Ausgegraben

Ness of Brodgar "Der schönste und spannendste Grabungsort der Welt"

Steinplatte mit Ritzmuster: "Ein erstaunliches Kunstwerk" Zur Großansicht
Nick Card/ Orkney Research Centre for Archaeology

Steinplatte mit Ritzmuster: "Ein erstaunliches Kunstwerk"

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Dreiecke und Rauten, beidseitig in eine Steinplatte geritzt: Auf den schottischen Orkneys freuen sich Ausgräber über ein besonders schönes Kunstwerk aus der Steinzeit. Es gehört zu einem riesigen Tempel, der laufend neue Funde freigibt.

In der Jungsteinzeit gaben die Menschen in Europa das mühsame Leben der Jäger und Sammler auf und experimentierten mit neuen Lebensformen - dem Ackerbau und der Viehzucht. Und da sie nun nicht mehr durch die Lande zogen, begannen sie, Häuser zu bauen.

Auf den Orkney-Inseln im Norden von Schottland aber war man bereits wesentlich weiter. Im 4. Jahrtausend vor Christus erhob sich dort auf einem schmalen Landsteg zwischen zwei Lochs, dem Ness of Brodgar, schon ein Gebäude mit gewaltigem Ausmaß: Die sogenannte Structure Ten, 25 Meter lang und 20 Meter breit. Noch heute stehen die fünf Meter dicken Mauern bis zu einer Höhe von einem Meter. Der Innenraum ist kreuzförmig, eine Mischung aus den neolithischen Grabkammern der Orkneys und den Wohnhäusern der nahen Siedlung Skara Brae.

Structure Ten war in den vergangenen Grabungskampagnen schon für einige Überraschungen gut. Die Ausgräber fanden zum Beispiel die Reste eines riesigen Festgelages, bei dem rund 6000 Rinder verspeist wurden. Oder sie entdeckten den ersten Nachweis von Wandbemalung im Inneren neolithischer Häusern.

Ein Kunstgegenstand nach dem anderen

Jetzt eine weitere Sensation hinzugekommen: eine große Steinplatte, die auf zwei Seiten mit sorgfältigen Ritzmustern verziert ist. "Es ist ein erstaunliches Kunstwerk", freut sich Grabungsleiter Nick Card von der University of the Highlands and Islands. "Das Beste, das wir bislang auf dem Ness of Brodgar gefunden haben, und eines der schönsten aus ganz Großbritannien."

Offenbar legten die Menschen in Structure Ten gesteigerten Wert auf schöne Dinge: "Allein in dieser Grabungskampagne ist unser Katalog der Kunstgegenstände aus Structure Ten von 405 auf 470 Stücke gewachsen - in nur drei Wochen, und zweifelsohne wird da noch mehr hinzukommen."

Die eine Seite der Platte zieren Rauten, die mit einem Schachbrettmuster gefüllt sind. Auf der anderen Seite ritzte der Künstler mit unterschiedlichen Mustern gefüllte Dreiecke, die zusammengesetzt wiederum Rauten ergeben. Nicht überall sind die Linien gleich tief. An einigen Stellen sieht es aus, als habe der Künstler nur geübt. An anderen Stellen hat er sein Design nicht zu Ende gebracht. "Vielleicht war der Prozess an sich, die Linien in den Stein zu ritzen, genauso wichtig, wie die Arbeit auch zu Ende zu bringen", vermuten die Ausgräber in ihrem Grabungs-Blog.

Ähnliche Muster mit zusammengesetzten Dreiecken wurden in den siebziger Jahren in der Siedlung Skara Brae und in den achtziger Jahren in dem benachbarten Grabhügel Maeshowe gefunden, einem der größten Megalithgräber auf Orkney. Auch aus Irland sind ähnliche Muster bekannt. Keines der Parallelbeispiele ist aber so komplex oder so qualitativ hochwertig wie der neue Fund vom Ness of Brodgar.

Keramiktradition entstand auf den Orkneys

Der Doktorand Mike Copper von der Bradford University fand das außergewöhnliche Stück in einem der Kreuzarme im Inneren des Gebäudes. Unmittelbar daneben lag ein Keramikgefäß, die Außenseite stark verrußt. Offenbar diente es zur Aufbewahrung einiger verbrannter Knochen. Copper vermutet einen Zusammenhang der beiden Artefakte: "Der dekorierte Stein und der Topf sollten wahrscheinlich nicht getrennt voneinander betrachtet werden."

Das Gefäß gehört zur sogenannten Grooved Ware, einer sehr prominenten Tradition auf dem Ness of Brodgar. Die Gebäude sind voll davon, und einige Exemplare haben ein beachtenswertes Fassungsvermögen. Es sind außerdem die ältesten Funde von Grooved Ware überhaupt. Auf dem Ness wurde daraus schon lange gespeist, bevor die Gefäße auf dem britischen Festland in Mode kamen, und erst um 2800 vor Christus erreichte diese Keramikform dann sogar Südengland.

Kann der neu gefundene Stein am Ende vielleicht sogar helfen, mehr über die Nutzung des jungsteinzeitlichen Riesengebäudes zu erfahren? Die Ausgräber vermuten, es mit einem Weih- oder Grundstein zu tun zu haben. Grabungsleiter Card hält ihn für einen Teil der ältesten Bauphase von Structure Ten.

"Der spannendste Grabungsort der Welt!"

Das Gebäude ist sehr sorgfältig ausgerichtet: Über den Loch of Harray hinweg zeigt Structure Ten genau auf den Hügel von Maeshowe. Doch damit nicht genug: Der Ness of Brodgar ist mit gleich zwei Steinkreisen ein neolithischer Ort der Superlative.

An dem einen Ende der Landzunge steht der Steinkreis der Standing Stones of Stenness - und stand dort auch schon ein halbes Jahrtausend, bevor in Stonehenge ebenfalls Steine aufgestellt wurden. Am anderen Ende des Ness ragen zudem die Steine des Ring of Brodgar in den Himmel - und der ist mehr als doppelt so groß wie Stonehenge.

Der neue Fund in diesem Ensemble bestätigt einmal mehr, was die Archäologen, die auf dem Ness of Brodgar graben, schon seit Jahren über ihren Arbeitsplatz sagen: "Es ist der schönste und spannendste Grabungsort der Welt!"

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6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
dr.bruno 07.08.2013
largo25 07.08.2013
Alexander Vasil 07.08.2013
Alexander Vasil 07.08.2013
SchwesterPolyester 07.08.2013
granaten_apfel 07.08.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.