Schächte freigespült - und stürzten in den Folgejahren teilweise ein. Bodenabsenkungen im ganzen Stadtgebiet brachten die Experten schließlich auf die Spur der alten Minen.

"In dieser Form, in diesem Umfang konnten mittelalterliche Bergwerke noch nicht untersucht werden", frohlockt Hemker. Und so steht die resolute Wissenschaftlerin auch heute in einem der alten Stollen, genau 22 Meter unter einer Buchhandlung in der Innenstadt von Dippoldiswalde. Über unzählige Leitern sind wir hier hinunter geklettert. Die Regensachen, die wir uns zum Schutz übergeworfen haben, sind längst vollkommen verdreckt. Von Decke und Wänden tropft Wasser, die Gänge sind voller Schlamm.

Der Schacht über uns endet direkt unter dem Kellerfußboden eines Renaissancehauses. Dass über die Jahre keiner seiner Bewohner im Orkus gelandet ist, grenzt fast an ein Wunder. Aus Angst, dass doch einmal etwas passieren könnte, werden die Schächte jetzt von der Bergsicherung Freital in Schuss gebracht - und dann teilweise mit Beton verfüllt. Nur so kann der Untergrund dauerhaft stabilisiert werden. Doch zuvor tummeln sich die Archäologen hier unten.

Winziger Gang: Man muss nicht sonderlich klaustrophobisch veranlagt sein, um alleine beim Blick darauf Beklemmungen zu bekommen. Die Bergleute, die einst hier arbeiteten, störten sich aber wohl nicht daran. Sie waren Ende des 12. Jahrhunderts aus dem Harz in die Gegend gekommen.

Montanarchäologin Christiane Hemker: Im Boden der sächsischen Stadt Dippoldiswalde tut sich eine Unzahl verborgener Gänge und Schächte auf. Einst wurden sie von mittelalterlichen Glückssuchern in den Fels geschlagen, doch dann gerieten die alten Minen in Vergessenheit. Heute sind die Tunnel zur Gefahr geworden - und zur einzigartigen Fundgrube für Archäologen.

Untertunnelte Stadt: Die Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002 hatte die Grundwasserleiter in der Gegend durcheinandergebracht. Auf diese Weise wurden einige Schächte freigespült - und stürzten in den Folgejahren teilweise ein. Bodenabsenkungen im ganzen Stadtgebiet brachten die Experten schließlich auf die Spur der alten Minen.

3-D-Modell der Landschaft: Als die Silbersucher kamen, existierte in der Gegend bereits ein Dorf. Die Bergleute siedelten dann direkt bei ihren Schächten am Berg.

Rund 800 Jahre alte Holzkonstruktion im Stollen: Datiert werden die archäologischen Funde über die Abfolge der Jahresringe im Holz. Dendrochronologie heißt die Methode im Forschersprech. Mit den hölzernen Zeitzeugen können die Wissenschaftler gut erkennen, wie hart der Minen-Job in der Zeit um 1185 war.

Sicherungsarbeiten in der Innenstadt von Dippoldiswalde: Dass über die Jahre keiner der Bewohner dieses Hauses im Orkus gelandet ist, grenzt fast an ein Wunder. Ein Alter Schacht lag direkt unter dem Kellerfußboden. Aus Angst, dass doch einmal etwas passieren könnte, werden die Schächte jetzt von der Bergsicherung Freital in Schuss gebracht - und dann teilweise mit Beton gefüllt.

Abtieg ins Altbergwerk: Über unzählige Leitern geht es nach unten. Die Regensachen, die man sich zum Schutz überwirft, sind schon bald vollkommen verdreckt. Von Decke und Wänden tropft Wasser, die Gänge sind voller Schlamm.

Blick in die Vergangenheit: Die Abbauspuren sind an den Wänden der verwinkelten und niedrigen Gänge noch gut erkennbar. Mit Hammer und Meißel haben sich die mittelalterlichen Bergleute durchs Gestein gegraben, immer der Erzader nach. Ein Teil der Wände ist aber auch neu, weil die Bergsicherung den Schacht teilweise vergrößert hat, nachdem die Archäologen dort gearbeitet haben.

Modernes Arbeitsgerät: Die Mitarbeiter der Bergsicherung führen die Arbeiten im Auftrag des Oberbergamts Sachsen durch.

Computermodell: Die Schächte und Gänge werden mit einem 3-D-Scanner aufgenommen, bevor sie mit Beton verfüllt werden. Sie können anschließend am Computer begangen werden. Wenn die Bergwerke einmal voller Beton sind, ist das für die Archäologen von unschätzbarem Wert.

Restaurateure Stephan Gebhardt (links) und Philipp Schmidt-Reimann (rechts): Die Holzartefakte werden nach vorsichtiger Reinigung in Zuckerlösung eingelegt und gefriergetrocknet, um sie für die Ewigkeit zu konservieren.

Restauratorin Tatjana Held am Mikroskop: Im besonderen Klima der verborgenen Stollen haben zahllose Artefakte die Jahrhunderte überdauert. Für die Untersuchung durch die Wissenschaftler müssen sie vorbereitet werden.

Seltene Darstellung: Dieses eingemeißelte Strichmännchen wurde zusammen mit dem darumliegenden Fels aus dem Stollen geborgen. Die Forscher vermuten, dass ein gelangweilter Mitarbeiter an einer Seilwinde der Schöpfer war.

Altes Arbeitsgerät in Konservierungslösung: Die Behandlung des Holzes in den Labors der Restaurateure dauert teilweise Jahre.

In einem 3-D-Scanner vermessen die Forscher die gefundenen Fragmente im Landesamt für Archäologie. Die Bilder des Scanners lassen sich am Computer wie ein Puzzle zusammensetzen. So...

...erstehen die Arbeitsgeräte von einst virtuell wieder, wie diese alte Seilwinde.

"Wir können erkennen, wie der Bergmann vor 800 Jahren gearbeitet hat", sagt Christiane Hemker. In der Tat: Die Abbauspuren sind an den Wänden der verwinkelten und niedrigen Gänge noch gut erkennbar. Mit Hammer und Meißel haben sich die mittelalterlichen Bergleute durchs Gestein gegraben, immer der Erzader nach.

"Hier wird der Erzgang extrem schmal und verschwindet", sagt Hemker und zeigt auf eine Ausbuchtung im Stollen. Man muss nicht sonderlich klaustrophobisch veranlagt sein, um allein beim Blick darauf Beklemmungen zu bekommen. Die Bergleute, die einst hier arbeiteten, störten sich aber wohl nicht daran. Sie waren Ende des 12. Jahrhunderts aus dem Harz in die Gegend gekommen.

Datierung über Abfolge der Jahresringe

Silberfunde in der Nähe hatten einen wahren Run ausgelöst, den man sich wohl am ehesten vorstellen muss wie den späteren Goldrausch in Nordamerika. Die Stadt Freiberg entstand, der Urwald in der bis dahin weitgehend unbewohnten Erzgebirgsregion wurde gerodet.

Auf der Jagd nach dem Silber wühlten sich die furchtlosen Kerle im Licht ihrer Tierfett-Funzeln tiefer und tiefer in den Berg. Und die Minen von Dippoldiswalde zeigen, welche Technik sie dabei nutzten. Mit Seilwinden ging es in den Schacht. Erz und Grubenwasser wurden in Flechtkörben und Ledersäcken nach oben gebracht.

Im besonderen Klima der verborgenen Stollen haben zahllose Artefakte die Jahrhunderte überdauert. Als das Silber gefördert war, gaben die Kumpel ihre Minen schweren Herzens auf und zogen weiter. Ein Teil der Gänge wurde verfüllt. In die anderen schwemmte das Grundwasser große Mengen Schlamm, die das Holz luftdicht abschlossen. Bis heute.

Datiert werden die archäologischen Funde über die Abfolge der Jahresringe im Holz. Dendrochronologie heißt die Methode im Forschersprech. Mit den hölzernen Zeitzeugen können die Wissenschaftler gut erkennen, wie hart der Minen-Job in der Zeit um 1185 war. Bildliche Darstellungen des Bergbaus aus dieser Zeit gibt es nicht, umso begeisterter sind die Forscher nun.

Aus dem Schacht vor uns hebt Christiane Hemker ein gerade freigelegtes Holz. Es sieht aus wie der Stamm eines Weihnachtsbaums, den jemand vor einigen Jahren hier abgelegt hat. "In Wahrheit sind solche Hölzer aber 800 Jahre hier in diesen Bergwerken gelagert", sagt die Forscherin. Mit bloßem Auge lässt sich erkennen, wie die Bergleute dem Stück zu Leibe gerückt sind, um es für den Einsatz im Bergwerk passend zu machen: "Es ist mit dem Beil ausgearbeitet, um es wahrscheinlich in besserer Form verklemmen zu können."

Der Stamm war nach Ansicht der Archäologen Teil einer Rutsche, mit der Erzkörbe befördert wurden. Insgesamt sind in Dippoldiswalde schon rund 900 Holzstücke geborgen worden, darunter auch meterlange Leitern. Metall hat sich dagegen nur sehr selten erhalten.

In einem 3-D-Scanner vermessen die Forscher die gefundenen Fragmente im Landesamt für Archäologie in Dresden, wo die Behörde in einer ehemaligen Kaserne residiert. Die Bilder des Scanners lassen sich am Computer wie ein Puzzle zusammensetzen. So erstehen die Arbeitsgeräte von einst virtuell wieder. Die Holzartefakte werden anschließend in Zuckerlösung eingelegt und gefriergetrocknet, um sie für die Ewigkeit zu konservieren.

Auf dem Bildschirm vor Techniker Thomas Reuter fliegen einstweilen die Teile einer alten Seilwinde wie von magischer Hand zusammen. Die Behandlung des Holzes in den Laboren der Restaurateure dauert teilweise Jahre. Solange kann man schon einmal mit den virtuellen Abbildern forschen.

Die Schächte und Gänge werden ebenfalls mit einem 3-D-Scanner aufgenommen bevor sie mit Beton verfüllt werden. Und auch sie können anschließend am Computer begangen werden. Wenn die Bergwerke einmal voller Beton sind, ist das für die Archäologen von unschätzbarem Wert. Sie und ihre Kollegen hätten noch viel zu entdecken, sagt Forscherin Hemker: "Das ist europaweit einzigartig."

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insgesamt 2 Beiträge
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hansmaus 08.02.2012
1. Titel:
800 Jahre nix passiert und heute muss alles mit Beton verfüllt werden....sind wir heute wirklich so viel blöder wie die Menschend ie die letzten 800 Jahre gelebt haben?
tueftler 09.02.2012
2. ...
Zitat von hansmaus800 Jahre nix passiert und heute muss alles mit Beton verfüllt werden....sind wir heute wirklich so viel blöder wie die Menschend ie die letzten 800 Jahre gelebt haben?
Wir nicht ... Kleine Hilfe. Fragen Sie sich doch mal, warum auf Rügen die Steilküste bröckelt, die war dort sicher schon länger als 800 Jahre.
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